"Der 1925 in Wien gegründete 'Mitteleuropäische Wirtschaftstag' gehörte zu den einflussreichsten nichtstaatlichen Institutionen in der Zeit zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg. Sein Ende fällt mit Kriegsende zusammen: 1945 löste er sich auf", erklärt der Zeithistoriker Dr. Carl Freytag, Mitarbeiter des Projekts "'Ergänzungsraum Südosteuropa'. Konzepte und Strategien des Mitteleuropäischen Wirtschaftstags" innerhalb des universitären Forschungsschwerpunkts "Europäische Integration und südöstliches/östliches Europa": "Wir stellen folgende Fragen: Wie verlief die Art der Wissensgewinnung über diesen Raum? Welche Spuren hat diese Institution hinterlassen? Finden sich Parallelen zur heutigen EU-Politik?"
Wirtschaftstycoons unter sich
Im Jahr 1930 wurde der "Mitteleuropäische Wirtschaftstag" (MWT) von seiner deutschen Gruppe in Berlin übernommen. Nun erlangte er großen Einfluss, da praktisch alle führenden deutschen Unternehmen, darunter die Deutsche Bank, Krupp und die IG Farben, Mitglieder waren. Die Idee der damaligen Wirtschaftstycoons war es, den bis dahin wenig "genutzten" südosteuropäischen Raum - Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Ungarn sowie die früheren Staaten Tschechoslowakei und Jugoslawien - planerisch zu erschließen und für wirtschaftliche Investitionen vorzubereiten. Kurz gesagt, einen Kreislauf in Gang zu bringen, der in heutigen Zeiten der Globalisierung sehr bekannt anmutet: Agrarprodukte und Rohstoffe billig zu importieren, billige Arbeitskräfte vor Ort zu beschäftigen, um fertige Industrieprodukte in den Südosten dementsprechend gewinnbringend zu exportieren.
Was findet sich in den Archiven?
An der Erarbeitung von Studien über die zu erschließenden Gebiete beteiligten sich damals sowohl deutsche und österreichische Experten als auch solche vor Ort. Herauszufinden, wie sie vorgingen und welche Erkenntnisse sie gewannen, ist nun Aufgabe des Projekts "Ergänzungsraum Südosteuropa" am Institut für Zeitgeschichte. "Wir werden die deutschen und österreichischen Archive aufarbeiten. Eine uns zugesprochene Postdoc-Stelle sowie eine Doktorandenstelle ermöglichen auch die Archivaufarbeitung vor Ort in Ex-Jugoslawien", erklärt die Projektleiterin Univ.-Prof. Dr. Carola Sachse: "Darüber hinaus ist natürlich auch die damalige Umsetzung interessant, also welche konkreten Firmen im Südosten Niederlassungen gründeten. Und ebenso, welche davon bis heute dort existieren."
NS-Organisation oder Entwicklungshilfe?
Ein weiteres wichtiges Anliegen des Projekts ist es, den MWT politisch zu verorten. Dabei wird auch die Nähe zu den Nationalsozialisten genauer beleuchtet, die von 1933 bis 1945 allein herrschende politische Partei in Deutschland waren. "Hier gehen die Meinungen auseinander. So wird der Wirtschaftstag aus heutiger Sicht oft vorschnell als NS-Organisation abgetan, andererseits wird er oft auch als Entwicklungshilfeorganisation verstanden. Tatsächlich lag der MWT wohl irgendwo dazwischen", meint Freytag, um gleich anzuschließen: "Beim MWT ging es in erster Linie ums Geschäft. Die Mitglieder kamen alle aus der Privatwirtschaft, und zu den Vertretern des NS-Systems bestand ein Konkurrenzverhältnis, da diese ja ebenso auf Expansion aus waren und Handel treiben wollten. Vielen von ihnen war daher der MWT ein Dorn im Auge." Carola Sachse ist es dabei wichtig klarzustellen, dass "der MWT weit entfernt von einer Widerstandsbewegung war." Aussagen über genauere politische Verortungen können erst bei Projektabschluss in drei Jahren getroffen werden.
EU-konform?
Aufgrund der gewonnenen Daten erhofft sich das ZeithistorikerInnen-Team rund um Sachse Erkenntnisse, wie der Raum Südosteuropa damals "gedacht" wurde. Diese historischen Denkmuster der Zwischenkriegszeit lassen sich folglich mit heutigen EU-Vorstellungen vergleichen. Dabei ist es besonders spannend zu erfahren, ob sich das "gedankliche Machtgefüge" des Westens gegenüber dem Südosten wesentlich verändert hat.
GastforscherInnen helfen bei Aufarbeitung
Um den großen Themenkomplex rund um die Konstruktion von Südosteuropa und die Rolle des MWT aufzuarbeiten, werden internationale GastforscherInnen im Zuge von zwei- bis sechsmonatigen Stipendien zu Teilaspekten mitarbeiten. So wird etwa die Ausbeutung von Erzlagern, das Verhältnis lokaler Strukturen zur Großraumplanung oder der utopische Gehalt der Raumplanung des MWT untersucht. "Diese kleineren Studien sollen in Artikel und Aufsätzen sowie Konferenzbeiträgen münden. Zudem wird ein eigens eingerichteter wissenschaftlicher Beirat die Expertise erweitern", erklärt Sachse abschließend. (td)
Das Projekt "Ergänzungsraum Südosteuropa. Konzepte und Strategien des Mitteleuropäischen Wirtschaftstags" des Instituts für Zeitgeschichte unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Carola Sachse ist eines von insgesamt drei Projekten im Rahmen des universitären Forschungsschwerpunkts "Europäische Integration und südöstliches/östliches Europa". Die Forschung startete im Oktober 2006 mit einer Laufzeit von drei Jahren.
Vortrag von Markus Wien (Sofia) über die Aktivitäten des MWT in Bulgarien Samstag, 3. Februar 2007, 11.45 Uhr Institut für Zeitgeschichte, Seminarraum 1 Universitätscampus Hof 1 Spitalgasse 2-4, 1090 Wien |