Das Symposium wird vom Institut Wiener Kreis gemeinsam mit dem Zentrum für überfakultäre Forschung, mit dem Institut für Zeitgeschichte und dem Institut für Experimentalphysik veranstaltet. Koryphäen der Wissenschaften wie die Nobelpreisträger Eric Kandel und Walter Kohn halten Vorträge, von der Universität Wien sind u.a. Karl Sigmund, Mitchell Ash und Anton Zeilinger vertreten. | |  | | | | Anton Zeilinger, Georg Winckler, Friedrich Stadler und Eric Kandel | Bei der Pressekonferenz wurde die Wichtigkeit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit betont. Die Universitäten sollten hierbei federführend sein und kritisch mit der eigenen Geschichte umgehen.
DieUniversitaet.at sprach mit dem wissenschaftlichen Leiter des Symposiums, Univ.-Prof. Dr. Friedrich Stadler vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.
DieUniversitaet.at: Was war der Anlass für das Symposium und welche Zielsetzungen verfolgt es?
Friedrich Stadler: Der Spiritus rector des Symposiums war der Nobelpreisträger Eric Kandel, der im Jahre 2000 den Nobelpreis für Medizin erhielt. Er stammt aus Österreich und wurde im April 1939 durch die Nationalsozialisten vertrieben. Die Republik Österreich wollte ihn für den Nobelpreis ehren, jedoch schlug der Laureat vor, anstelle von Ehrungen ein wissenschaftliches Symposium zu veranstalten. Das Symposium kombiniert die aktuelle zeitgeschichtliche Forschung zum Themenbereich Wissenschaft, Bildung und Hochschulen und die Folgen mit den biographischen und autobiographischen Berichten von jenen, die in der NS-Periode vertrieben wurden. Ich denke, dass die Teilnehmer die Crème de la Crème einer Generation bilden, die Österreich verlassen musste, aus sogenannten "rassischen", politischen und weltanschaulichen Gründen. Mit diesen Perspektiven kann man sehr schön zeigen, warum dieser Exodus erfolgt ist und welche Folgen die Vertreibung für das Wissenschaftssystem der Zweiten Republik gehabt hat.
DieUniversitaet.at: Inwieweit hat sich die Forschung rund um "Wissenschaft und Nationalsozialismus" in den letzten Jahren verändert?
Stadler: Die Forschung hat Einiges beigetragen, und es hat sich im Bereich von Publikationen und Forschungsprojekten sehr viel getan. In der Scientific Community ist mehr Sensibilität vorhanden, so dass wir im internationalen Vergleich ein verfeinertes Bild haben. Wir können bestimmte Fragen spezifischer angehen, beispielweise Wirkung und Rückwirkung des Cultural Exodus und die Frage der langfristigen Folgen des heutigen Bildungswesens. Wir haben Studien von Nobelpreisträgern, wir haben Projekte, die sich mit vertriebenen Physikern der älteren und jüngeren Generation beschäftigen und wir haben ein spezifisches Projekt, das sich den Studierenden der Universität Wien widmet, nämlich denjenigen, die 1938 knapp vor Beendigung ihres Studiums das Land verlassen mussten und ihrer Lebenschancen geraubt wurden, und wo man fragen muss, was ist mit denjenigen passiert, die auch hier an der Universität Wien nicht mehr ihr Studium abschließen konnten. Die Thematisierung des Bereichs Wissenschaft und Hochschulen fand ja auch in den letzten Jahren durch ein eigenes Symposium statt, das die Rolle von Konrad Lorenz als Kollaborateur mit den damaligen Machthabern behandelte (Konrad Lorenz und der Nationalsozialismus').
DieUniversitaet.at: Wie verliefen die Vorbereitungen für das Symposium?
Stadler: Es war ein sehr kompliziertes Unternehmen. Der Vorschlag geht schon sehr weit zurück und zwar ins Jahr 2000. Durch die angenehme Zusammenarbeit mit Eric Kandel, Walter Kohn, Fritz Stern und Anton Zeilinger ist es uns gelungen, ein kleines Team aufzubauen und das Programm Schritt für Schritt zu entwickeln. Ich denke, dass wir gemeinsam zu einem sehr attraktiven Programm beitragen werden. Vor allem die Präsenz der Teilnehmer in Verbindung mit der Präsentation der aktuellen Forschungslandschaft gibt diesen Reiz her.
DieUniversitaet.at: Wo sehen Sie eine Chance, dieses Thema auszubauen, um mehr Menschen zu erreichen?
Stadler: Ich denke, wenn das Bewusstsein geschaffen wird, dass jede einzelne Disziplin insgesamt auch die eigene Entwicklung und die Rollen während des Faschismus und des Nationalsozialismus aufarbeitet, wäre schon ein wesentlicher Schritt getan. Durch diese Präsentation neuerer Forschungsergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit ist sicherlich ein guter Boden für Einzelstudien, Fallstudien, Biographien oder auch kollektivbiographische Projekte aufbereitet worden. Es gibt Websites, die sich der Wissenschaft im Exil und der Literatur im Exil widmen. Es gibt auch eine österreichische Gesellschaft für Exilforschung, die versucht, diese unterschiedlichen Initiativen und vereinzelten Aktivitäten zu präsentieren. Es ist doch einiges in diesem Bereich geschehen, obwohl die Förderungssituation sich nicht zum Besseren gewendet hat.
DieUniversitaet.at: Sind weitere Symposien bzw. Veranstaltungen zu diesem Themenbereich geplant?
Stadler: Ich denke, dass die präsentierten Forschungsschwerpunkte in Lehrveranstaltungen aufbereitet werden. Diese Ergebnisse wären beispielsweise in einem Modul Historische Wissenschaftsforschung im Diplomstudium Geschichte sehr bereichernd. Zudem werden einzelne Ergebnisse sicherlich für Buchpräsentationen interessant. Größere Veranstaltungen sind derzeit nicht geplant und nicht absehbar. (du)
Symposium "Österreich und der Nationalsozialismus - Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung"
Zeit: 5.-6. Juni 2003, jeweils 9-12 und 14-18 Uhr
Ort: Universität Wien, Kleiner Festsaal 1010 Wien, Dr.-Karl-Lueger-Ring 1
Programm
Institut für Zeitgeschichte |