"Um Fragen menschlichen Verhaltens zu beantworten, müssen wir uns auch mit unterschiedlichen Tierarten beschäftigen", erklärt Tecumseh Fitch. Er bringt damit bereits auf den Punkt, was in der Kognitionsforschung bisher einen eher untergeordneten Stellenwert hatte: die Arbeit mit einer großen Bandbreite verschiedener Tierarten. Am Department für Kognitionsbiologie ist es insbesondere das Verhalten von Vögeln, Affen und Hundeartigen, aber auch von Reptilien und Fischen, das im Labor genauso wie im natürlichen Umfeld erforscht wird. Der Ansatz, menschliches und tierisches Verhalten zu vergleichen, versteht sich als Alternative zu jenen Richtungen der evolutionären Psychologie, deren Forschung sich nur auf die jüngste Vergangenheit des Menschen beschränkt. Und doch interessieren sich die Kognitionsbiologen Fitch, Huber und Bugnyar auch für eine Fähigkeit, die uns Menschen auszeichnet: die Sprache.
Wie alles begann ... Als Fitch - er übernahm im Juni 2009 eine Vertragsprofessur für Kognitionsbiologie - an die Universität Wien kam, begann ein intensiver Austausch mit den beiden neuen Kollegen Ludwig Huber, dem Leiter des Departments für Kognitionsbiologie, und Thomas Bugnyar, der seit Oktober 2009 eine Vertragsprofessur für Kognitive Ethologie innehat. Hiermit wurde mit besonderer Unterstützung des Rektorats und der Fakultät für Lebenswissenschaften ein neuer Forschungsschwerpunkt an der Universität Wien gesetzt, der insbesondere auch eine Verbindung zwischen Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften ermöglicht.
"Es kommen verschiedene Interessen zusammen, die sich gut ergänzen - meine Forschung zur Evolution der Sprache und die Arbeiten von Huber und Bugnyar zu tierischer Kognition", so Fitch. Die Zusammenarbeit ermöglichte im Jänner 2010 die Gründung des Departments für Kognitionsbiologie. Alle drei Forscher interessieren sich für die mentalen Prozesse, die dem Verhalten von Lebewesen zugrunde liegen. Dabei zeigt sich, dass Grundlagen von vielen kognitiven Fähigkeiten des Menschen auch bei Tieren zu finden sind - das beginnt bei der Imitation, geht über zum Einschätzen von Perspektive ("gaze-following") bis hin zur "Theory of Mind" (TOM). Letzteres Konzept spricht von der Fähigkeit zu erkennen, dass Lebewesen über mentale Zustände (Bedürfnisse, Absichten, Ideen) verfügen. Dieses Wissen prägt letztlich auch den Umgang mit Anderen.
… und was genau erforscht wird
Die Verhaltensforscher betonen, wie wichtig ein vergleichender Ansatz ist, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Sie richten ihren Blick zunächst darauf, welche Merkmale bei welchen Arten vorzufinden sind. Interessant sind hier nicht nur Verhaltensmerkmale, sondern auch genetische Daten und Informationen über das Nervensystem. Diese Informationen erlauben ihnen später, die kognitive Evolution der Arten (cognitive phylogenies) nachzuzeichnen. So wird ersichtlich, welche taxonomischen Einheiten (z. B. alle Wirbeltiere oder nur Säugetiere) sich bestimmte Fähigkeiten teilen und wann sich diese entwickelt haben könnten. "Sei es das Farbsehen der Affen, das Spielbedürfnis von Hunden oder der Aufbau des Auges der Vögel - es gibt eine Reihe von Gemeinsamkeiten mit dem Menschen, die anerkannt werden müssen", betont Fitch.
Sprache und soziale Kognition
Von den Gemeinsamkeiten also zur Differenz: Menschen können sprechen, Tiere nicht. Trotzdem wird die Evolution der Sprache greifbarer, je intensiver man sich mit dem Tierreich beschäftigt. Fest steht, dass die zugrunde liegenden Fähigkeiten von "Sprache" und "sozialer Kognition" eng miteinander verbunden sind. Um sprechen zu lernen, muss ein Kleinkind unter anderem imitieren können und verstehen, welche Intentionen vom Sprecher oder der Sprecherin verfolgt werden. Ist das Sprechen erst einmal erlernt, so verfügt ein Kind über ein besonderes Mittel, Gedanken auszutauschen und von anderen zu lernen.
Eine fehlende Verbindung?
Auch manche Tiere verfügen über ähnliche Fähigkeiten und haben dennoch keine Sprache. Warum das so ist, wurde insbesondere an Schimpansen - den nächsten Verwandten des Menschen - erforscht. Die vorherrschende Hypothese ist, dass anatomische Merkmale (Kiefer, Zungenstellung, etc.) es unmöglich machen, Sprache zu entwickeln. Fitch stellt diese Theorie in Frage: "Wir haben uns genau angesehen, was Tiere machen, wenn sie vokalisieren. Da gibt es wenige Unterschiede zwischen Hunden, Affen und Menschen." Wahrscheinlicher ist, dass direkte Verbindungen zwischen dem Motorcortex (ein Bereich der Großhirnrinde) und dort angesiedelten Neuronen - sie kontrollieren die Stimme - ausschlaggebend sind. Singvögel (komplexer Vogelgesang) und Papageien ("sprechender Papagei") verfügen über eine solche direkte Verbindung.
Und in Zukunft?
Um diese Hypothesen an besonders lohnenden Modellsystemen, wie zum Beispiel Raben und Keas (Neuseeländischer Bergpapagei), aber auch Damhirschen zu testen, haben sich die drei Wissenschafter für den Bau einer neuen Forschungsstation außerhalb Wiens engagiert. Dies wurde nun tatsächlich in einem Kooperationsprojekt zwischen der Universität Wien und der Veterinärmedizinischen Universität Wien ermöglicht. Im Sommer dieses Jahres wird in der Nähe von Bad Vöslau der Startschuss für eine neue Ära der Kognitionsforschung erfolgen. (dh)
Univ.-Prof. W. Tecumseh Fitch, PhD, Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Ludwig Huber und Univ.-Prof. Mag. Dr. Thomas Bugnyar forschen am Department für Kognitionsbiologie.
Publikation:
Tecumseh Fitch, Ludwig Huber, Thomas Bugnyar: Social Cognition and the Evolution of Language: Constructing Cognitive Phylogenies. Journal: Neuron. Publisher: Cell. 25. März 2010. |