"Was für ein mieser, feiger Zug!" Wird Ihnen dieser Satz bei einer Schachpartie unter Freunden entgegengeworfen, muss das keine Beleidigung sein. Verwirrend? Mitnichten, erklärt Univ.-Prof. Dr. Manfred Kienpointner: "Es kann auch als Zeichen von Anerkennung und Verbundenheit gelten." Neben der eiskalten "Scheinhöflichkeit" gibt es eben auch eine "Scheinunhöflichkeit", die sich zum Beispiel im gegenseitigen Necken ausdrückt, denn: "Eine gute Beziehung hält harmloses Necken aus und zeugt dadurch von Nähe und Vertrautheit", sagt der Innsbrucker Gastprofessor, der die an der Lancaster University lehrende Ruth Wodak für vier Semester am Institut für Sprachwissenschaft vertritt. Und gibt ein Beispiel: "Liest man Transkriptionen von Gesprächen zwischen jüdischen Ehepaaren in Philadelphia, die im Rahmen einer Studie der amerikanischen Soziolinguistin Deborah Schiffrin gemacht wurden, werden sie als grob und verletzend empfunden. Die Ehepaare selbst fühlen sich aber wohl dabei und empfinden zum Beispiel das häufige sich gegenseitige Unterbrechen, das generell als unhöflich aufgefasst wird, als Zeichen von Anteilnahme", interpretiert Kienpointner.
Mehr als Benimmregeln
Unter Höflichkeit versteht die Forschung weit mehr als die im Alltag verwendete formelhafte Korrektheit oder Benimmregeln ? Freiherr von Knigges "Über den Umgang mit Menschen" war 1788 geradezu aufklärerisch-revolutionär, indem das Buch vom Umgang mit Menschen und Mächtigen handelte. Die Benimmregeln, auf die das Buch (es?) im Laufe des 19. Jahrhunderts reduziert wurde, nehmen hingegen nur einen kleinen Teil ein. "Strategien und Kommunikationstechniken, die die persönliche Begegnung zwischen Menschen reibungsfrei und angenehm gestalten", definiert Prof. Kienpointner Höflichkeit, "sie drückt gegenseitigen Respekt und Toleranz aus, verhindert Dialogblockaden und sorgt für eine gute Grundstimmung in der Kommunikation." In diesem Zusammenhang seien auch kleine Notlügen nicht zu verteufeln: "Niemand würde in einer Welt der völligen Aufrichtigkeit leben wollen."
Höflichkeitsforschung
In den 1970er Jahren wurde die Höflichkeit von der Pragmatik und der Soziolinguistik als Untersuchungsgebiet entdeckt. Sprachliche Kommunikation, so wurde gezeigt, dient nicht nur der Informationsvermittlung, sondern auch dem Vermeiden bzw. Minimieren von potentiellen Konflikten, die jeder zwischenmenschlichen Interaktion inhärent ist. Höflichkeit als Strategie der Konfliktvermeidung sei demnach universal, formulierten die HöflichkeitsforscherInnen Penelope Brown und Steven Levinson 1978.
Sie unterschieden dabei zwischen positiver und negativer Höflichkeit. Positive Höflichkeit operiert mit gegenseitiger Bestätigung, Herstellung von Gemeinsamkeiten und Anerkennung, wodurch Solidarität und Harmonie zwischen den GesprächspartnerInnen entstehen. Ein Beispiel wäre das Lob und die "wir"-Strategie im folgenden Satz: "Ich bedanke mich für deine/Ihre wertvollen Diskussionsbeiträge und freue mich, dass wir weiter zusammenarbeiten werden".
"'Könntest du mir das Salz geben?' statt 'Gib mir das Salz!'", nennt der Sprachwissenschafter ein Beispiel für negative Höflichkeit: Abschwächende Äußerungen, die häufig indirekt, im Konjunktiv und/oder als Frage formuliert werden, statt direkt einen Befehl, eine Bitte oder eine Aufforderung auszusprechen, dienen laut Brown/Levinson der Wahrung des Gesichts ? denn jeder kommunikative Akt sei potentiell "gesichtsbedrohend" (face-threatening act), Höflichkeit eine ausgleichende Schutzmaßnahme. Das "positive Gesicht" ? der Wunsch einer Person nach Anerkennung ? lässt sich durch "positive Höflichkeitsstrategien" aufwerten, das "negative Gesicht" verlangt nach Distanz, Respekt und Unabhängigkeit. "Letztlich geht es immer darum, das eigene und das Gesicht des Hörers zu bewahren und zu schützen", erklärt der Professor, der sich neben der Höflichkeitsforschung u.a. auch mit Rhetorik, Kontrastiver Grammatik und Feministischer Linguistik beschäftigt
Universell, aber kulturelle Unterschiede
Auch wenn Höflichkeit ein universales Phänomen ist, so gibt es doch große kulturelle Unterschiede in den Erscheinungsformen, abhängig auch von der sozialen Distanz und der Machtbeziehung zwischen Sprecher und Hörer. Was für die einen als höflich gilt, kann für andere irritierend sein, zum Beispiel die Pausengestaltung. "Bei den Navahos , US-amerikanischen Indianern, wird langes Schweigen in Gesprächen positiv gesehen. Mir hingegen waren die langen Pausen peinlich und ich habe versucht, sie zu überbrücken ? und galt als unhöflicher 'geschwätziger Europäer'", erinnert sich Kienpointner.
In einer stark hierarchisch geprägten Kultur wie der japanischen sind ? anders als zum Beispiel in der britischen Gesellschaft ? Ehrerbietungsbezeugungen und Unterwerfungsstrategien ein Must. Höflichkeit ist dort außerdem fest in der Grammatik verankert, etwa durch eigene Verbformen je nach Grad der Höflichkeit. "Die japanischen Höflichkeitsformeln engen sehr ein, geben andererseits aber auch Sicherheit. In westlichen Sprachen hat man hingegen mehr strategischen Spielraum." So allgemeine Aussagen über Höflichkeit in Sprach- und Kulturräumen gelten allerdings immer nur tendenziell.
"Scheiße", "Fräulein" und Smileys
Doch auch im eigenen Kulturraum gibt es gewaltige Unterschiede, betrachtet man Kommunikation auf der Zeitachse. Galt der Kraftausdruck "Scheiße" vor einigen Jahr(zehnt)en noch als äußerst obszön, ist es zwar auch heute nicht gern gehört, wird aber nicht mehr als grob beleidigend empfunden. Das "Fräulein", von älteren Herren höflich gemeint, lässt durch den Sprachwandel der letzten Jahre so manches Lächeln junger Frauen einfrieren. Was neue Medien wie Internet oder SMS betrifft, so sieht Prof. Kienpointner innerhalb dieser Textsorten einen Wandel der Höflichkeitskonventionen, die Höflichkeit sei aber nach wie vor da: "'Du' und 'euch' auch nach der Rechtschreibreform weiterhin groß zu schreiben, kann in diesen Medien Distanziertheit übermäßig betonen. Als neue Höflichkeitsstrategien sind Emoticons wie Smileys verbindlich geworden: Sie drücken Emotion und informelle Freundlichkeit aus." Heutzutage muss man also nicht mehr lange rumschreiben, wie noch zu Knigges Zeiten: Oft reicht schon ein , um als höflich zu gelten.
Prof. Manfred Kienpointner hält im Wintersemester 2005/06 das Proseminar "Höflichkeit in der Kommunikation". |