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Über Ethik philosophiert |
| Ethik und Biomedizin |
| Bianca Garloff (Redaktion) am 21. Januar 2003 |
Definition des Lebens, "Güterabwegung" und die ethische Beurteilung der Stammzellenforschung aus Sicht der Philosophie - dieUniversitaet.at sprach mit Univ.-Prof. Dr. Peter Kampits, Institutsvorstand am Institut für Philosophie der Universität Wien. |
DieUniversitaet.at: Mit der Verfügbarkeit menschlicher Embryonen steht die medizinische Forschung vor neuen ethischen und anthropologischen Problemen. Welche Rolle spielt dabei die Philosophie? Univ.-Prof. Peter Kampits: Eine große Rolle, da die Ethik selbst eine wesentliche Disziplin der Philosophie darstellt. Sie ist dazu angehalten, Prinzipien und Normen aufzustellen, die rational und argumentativ verwendbar sind. Anders als zum Beispiel die Theologie greifen wir auf keinen Glauben zurück. DieUniversitaet.at: Von welcher grundlegenden Definition des Lebens und des Embryos geht die Philosophie aus und was bedeutet das für die Stammzellenforschung und das Klonen? Kampits: Unbestritten ist, dass Leben ab dem Zeitpunkt der Befruchtung existiert. Nur: ist dies menschliches Leben? Hier existieren zwei Extrempositionen: Die traditionelle Position besagt, dass der Embryo ab der Zeugung prinzipiell als Mensch anzuerkennen ist. Daraus folgt das Verbot des Klonens, weil es gegen die mit dem Menschsein verbundene Würde verstieße. Die zweite Position bezeichnet den Embryo prinzipiell als Zellhaufen. Für die Forschung an embryonalen Stammzellen bedeutete dies eine ethische Unbedenklichkeit. DieUniversitaet.at: Wie beantwortet die Philosophie diese Frage? Kampits: Das traditionelle Argument ist die Potentialität. Für die Stammzellenforschung heißt dies, dass jegliche Instrumentalisierung des menschlichen Embryos verboten wäre. Kann man aber aus reiner Potentalität schon Rechte ableiten? Die Aufgabe der Philosophie ist es, diesen Glaubenskrieg argumentativ zu entschärfen. Dabei gilt es, das geringere Gut dem größeren zu opfern. Die Universitaet.at: Wäre das Gut der Heilmöglichkeiten der Menschen dem Gut der Unantastbarkeit der Embryonen vorzuziehen? Kampits: Bevor man sie vernichtet, sollte man sie für die Forschung und somit für andere Menschen nutzen. Die Universitaet.at: Wann also ist das Klonen beziehungsweise die Forschung an embryonalen Stammzellen ethisch akzeptabel? Kampits: Meine Position ist: Ich würde mit größter Vorsicht an das reproduktive Klonen heran gehen. Sonst sind wir, abgesehen von medizinisch-techischen Risiken, im Begriff, die Evolution selbst in die Hand zu nehmen. Anders sehe ich das therapeutische Klonen. Handlungsziel ist hier das Heilen und ich glaube, dass nach einer Güterabwägung etwas Gutes zu tun vorzuziehen wäre. Reproduktives Klonen nein, therapeutisches Klonen ja. DieUniversitaet.at: Das wissenschaftstechnische Können des Menschen - ein Problem. Welche Gefahren birgt die Stammzellenforschung aus Sicht der Philosophie? Kampits: Sollen wir wirklich wollen, was wir wissenschaftstechnisch können? Da, glaube ich, sollte man einem bestimmten Machbarkeitswahn und euphorischen Fortschrittsglauben eine ethische Grenze entgegen halten. Sonst kommt es zu einer Ausdeutung des Menschen, die ihm eine unbeschränkte Machbarkeit zuspricht. Kehrseiten dieser Machbarkeit ahnen wir noch nicht und können wir wohl auch nicht in Griff bekommen. Leider gibt es kein moralisches Gen. Wir könnten die schlimmsten Utopien von Orwell und Huxley übertreffen ... DieUniversitaet.at: Welche Argumente sprechen hingegen für das Klonen? Kampits: Würde die Grenze der menschlichen Machbarkeit erreicht, wäre dies ein Verstoß gegen die Individualität und Selbstidentität des Menschen. Befürworter sagen allerdings: Wir tun nichts, was die Natur nicht auch tut. Sie sprechen damit die Zwillingsproblematik an. Ein Klon sei auch nur ein Zwilling, wenn auch ein zeitversetzter. Chancen der Stammzellenforschung werden allgemein darin gesehen, dass wir auf einer Seite Erbkrankheiten früh erkennen und auszuschalten vermögen. Hoffnung besteht auch im Hinblick auf Aids-, Krebs- und Alzheimerforschung sowie Transplantationen. Es bestünde die Möglichkeit, dass man eigene Spenderorgane herstellt, quasi ein Ersatzteillager. DieUniversitaet.at: Und wie sollte sich nun die Gesellschaft gegenüber diesem Phänomen verhalten? Kampits: Ein weiteres Problem: Inwieweit sollten Eingriffe in die Autonomie und Freiheit der Wissenschaft gegen Risiken abgewogen werden? Die Wissenschaft hat einen langen Emanzipationskampf hinter sich. Darf sie nun gezwungen werden, staatliche Meinungen zu vertreten? DieUniversitaet.at: Welchen Beitrag muss die Philosophie speziell zur ethischen Beurteilung der Stammzellenforschung leisten? Kampits: Ethik sollte der menschlichen Endlichkeit und Hinfälligkeit entsprechen. Dabei sollte die Philosophie weniger mit Verboten als mit Orientierungshilfen arbeiten. Weg von einer rigorosen Prinzipienethik, hin zu einer Ethik der Güterabwägung und zu einer permanenten Reflexion. Eine wichtige Aufgabe ist es, die Sensibilität der Medizin zu erhöhen, getreu dem Motto: "Die Befindlichkeit ist genau so wesentlich wie der Befund." DieUniversitat.at: Was halten Sie von dem Klonbaby, das derzeit in aller Munde ist? Bestehen Unterschiede zwischen "normalen" und Klonmenschen? Kampits: Der springende Punkt ist: Seine Anlagen hängen von selektiven Wünschen anderer ab. Will man lieber Zufall oder Plan? Über den Menschen wird mehr denn je bestimmt. In dem Fall bin ich für Zufall und Freiheit. Kulturen, die an Reinkarnation glauben, haben damit natürlich kein Problem ... (bg) |
