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Über die Grenzen des Körpers hinweg: Behinderte Frauen und Kunst
Behinderung/Integration
Simone Kremsberger (Redaktion) am 10. April 2003

Wenn die ans Bett gefesselte Frida Kahlo zu malen beginnt, die Gehörlose Emmanuelle Laborit ihren Körperausdruck nutzt und Schauspielerin wird, bringen sie trotz oder gerade wegen ihrer Behinderung Großes hervor. Doch vor nicht allzu langer Zeit bedeutete Behindert-Sein Lebensgefahr: Für die Malerin Elfriede Lohse-Wächtler war ihre psychische Krankheit unter dem NS-Regime tödlich.

Lange trug Behinderung einen Opfer-Stempel und fand, wenn überhaupt, auch nur in dieser Form Eingang in die Kunst. Man denke an Klara Sesemann - ja, das Mädchen aus dem Kinderbuch, die sanfte, bleiche Frankfurter Freundin von Heidi, dem Schweizer Naturkind. "Deutschlands bekannteste Rollstuhlfahrerin", bemerkt Hedwig Kaster-Bierker, die mit Anneliese Mayer das Buch "berühmt - beliebt - behindert" herausgegeben hat, nicht ohne Bitterkeit. War Klara im Originaltext von Johanna von Spyri (1880) noch als rein passive Figur den Schiebungen durch das gestrenge Fräulein Rottenmeier und den Unterhaltungskünsten Heidis ausgesetzt, so trägt sie in neueren Bearbeitungen individuellere Züge, der Mitleidsaspekt schwindet. Auch in dem Film "Frida" (derzeit im Kino) wird die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo nicht als Opfer, sondern als selbstbestimmte Frau dargestellt. Anerkennung statt Mitleid - doch in manchen Zeiten spielte keines von beiden eine Rolle.

Malen gegen das innere Chaos

Unter dem NS-Regime war Behinderung für viele Menschen lebensgefährlich. So für die Malerin Elfriede Lohse-Wächtler, die im Sommer 1940 in der Vernichtungsanstalt Pirna-Sonnenstein in Sachsen vergast wurde. Lohse-Wächtler, 1899 in Dresden geboren, zeigte bereits früh künstlerisches Talent und besuchte die Kunstgewerbeschule. 1928 hatte sie ihre erste Ausstellung. Nach einem Nervenzusammenbruch und Symptomen von Verfolgungswahn verbrachte sie zwei Monate in einer Klinik, wo sie Studien von Anstaltsinsassen anfertigte, die ihr unter dem Titel "Friedrichsberger Köpfe" den Durchbruch verschafften. Ihre innere Stabilität nach dem Klinikaufenthalt währte nicht lange. Nachdem sie als Obdachlose im Prostituiertenmilieu gelebt hatte, kehrte Lohse-Wächtler ins Elternhaus zurück. Der Vater ließ sie in die Heilanstalt Arnsdorf einweisen. Elfriede Lohse-Wächtler, Diagnose Schizophrenie, wurde nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten entmündigt und zwangssterilisiert. 1940 überstellte man sie in ein Vernichtungslager, wo sie im Zuge der Massentötung von Geistigbehinderten vergast wurde. Die offizielle Version: Lungenentzündung. Wäre die Diagnose heute gestellt worden, hätte sie wohl anders gelautet. "Gelegentlicher Verfolgungswahn, Reizbarkeit, Arbeitsüberlastung, Burn-out-Synrom", schlägt Kaster-Bierker vor. Es stellt sich die Frage, wo Behinderung beginnt. War Marilyn Monroe, seit Beginn der 1950er Jahre medikamentenabhängig und trotz ihres Startums in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, behindert? Oder die Schriftstellerin Virginia Woolf, die im Kampf gegen ihre Depressionen schließlich unterlag? Und liegen Kunst und Schmerz nicht oft nahe beieinander?

Kunst aus dem Krankenbett

Behinderung muss nicht Begrenzung sein. Und kann, wenn sie manche Möglichkeiten verschließt, doch neue Chancen eröffnen. Zur Zeit sehen wir Frida Kahlos Leben über die Leinwand flackern. In Julie Taymors Film zeigt Frida-Darstellerin und Produzentin Salma Hayek kein Opfer, sondern eine starke, lebensfrohe Künstlerin. Frida Kahlo, 1907 geboren und eines der ersten Mädchen, das die Preparatoria - eine Schule, die auf die Universität vorbereitet - besuchen durfte, litt seit ihrer Kindheit an den Folgen einer Kinderlähmung. Das Schicksal hatte für das lebensfrohe Mädchen, das ein Medizinstudium anstrebte, aber noch mehr Schläge parat. 1925 wurde Kahlo bei einem Busunfall schwer verletzt. Ein Geländer hatte sie durchbohrt und ihrer Wirbelsäule und ihrem rechten Bein irreparable Schäden zugefügt. Neun Monate ins Gipskorsett verbannt, begann sie im Krankenbett zu malen und fertigte im verspiegelten Krankenzimmer ein Selbstportrait an. Mit starkem Willen lernte sie erneut zu gehen, zeigte ihre Bilder dem Künstler Diego Riviera, der später ihr Ehemann werden sollte, und startete so ihre künstlerische Karriere. Ihrem Körper aber stand ein lebenslanger Leidensweg bevor. Kahlo durchlebte unzählige Operationen, trug Gips- und Stahlkorsetts und tötete Schmerzen mit Alkohol. Zwei Kinder verlor sie aufgrund "ungünstiger Beckenlage". 1953 wurde ihr rechtes Bein amputiert, ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie im Rollstuhl. "Ich bin nicht krank, ich bin nur zerbrochen", lautet der Titel eines ihrer Bilder.

Mit Gebärdensprache zur Schauspielerei

Auch die Schauspielerin Emmanuelle Laborit, dem deutschsprachigen Publikum als gehörlose Mutter einer werdenden jungen Musikerin im Film "Jenseits der Stille" von Caroline Link bekannt, machte ihren Schwachpunkt zur Stärke. Laborit kam 1972 gehörlos in Paris zur Welt. Gemeinsam mit ihren Eltern erlernte sie die Gebärdensprache. In Washington, wo es eine eigene Universität für Nichthörende gibt, traf sie erstmals auf gehörlose Erwachsene und informierte sich über ihre Möglichkeiten als Gehörlose. Eine weitere Stütze stellte ihre kleine Schwester Marie dar, die mit der Lautsprache die Gebärdensprache erlernte und etwa für sie Telefonate erledigte. Nach ihrer rebellischen Pubertät entdeckte Laborit, geschult im Körperausdruck, ihre Liebe zur Schauspielerei. Bereits als Kind hatte sie erste Bühnen- und Kameraerfahrung gesammelt. Ihren Durchbruch hatte sie 1992 als taubstumme Sarah im Theaterstück "Kinder des Schweigens", wofür sie mit dem "Molière" ausgezeichnet wurde. In der französisch-italienischen Koproduktion "Die stumme Herzogin" (1996) etablierte sie sich als Charakterdarstellerin. Privat setzt sich Laborit für die Anerkennung der Gebärdensprache und eine eigene Kultur der Gehörlosen ein und hat ihren Kampfgeist in dem Erfahrungsbericht "Der Schrei der Möwe" zu Papier gebracht. (sk)

Literatur- und Filmtipps:

Hedwig Kaster-Bieker, Anneliese Mayer: berühmt - beliebt - behindert. Außerordentliche Frauen im Portrait. Kassel: bundes organisationsstelle behinderter frauen 2002 Die Aufsätze sind auch im "Info", der Zeitschrift der bundes organisationsstelle behinderter frauen, erschienen und stehen unter folgender Internetadresse zum Download zur Verfügung: www.behindertefrauen.org/bosnew/sites/archiv/info/info00.php

Sybille Duda, Luise F. Pusch: Wahnsinnsfrauen. 3 Bände. Frankfurt: Suhrkamp 1992-1999

Zu Frida Kahlo:

Hayden Herrera: Frida Kahlo. Ein leidenschaftliches Leben. Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. 2002

Linde Salber: Frida Kahlo. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1997

Frida. Spielfilm von Julie Taymor (Regie). USA/Mexico 2002 (derzeit im Kino)

Zu Emmanuelle Laborit:

Emmanuelle Laborit: Der Schrei der Möwe. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1995

Jenseits der Stille. Spielfilm von Caroline Link (Regie). Deutschland 1997

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