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"The worst experiences of my life" |
| Wissenschaft und Nationalsozialismus |
| Roland Dreger (Redaktion) am 5. Juni 2003 |
Der 1923 in Wien geborene Physiker und Nobelpreisträger Walter Kohn gehörte zu jenen vielen jungen Talenten, die der Vertreibung durch das NS-Regime anheim fielen. Am 6. Juni 2003 hält er dazu im Rahmen des Symposions "Österreich und der Nationalsozialismus" einen Vortrag an der Universität Wien. DieUniversitaet.at beleuchtete seine Lebensgeschichte und befragte ihn vorab nach seinen persönlichen Erlebnissen damals sowie der heutigen Beziehung zu Österreich. |
Professor Sabbath und Professor Nohel Als Walter Kohn 1998 für seine Arbeiten zur Dichtefunktionaltheorie den Chemie-Nobelpreis erhielt, bemerkte er etwas schmunzelnd, dass er sein Wissen über Chemie eigentlich im Wesentlichen seinen Lehrern aus Wien verdanke. Obwohl diese Aussage nicht so ganz ernst gemeint war, betonte Kohn immer wieder, dass ihn einige seiner Lehrer in Wien sehr stark prägten. Speziell zwei Lehrer verstanden es, in ihm ein belebendes Interesse für die Wissenschaft zu wecken. Zum einen war dies sein Mathematikprofessor Dr. Victor Sabbath, der den SchülerInnen, vom Lehrplan abweichend, die komplexe Funktionentheorie beibrachte und sie stets über seine wissenschaftliche Lektüre am Laufenden hielt. Zum anderen verstand es Dr. Emil Nohel, den damals fünfzehnjährigen Kohn mit seinem Unterricht zu begeistern. Nohel war in den 1920er Jahren Assistent von Albert Einstein gewesen und Physikprofessor sowie Direktor am jüdischen Chajes-Gymnasium in der Sperlgasse, in das Kohn nach seinem Ausschluss aus dem Akademischen Gymnasium kam. Über ihn sagt Kohn, dass er ohne ihn fast sicher nie zum Wissenschafter geworden wäre. Beide Lehrer wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Flucht aus Wien Walter Kohn, und etwas frührer seiner Schwester Minna, gelang im Sommer 1939 kurz vor Kriegsbeginn die Flucht nach England. Seine Eltern, Salomon und Gittel Kohn, konnten nicht aus Österreich fliehen, beide kamen in Auschwitz um. Von England aus wurde Kohn in ein kanadisches Internierungslager überstellt, aus dem er schließlich im Jänner 1942 entlassen wurde. An der Universität von Toronto studierte er Physik, wechselte dann aber bald an die renommiertere Harvard Universität, an der er 1948 seinen ersten Lehrposten angeboten bekam. Nach Studienaufenthalten unter anderem in Paris, Kopenhagen, Jerusalem, London sowie Zürich und Konsulententätigkeiten für die Firmen Westinghouse, Bell, General Atomic und IBM, gelangte er letztlich 1979 an die Universität von Santa Barbara, wo er 1991 emeritierte und auch heute noch lebt. Haftende Erinnerungen Zurückkehren nach Österreich wollte Kohn nach dem Krieg übrigens nie, selbst dann nicht, wenn man ihn gefragt hätte. Zu schwer wogen die negativen Eindrücke der damaligen Zeit, die Erinnerungen an die Kristallnacht, in der die Wohnung der Familie Kohn in der Theobaldgasse verwüstet wurde, und die Vertreibung aus dem Akademischen Gymnasium am Beethovenplatz. Kohn über die damaligen Geschehnisse: "The worst experiences of my life - especially the realization that many of our respected teachers had been illegally members of the Nazi party." Wissenschaft verbindet Seine heutige Beziehung zu Österreich beschreibt Kohn mit "very complex and difficult", und dennoch ist die Verbindung zu seinem Geburtsland nicht vollständig abgerissen. Seine Nichte und sein Neffe, die den Postkartenverlag seiner Eltern betreiben, leben hier und auch zu Fachkollegen in Wien besteht nach wie vor eine sehr gute Beziehung. Zuerst bestand eine jahrelange wissenschaftliche Verbindung zum mittlerweile emeritierten Univ.-Prof. Dr. Walter Thirring, Institut für Theoretische Physik der Universität Wien, und in Folge auch eine Beziehung zur Technischen Universität Wien, im Speziellen zu Univ.-Prof. Dr. Peter Weinberger. In der Wissenschaft zumindest, so ist Kohn überzeugt, hat man in Österreich das damalige nationalstaatliche und ethische Denken mittlerweile überwunden: "Fortunately, science in general has a tradition of a high level of international and inter-ethnic collaboration. Of course there have been major exceptions, including anti-Semitism, 'Deutsche Physik', and negatively 'capitalist science' in the Stalin period. My sense is that in Austrian scientific circles these aberrations have been overcome." Die Notwendigkeit des Erzählens Über die Zeit des Nationalsozialismus sowie die Geschehnisse der damaligen Zeit zu sprechen und vor allem Jugendlichen davon zu erzählen, hält Kohn nach wie vor für sehr wichtig. Während seiner mittlerweile fast 50 Österreichaufenthalte nach seiner Vertreibung konnte er auch seine ehemaligen Schulen in Wien besuchen und mit den SchülerInnen dort sprechen: "I have in fact had productive meetings with students of the Akademische and Chajes-Gymnasia and I have established, in both of these schools, prizes in the areas of science, including mathematics, and human rights." Besonders berührt hat ihn beim Schulbesuch im Akademischen Gymnasium 1998 ein Projekt der dortigen SchülerInnen. Thema dabei war die Ausstoßung der jüdischen SchülerInnen im März und April 1938, ein Schicksal, das auch ihm widerfahren ist. (ro) Symposium "Österreich und der Nationalsozialismus" |
