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Vizerektorin Christa Schnabl...


...und Dekanin der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft Ines Maria Breinbauer...


...begrüßten das zahlreich erschienene Publikum im kleinen Festsaal anlässlich der...


...Antrittsvorlesung von Wolfgang Sander, der von seiner Ehefrau begleitet wurde


Wolfgang Sander hat seit Oktober 2008 die österreichweit erste Professur für "Didaktik der politischen Bildung" inne


Die Veranstaltung klang mit einem Buffet aus...


Dekanin Maria Breinbauer...


...und Wolfgang Sander im Gespräch


CV Wolfgang Sander Porträt: "Wolfgang Sander: 'Über die Universität Wien hinausstrahlen'" Didaktik der politischen Bildung der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaften  
Über politische Bildung. Politik-Lernen nach dem "politischen Jahrhundert"
Professuren, Antrittsvorlesungen
Gastbeitrag von Wolfgang Sander am 16. Juni 2009

Der Erziehungswissenschafter Wolfgang Sander hielt am Montag, 15. Juni 2009 seine Antrittsvorlesung zum Thema "Über politische Bildung. Politik-Lernen nach dem 'politischen Jahrhundert'". In einem Gastbeitrag für "dieUniversität-online" hat der Professor für Didaktik der politischen Bildung seinen Vortrag zusammengefasst.

Das Thema meiner Antrittsvorlesung ist ein Zitat: Am 22. Oktober 1891 hielt der neu gewählte Rektor der Universität Wien, der Jurist Adolf Exner, seine Inaugurationsrede. Das Thema dieser Rede lautete: "Über politische Bildung". Exners Rede markierte in zweierlei Hinsicht einen Meilenstein in der Geschichte dieses Fachgebiets: Sie hob einerseits die damals beginnende Diskussion über staatsbürgerliche Erziehung auf die Ebene der Universität, und sie führte andererseits die Bezeichnung "politische Bildung" für diese Bildungsaufgabe in die wissenschaftliche Debatte ein.

Adolf Exner und der "politische Sinn"


Adolf Exner wählte aber nicht nur einen neuen Begriff, sondern entwickelte auch eine neue bildungstheoretische Begründung für diese Aufgabe: Gebildet sei, wer - in einem metaphorischen Verständnis - einen "Sinn" für bestimmte Ausschnitte der Welt entwickelt habe, beispielsweise einen musikalischen, juristischen oder künstlerischen Sinn. Daher gebe es auch nicht eine, sondern viele Bildungen, so viele als "es Ausschnitte der Welt gibt, die für uns ein gesondert empfundenes Interesse haben". Da der Mensch nach Aristoteles zoon politikon sei, schaffe er seit jeher auch eine politische Welt. Den "Sinn" für diese Welt zu entwickeln, sah Exner als Aufgabe der politischen Bildung.

Exner hielt politische Bildung für dringend notwendig, weil der Mangel an politischem Verständnis angesichts der Probleme der modernen Gesellschaft zu einem tödlichen Risiko werden könne. Seine Konsequenz lautete: "Dieses zwanzigste Jahrhundert, an dessen Schwelle wir stehen, wird ein politisches Jahrhundert sein. Wer ihm gewachsen sein will, wird politischer Bildung bedürfen."

Politisches Lernen im "politischen Jahrhundert"

Der Wiener Rektor sollte mit dieser Prognose Recht behalten, wenn auch auf eine Weise und in einer Intensität, die er wohl kaum erwartet hatte. Die Weltkriege und die totalitären Systeme mit ihren vielen Millionen Opfern und die nachfolgenden politischen Umwälzungen in Europa haben die Lebenswelten der Menschen in einer Weise durch Politik verändert, wie dies seit vielen Jahrhunderten nicht mehr der Fall gewesen war. Die totalitären Systeme waren es auch, die den Stellenwert absichtvoller politischer Erziehung zuerst erkannt und in Formen intensiver politischer Indoktrination realisiert haben. Der Überdruss an dieser Indoktrination hat dann nach 1945 und nach 1989 einen demokratischen Neubeginn in der politischen Bildung zunächst behindert; Erfolge zeichneten sich zuerst dort ab, wo es entsprechende Anstöße von außen gab, so z.B. durch die "Re-education"-Politik der Alliierten in Westdeutschland. In Österreich, das von den Alliierten als Opfer behandelt wurde, kam es auch deshalb erst mit großer Verspätung zu einer intensiveren Debatte über eine neue, demokratische politische Bildung.

Professionelle politische Bildung und ihre Didaktik

Trotz solcher Ungleichzeitigkeiten hat sich die politische Bildung in den letzten Jahrzehnten verwissenschaftlicht und professionalisiert. Didaktik der politischen Bildung ist zu einer "normalen Wissenschaft" (im Verständnis des Wissenschaftshistorikers Thomas S. Kuhn) geworden, die sich in Theoriebildung, empirischer Forschung und angewandter Forschung mit der wissenschaftlichen Grundlegung politischer Bildung befasst.

Seit dem "Beutelsbacher Konsens" aus den 1970er-Jahren, der ein striktes Indoktrinationsverbot sowie die Vorgabe definierte, dass politische und wissenschaftliche Kontroversen als solche in der Praxis des Unterrichts abzubilden sind, gibt es in der politischen Bildung auch eine Übereinkunft über eine notwendige Differenz zwischen persönlichen politischen Überzeugungen von Lehrenden und ihren professionellen Aufgaben. Politische Bildung versteht sich heute kompetenzorientiert; sie vermittelt politische Urteils- und Handlungsfähigkeit sowie das dafür erforderliche Wissen. Hierbei hat sie sich, nicht anders als andere Fachgebiete im Bildungssystem, auf den Stand des jeweiligen wissenschaftlichen Wissens zu beziehen.

Um dies in der Praxis leisten zu können, bedürfen Lehrerinnen und Lehrer in der politischen Bildung nicht nur einer historischen und geschichtsdidaktischen, sondern auch einer politikwissenschaftlichen und politikdidaktischen Ausbildung.

Politische Bildung in der Weltgesellschaft

Exner hatte klar gesehen, dass die zivilisierende Wirkung, die der moderne Staat entfalten kann, die Verbreitung eines angemessenen Verständnisses des Politischen in der Bevölkerung erfordert. Dies gilt unter den veränderten gesellschaftlichen und politischen Bedingungen des frühen 21. Jahrhunderts umso mehr. Europäisierung und Globalisierung sind komplexe Prozesse auf dem Weg zu einer globalen Verdichtung menschlicher Kommunikation, für die Niklas Luhmann schon in den 1970er-Jahren den Begriff der "Weltgesellschaft" in die Soziologie eingeführt hatte. Von "Weltgesellschaft" muss nach Luhmann deshalb gesprochen werden, weil "alle Menschen füreinander kommunikativ erreichbar sind und durch die Folgen ihrer Handlungen betroffen werden". In diesem Verständnis steht der Begriff der "Weltgesellschaft" weder für ein normatives Harmoniemodell noch allein für eine theoretische Modellierung, sondern für eine im Alltag wirkende soziale, kulturelle, ökonomische und politische Wirklichkeit.

Dass der weltgesellschaftliche Zusammenhang der Menschen im Alltag wirkt, heißt aber noch nicht, dass er als solcher von den Individuen wahrgenommen, reflexiv verarbeitet und in das je eigene Verständnis von Politik einbezogen wird. Eben dies muss politische Bildung ermöglichen, wenn nicht die Gefahr wachsen soll, dass aus dem Eindruck der Undurchschaubarkeit der sozialen Welt diffuse Ängste und Bedrohungsgefühle erwachsen, die von extremistischen Bewegungen mobilisiert werden können.

Insofern gilt auch für das 21. Jahrhundert, was Adolf Exner für das 20. vorhergesagt hat: "Dieses ... Jahrhundert wird ein politisches Jahrhundert sein. Wer ihm gewachsen sein will, wird politischer Bildung bedürfen."


V.-Prof. Dr. Wolfgang Sander ist seit Oktober 2008  Professor für Didaktische Bildung an an der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft. Der gesamte Text seiner Antrittsvorlesung wird voraussichtlich im Herbst 2009 im "Wochenschau Verlag" www.wochenschau-verlag.de (Schwalbach/Ts.) erscheinen.


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