Nach wie vor weist Südafrika eine der höchsten Verbrechensraten weltweit auf. Die Hintergründe lassen sich auf das strukturelle Erbe des über 40-jährigen Apartheidregimes zurückführen, das SchwarzafrikanerInnen vom öffentlichen Leben ausschloss bzw. segregierte. Bis heute herrscht unter der schwarzen Mehrheitsbevölkerung eine Arbeitslosenquote von rund 43 Prozent und dementsprechende Armut, während die englischsprachigen WeißafrikanerInnen (rund 8,9 Prozent Bevölkerungsanteil) fast ausschließlich die Mittel- und Oberschicht stellen.
Nur langsam greifen die Programme des African National Congress (ANC) - vormals eine Anti-Apartheidbewegung, seit 1994 Regierungspartei - zur Beseitigung der sozialen Ungleichheit zwischen Schwarz und Weiß, zu tief verankert sind die Apartheidstrukturen. Erste Veränderungen sind dennoch sichtbar: Die Kriminalitätsrate, wenn auch sehr hoch, sinkt langsam, gleichzeitig bildet sich eine schwarze Mittelschicht heraus, die es schafft, aus den Townships herauszukommen.
Hoffnungsschimmer bleibt
"In den meisten zeitgenössischen südafrikanischen Romanen wird eine sehr gewalttätige Welt porträtiert. Mord, Totschlag und Vergewaltigung sind wiederkehrende Inhalte", erklärt Univ.-Prof. Dr. Ewald Mengel vom Institut für Anglistik und Amerikanistik: "Aber es ist gleichzeitig auch eine Welt, in der am Ende doch meist ein Hoffnungsschimmer durchbricht."
Für sein aktuelles FWF-Projekt, das im Juli 2008 startete, analysiert Ewald Mengel mit seinem dreiköpfigen Team rund 100 auf Englisch erschienene Romane zeitgenössischer AutorInnen aus Südafrika. Das Sample inkludiert Autoren und Autorinnen sowohl der schwarzen wie auch der weißen Community. "Da SchwarzafrikanerInnen während des Apartheidregimes mehrheitlich von Bildung ausgeschlossen waren, gibt es derzeit noch mehr weiße als schwarze SchriftstellerInnen", so Anglist Mengel: "Doch ihre Zahl steigt seit dem Fall der Apartheid, auch die Zahl an Schriftstellerinnen nimmt zu."
Ein neueres Phänomen sind homosexuelle AutorInnen, die sich nun vermehrt outen und auch über diese Erfahrungen schreiben. "Trotz der neuen Meinungsfreiheit ist ein wichtiges Thema sehr unterrepräsentiert und tabu: Aids. Und das, obwohl es ein großes gesellschaftliches Problem darstellt", sagt Ewald Mengel.
Aufarbeitung der Vergangenheit
Mit dem Ende der Apartheid erlebte das Literaturschaffen einen neuen Aufschwung. Die Zensur wurde aufgehoben und ein Großteil der ExilautorInnen kehrte in die Heimat zurück, gleichzeitig konnten AutorInnen nun aussprechen, was zuvor verboten war: Die Aufarbeitung der Vergangenheit stand und steht nach wie vor im Mittelpunkt des Schaffens. Themen sind erlebte Traumata, Vergewaltigung, verschiedene Formen von Gewaltanwendung, die Rolle der Geheimpolizei, deren Machenschaften erst in jüngster Zeit aufgedeckt werden, und auch die Rolle der "Truth and Reconciliation Commission", die von 1994 bis 1998 politisch motivierte Verbrechen während der Zeit der Apartheid untersuchte. Das Ziel der Kommission war es, Opfer und Täter in einen "Dialog" miteinander zu bringen und somit eine Basis für die Versöhnung zerstrittener Bevölkerungsgruppen zu schaffen.
Angstzustände, Gefühlsarmut und Aggression
Für seine Literaturanalysen wendet Mengel auch die moderne Traumatheorie an. Er geht davon aus, dass Südafrika aufgrund der Diskriminierungen und Gewalttätigkeiten während des Apartheidregimes unter einem kollektiven Trauma leidet. "Mich interessiert der Zusammenhang zwischen Traumatheorie und Narratologie, wie sich Traumata einerseits in der literarischen Struktur widerspiegeln, und andererseits, welchen Beitrag Literatur zur Traumaverarbeitung leisten kann", so Ewald Mengel.
Traumatisierte Menschen leiden oft unter Angstzuständen und Gefühlsarmut, gleichzeitig tritt auch aggressives Verhalten immer wieder auf. Auf viele Charaktere in südafrikanischen Romanen trifft dieses Verhalten zu - traumatisiert ist sowohl die Nation im Sinne eines kollektiven Traumas und gleichzeitig Einzelpersonen, die mit Gewaltanwendungen während der Apartheid konfrontiert waren.
Verschiedene Genres
Drei Genres sind in zeitgenössischen Romanen aus Südafrika immer wieder anzutreffen: der Detektivroman, der Farmroman ("Plaasroman") sowie Memoiren. "In Plotstrukturen spiegeln sich politische Ereignisse wider. Während der Apartheid sind viele Menschen einfach verschwunden. Der Detektivroman mit seinem Hauptmotiv, der Suche nach einer Leiche, dem Mörder oder generell nach der Wahrheit, steht exemplarisch für den Wunsch, dass Verbrechen ans Licht kommen", so Mengel. Im Farmroman werden ganz konkret Herrschaftsverhältnisse thematisiert: Die Farm steht symbolisch für die Macht und Ausbeutung durch die herrschende weißeuropäische Bevölkerungsschicht. Farmromane der Gegenwart thematisieren jedoch auch die steigende Bedrohung dieses symbolträchtigen Eigentums in den 1980er Jahren und die Gefahr des Verlustes dieser Macht. In Memoiren wird ein fiktiver Zuhörer direkt angesprochen. "Der Ton ist bekenntnishaft und die Wahrheit kommt in subjektiven Zeugenberichten zum Ausdruck", so Mengel.
Feldforschung vor Ort
Im Februar 2009 plant Mengel mit seinem Projektteam, Mag. Michaela Borzaga, Mag. Karin Orantes und Mag. Kerstin Schwarzfurtner, eine Reise nach Südafrika, um vor Ort in Bibliotheken und Archiven zu recherchieren, aber auch um SchriftstellerInnen und Erzbischof Desmond Tutu zu interviewen. Die Gespräche sollen den WissenschafterInnen persönliche Einblicke von AkteurInnen zu den Themen Trauma, Erinnerung und Vergangenheitsbewältigung geben. Weiters wird sich das Team mit Literaturwissenschafter Chris Van der Merwe von der Universität Kapstadt austauschen. Van der Merwe forscht innerhalb des Projekts zur Literatur in Afrikaans und untersucht, wie sich diese inhaltlich mit Trauma und Geschichtsaufarbeitung auseinandersetzt. (td)
Das dreijährige FWF-Projekt "Der zeitgenössische südafrikanische Roman" startete im Juli 2008 unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Ewald Mengel vom Institut für Anglistik und Amerikanistik. Die Projektmitarbeiterinnen Mag. Michaela Borzaga, Mag. Karin Orantes und Mag. Kerstin Schwarzfurtner werden im Rahmen der Forschung ihre Dissertationen verfassen. |