Auf den ersten Blick scheinen Psychoanalyse und Europäische Ethnologie (Volkskunde), ein Fach, das sich vorwiegend mit alltäglichen Lebensformen und populären Kulturäußerungen beschäftigt, wenig gemeinsam zu haben. Doch der erste Eindruck täuscht. "Die Fachbereiche Volkskunde, Europäische Ethnologie und Anthropologie haben schon früh psychoanalytische Einsichten zur Analyse von Kultur und Gesellschaft genutzt", erklärt Mag. Dr. Elisabeth Timm vom Institut für Europäische Ethnologie.
Gemeinsam mit ihren Kolleginnen ao. Prof. Dr. Elisabeth Katschnig-Fasch vom Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie der Universität Graz und Dr. Margot Schindler, Direktorin des Österreichischen Museums für Volkskunde in Wien, organisiert sie die Tagung "Kulturanalyse ? Psychoanalayse ? Sozialforschung": "Die Verbindungen waren früher sogar noch viel enger als heute. Sigmund Freud arbeitete ja als Kulturtheoretiker und gleichzeitig gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Volkskunde ein Interesse an psychologischen Fragestellungen."
Entfernung und Annäherung
In den 1930er Jahren entfernten sich die verschiedenen Disziplinen mehr und mehr voneinander. Mitschuld daran waren der aufkommende Antisemitismus und die Ausgrenzung, Vertreibung und Ermordung jüdischer Gelehrter durch die Nationalsozialisten. "Zum Glück sind aber die Beziehungen nie ganz abgebrochen. Heute kommt es wieder zu einer Annäherung", erklärt Timm: "Auf der Tagung werden kulturwissenschaftlich forschende KollegInnen aus unterschiedlichen Disziplinen Potenziale psychoanalytischen Wissens ausloten."
Den Auftakt des Symposiums bildet eine hochkarätig besetzte Diskussionsrunde zum Überthema "Kulturwissenschaftliche Begegnung mit der Psychoanalyse" (23. November, 17.30 Uhr). Der Mitbegründer der Ethnopsychoanalyse Mario Erdheim diskutiert mit Ina-Maria Greverus, die das Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Universität Frankfurt a. M. gründete. Dritter Teilnehmer der Runde ist der Volkskundler und Religionsexperte Martin Scharfe.
ExpertInnen und Koryphäen
Der zweite Tagungstag geht ebenso hochkarätig weiter. Darunter ist auch Eli Zaretsky von der New School University in New York, zu dessen Spezialgebiet die Geschichte der Psychoanalyse zählt. In seinem Vortrag "A Future for Psychoanalysis" rekonstruiert der Historiker die Psychoanalyse als Teil des großen Modernisierungsprozesses der bürgerlichen Gesellschaften im 19. und 20. Jahrhundert. Anschließend wird Regina Becker-Schmidt, Professorin am Psychologischen Institut der Universität Hannover, über die sozialpsychologische Genderforschung referieren: "Zweigeschlechtlichkeit als Ordnungsmacht für Subjekt und Gesellschaft".
Relevanz in der Gesellschaft
Im Zuge der vom Wiener Psychoanalytiker Felix de Mendelssohn moderierten Abschlussdiskussion zur Fragestellung "Kultur und Politik: Gesellschaftspolitische Relevanz psychoanalytischer Zugänge" kommt neben dem Soziologen Helmut Dahmer auch der deutsche Literaturwissenschafter und Soziologe Klaus Theweleit zu Wort ? der breiteren Öffentlichkeit bekannt durch sein Buch "Männerphantasien" (1977). Theweleit wird unter anderem auf seine jüngste Publikation "absolute(ly) Sigmund Freud" zu sprechen kommen. Dieses 2006 erschienene Werk beschreibt Freud in Pop und Popkultur. Der Erfinder des Ödipus-Komplexes wird in Songtexten von Madonna, Harry Belafonte, Alanis Morissette oder Greenday gespiegelt. (td)
Tagung "Kulturanalyse ? Psychoanalyse ? Sozialforschung" 23. bis 25. November 2006, Eröffnung: 23. November, 17 Uhr Österreichisches Museum für Volkskunde Laudongasse 15-17, 1080 Wien Programm (PDF)
Anmeldung zur Tagung Tel. +43(0)1/406 89 05-34 und c.peschel-wacha@volkskundemuseum.at Tagungsgebühr: Gesamte Tagung: 20 Euro, Studierende: 10 Euro; Tageskarte: 10 Euro, Studierende: 5 Euro |