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US-Kriegsgegner bei einer Demonstration, umgeben von der National Guard. Fotos: Tariq Ali und Susan Watkins, aus: "1968: Marching in the Streets"


Ein Kriegsdienstverweigerer verbrennt seine Meldekarte. Damit riskiert er Gefängnis.


Die Black Panthers kämpften für mehr Freiheit und Rechte für AfroamerikanerInnen.


Institut für Geschichte, Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät        
USA 1968: Keine einheitliche Bewegung
1968
Theresa Dirtl (Redaktion) am  3. Juni 2008

Im Jahr 1968 überschlugen sich die politischen Ereignisse in den USA: die Tet-Offensive im Vietnamkrieg wird gestartet, Martin Luther King wird ermordet, Robert F. Kennedy erschossen. Diese und andere Ereignisse rufen landesweite Protestaktionen unterschiedlicher politischer Gruppierungen hervor. Dabei handelte es sich keineswegs um eine einheitliche Bewegung, erzählt der gebürtige US-Amerikaner und Historiker Mitchell Ash. Er erlebte das Jahr 1968 als 20-jähriger Student und politischer Aktivist am Amherst College (Massachusetts).

"Das Jahr 1968 zählt sicher zu den prägendsten in meinen Leben", sagt O. Univ.-Prof. Dr. Mitchell Ash vom Institut für Geschichte: "Für mich war das eine sehr intensive Zeit, eine Zeit der politischen Bewusstseinsbildung verbunden mit den Problemen der Jugend."
Ash, der im Rahmen der Ringvorlesung "'1968' als Ereignis und Symbol" einen Vortrag über seine Erlebnisse hielt, betont, dass er aus fachlicher Sicht kein Experte zum Jahr 1968 sei. Vielmehr versucht er, den Spagat zu spannen zwischen seinen persönlichen Erfahrungen als Zeitzeuge und politischer Aktivist der Anti-Kriegsbewegung und seiner Arbeit als Historiker, dessen Schwerpunkte in Wissenschaftsgeschichte sowie Deutscher Geschichte liegen.

White Movement

"Um das Jahr 1968 in den USA zu verstehen, muss man sich der Komplexität des Landes bewusst sein", so Ash über die ethnisch fragmentierte US-Gesellschaft: "Die Rassenproblematik ist absolut bestimmend für die Geschichte der USA, so auch für die Ereignisse des Jahres 1968. Durch den Faktor 'Race' nehmen die USA eine Sonderstellung im Vergleich zu 1968er-Revolten in anderen Ländern ein." Der Impetus der Anti-Kriegsbewegung ging ausschließlich von einer weißen, männlichen Mittelschicht aus. Da es damals noch die allgemeine Wehrpflicht gab, waren Männer direkt vom Krieg betroffen. Hier sieht Ash auch einen Grund, warum die Bewegung gegen den Irak-Krieg nicht die Ausmaße von 1968 erreicht, einfach weil die meisten Menschen durch die Existenz eines Berufsheers heute nicht direkt davon betroffen sind.

Während die Zahl der Kriegsdienstverweigerer innerhalb der weißen Mittelschicht ständig stieg, fanden sich unter den Afroamerikanern nur wenige Kriegsgegner. "Das lässt sich historisch begründen: Die Elterngeneration der Schwarzen kämpfte Seite an Seite mit Weißen im Zweiten Weltkrieg. Das Kriegsende markiert einen Neubeginn der Bürgerrechtsbewegung. Der Kriegseinsatz der Elterngeneration steht auch für neu gewonnene Rechte und Freiheiten; Kriegsdienstverweigerung kam daher für viele 'Schwarze' einem Verrat an der Elterngeneration gleich", erklärt Ash.  

Gewissensprüfung

Eine beliebte Protestaktion gegen die Wehrpflicht und damit gegen den Vietnamkrieg bestand in der Verbrennung der Meldekarte. "Heute klingt es banal, aber damals riskierte man durch solche Aktionen Gefängnis", so Mitchell Ash. Die Wehrdienstverweigerung selbst war nicht per se illegal, aber man musste sie religiös begründen und eine Gewissensprüfung ablegen. Auch Mitchell Ash entschloss sich, den Kriegsdienst in Vietnam zu verweigern und musste sich einer solchen Gewissensprüfung unterziehen, um zu beweisen, dass er aus moralischen und religiösen Gründen nicht als Soldat dienen könne. "Zur Untermauerung habe ich damals einen Rabbiner mitgenommen, der attestierte, dass er mit meinen Ansichten keinesfalls übereinstimme, die Aufrichtigkeit meines Standpunktes aber respektiere."

Politisch aktiv

Der Historiker hat dann auch Beratertätigkeiten für potenzielle Kriegsdienstverweigerer durchgeführt, um sie über ihre Rechte und die Konsequenzen einer Verweigerung zu informieren. "Gerade weil es in der Black Community wenige Kriegsgegner gab, sind wir auch in die Schwarzenviertel von Boston gegangen, um Aufklärung zu leisten. Aber es sind immer nur wenige gekommen."

Paris und  Prag

"Über die Medien haben wir auch die Revolten in Prag und Paris mitverfolgt, aber eher als interessierte Zuseher. Für unsere Situation hatten diese Ereignisse wenig Relevanz", erinnert sich Mitchell Ash.

Auch wenn es Anknüpfungspunkte zwischen der Bürgerrechtsbewegung und den Anti-Kriegsgegnern gab, blieben diese Bewegungen generell getrennt. "Das war uns sehr wohl bewusst. Bei Anti-Kriegs-Veranstaltungen achtete man darauf, dass zumindest ein Schwarzer ? am besten ein Gewerkschafter ? und auch eine Frau am Podium standen. Doch die Führungselite war eindeutig männlich und weiß", erklärt Ash, der wie viele andere zusehends von der Politik frustriert und desillusioniert wurde: "Unser 'Aufstand' hat weder den Vietnamkrieg beendet, noch konnten wir die Wahl von Nixon verhindern."

Nachhall

"Vieles, was wir heute als '1968' sehen, hat erst später als Reaktion auf die Ereignisse von 1968 begonnen, wie etwa die Radikalisierung des Feminismus oder die Abspaltung gewalttätiger Gruppierungen wie die 'Weather Underground'. Auch die Bewegung gegen den Krieg wurde erst 1969 zu einer richtigen Massenbewegung", resümiert Ash: "Viele der Probleme, gegen die wir damals kämpften, sind heute noch da, dazu muss man nur in die Ghettos schauen. Aber es hat auch Fortschritte gegeben; Allein die Tatsache, dass Hillary Clinton und Barack Obama als Präsidentschaftskandidaten aufgestellt wurden, ist ein Beweis dafür." (td)

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