Was wissen wir über Osteuropa? Die Mehrheit der ÖsterreicherInnen wird bei dieser Frage an Medienberichte über die Unabhängigkeit des Kosovos von Serbien, Turbulenzen im Bankwesen oder die Diskussion rund um weitere EU-Beitritte denken. "Der osteuropäische Raum hat jedoch weit mehr zu bieten als das, was uns täglich in den Nachrichten begegnet", meint Oliver Schmitt, Sprecher der neuen Forschungsplattform "Wiener Osteuropaforum" an der Universität Wien: "Die WissenschafterInnen, die Teil dieser Plattform sind, beschäftigen sich nicht nur mit Osteuropa, weil es gerade politisch oder medial aktuell ist, sondern sehen diesen Raum als einen dauerhaft faszinierenden Teil der europäischen Kultur, den es zu erforschen gilt." Gegründet wurde das "Osteuropaforum" im März 2009; momentan sind sechs Fakultäten der Universität Wien daran beteiligt. Die wissenschaftliche Ausrichtung des Netzwerks reicht von der Byzantinistik über die osteuropäische Geschichte bis hin zur Theologie.
Bessere Kommunikation unter den WissenschafterInnen, …
Ziel der interdisziplinären Plattform ist es, die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem ost-, ostmittel- und südosteuropäischen Raum an der Universität Wien zu bündeln und nach außen hin transparenter zu machen. Schmitt: "Die Universität hat sich in den letzen Jahren als ein wissenschaftliches Zentrum für osteuropäische Forschung positionieren können. Daher müssen wir nicht das Rad neu erfinden, sondern stehen hauptsächlich vor der Aufgabe, die interdisziplinäre Kommunikation erleichtern."
Neben der Organisation von internationalen Tagungen und Festvorträgen soll daher ein Internetportal künftig die Vernetzung der ExpertInnen vereinfachen: "Dieses Portal wird Osteuropa-ForscherInnen über die Aktivitäten der Plattform und einschlägige Forschungsvorhaben informieren", so der Sprecher des Forums.
Durch die bessere Vernetzung von WissenschafterInnen aus verschiedenen Disziplinen erhoffen sich die InitiatorInnen neue Impulse für die Forschung. Schmitt: "Im Idealfall bringt die Plattform weitere spannende Forschungsprojekte zu osteuropäischen Themen hervor."
… Förderung des wissenschaftlichem Nachwuchs…
Daneben soll die Plattform aber auch den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern: Im Rahmen des "Wiener Osteuropaforums" bekommen junge DiplomandInnen und DoktorandInnen die Möglichkeit, sich über die Fakultäten und Institute der Universität Wien hinaus zu vernetzen. "Die Plattform möchte jungen ForscherInnen helfen, interdisziplinär zu agieren", hebt Schmitt hervor. Regelmäßige Jour-Fixe und Seminare, die sie selbst organisieren und zu denen sie ausländische WissenschafterInnen einladen können, sollen dem wissenschaftlichen Nachwuchs die Möglichkeit geben, sich untereinander und mit erfahrenen Osteuropa-ForscherInnen auszutauschen. Schmitt: "Diese Treffen sollen Beziehungsnetzwerke schaffen, die für alle TeilnehmerInnen nützlich sind."
…und spannende Vorlesungen zu osteuropäischen Themen
Aber auch Studierende profitieren von der neuen Plattform: In Zukunft wird es an der Universität Wien jedes Jahr eine interdisziplinäre Ringvorlesung zu einem osteuropäischen Thema geben. Den Auftakt machten das Institut für Osteuropäische Geschichte und das Institut für Slawistik im Sommersemester 2009 mit der Ringvorlesung "Das politische Lied in Ost- und Südosteuropa". Schmitt: "Ziel dieser Vorlesung war es, herauszufinden, wann diese Lieder gesellschaftlich und politisch in den verschiedenen osteuropäischen Gesellschaften relevant werden."
Die verschiedenen Vorträge der teilnehmenden WissenschafterInnen befassten sich unter anderem mit der Rolle des politischen Lieds in der Ukraine, in Griechenland, im Kosovo oder in Russland. "Gerade in Südosteuropa gibt es starke Liedtraditionen. Sie wurden von politischen AkteurInnen oft dazu eingesetzt, Ängste zu schüren oder andere Gruppierungen zu dämonisieren", erklärt der Osteuropaforscher. In der Auseinandersetzung mit der Rolle des politischen Lieds in Osteuropa war es den Vortragenden möglich, die Eigenheiten der osteuropäischen Gesellschaften herauszuarbeiten. "Durch Vorlesungen dieser Art möchte das Wiener Osteuropaforum besonders das studentische Interesse für dieses spannende Forschungsgebiet wecken", so Schmitt. (pp)
Univ.-Prof. Dr. Oliver Schmitt vom Institut für Osteuropäische Geschichte ist Sprecher der universitären Forschungsplattform "Wiener Osteuropaforum", die ihre Arbeit im Sommersemester 2009 mit der Ringvorlesung "Das politische Lied in Osteuropa" aufgenommen hat. An der Plattform sind elf Fachrichtungen (Byzantinistik und Neogräzistik, Christliche Archäologie, Geographie, Indogermanistik, Osteuropäische Geschichte, Politikwissenschaft, Rechtsgeschichte, Romanistik, Slawistik, Theologie und Geschichte des christlichen Ostens) an sechs Fakultäten der Universität Wien (Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie; Fakultät für Sozialwissenschaften; Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät; Katholisch-Theologische Fakultät, Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät, Rechtswissenschaftliche Fakultät) beteiligt. |