Im E-Mail-Interview erzählt Mag. Dr. Elisabeth Mucha vom Institut für Sportwissenschaft, Abteilung für Präventive/Rehabilitative Sportmedizin und Trainingswissenschaft, wie sie durch persönliches Engagement zu einem mehrmonatigen Forschungsaufenthalt an einem Spitzeninstitut ihres Faches in den USA kam. Das Spezialgebiet, das die sportliche Wissenschafterin an die älteste Universität der Vereinigten Staaten zog, ist die Gerontologie, die Lehre vom Altern und vom Alter. Momentan erforscht Elisabeth Mucha die körperlichen Aktivitäten von Personen ab dem 75. Lebensjahr.
Redaktion: Wie kam es zur Kooperation zwischen der University of Georgia und der Universität Wien? Elisabeth Mucha: Die University of Georgia besitzt ein Department of Public Health, zu dem auch das international bekannte Institut für Gerontologie zählt. Dieses Institut ist durch eine mehrjährige Studie an Überhundertjährigen bekannt geworden. Aufgrund meines persönlichen Interesses an diesem "Georgia Centenarian"-Projekt, das seit 1998 läuft und heuer abgeschlossen wird, kontaktierte ich die Leitung des Instituts. Direktor Leonard Poon vermittelte mich an eine Professorin, Marie Elaine Cress, die den Forschungsschwerpunkt "Physical Function and Aging" hat. In weiterer Folge kam es zu einem regen Austausch über mein geplantes Vorhaben und bisherigen Tätigkeiten. Daraus ergab sich im April 2006 eine Einladung zu einer Gerontologie-Konferenz in Kentucky bzw. zu einem Besuch der Universität in Georgia sowie des Gerontologie-Instituts.
Redaktion: Warum bietet es sich an, einen Teil der Forschungsarbeit vor Ort durchzuführen? Mucha: Die Vorbereitung, Organisation und Durchführung von wissenschaftlichen Projekten hat in jeder Nation unterschiedliche Schwerpunkte und Auflagen. Jede Art von Einblick in internationale Forschungstätigkeiten erweitert das eigene Spektrum.
Redaktion: Sie sind bereits seit September in Athens. Wie können wir uns Ihren typischen Alltag an der ältesten Universität der USA vorstellen? Mucha: 5.45 Uhr Tagwache 6.15 Uhr Verlassen des Hauses und Fitnesstraining bis 8.15 Uhr 8.45 Uhr Arbeitsbeginn im Büro. Arbeitsschritte am Projekt: Vorbereitungen, Organisation von Testterminen, Qualitätskontrolle an Geräten, Durchsicht von Literatur und Niederschrift von relevanten Erkenntnissen. In regelmäßigen Abständen Kontakt bzw. Austausch zum Heimatinstitut. Vorbereitungen für Teilnahme an eigene Seminaren, Arbeit im Büro bis Nachmittags, dann Richtung Institut für Gerontologie 16.30 bis 19.30 Uhr Abendseminar zweimal pro Woche, sonst Abendsport und weiter an österreichischen Projekten arbeiten bzw. Lehrveranstaltungen für Unterricht in Österreich vorbereiten 20 Uhr nach Hause, Dokumente fertigstellen, welche untertags nicht erledigt werden konnten, oder Artikel lesen 22.00 Uhr Nachtruhe
Redaktion: Wie erleben Sie die amerikanischen Studierenden im Vergleich zu den österreichischen? Mucha: Amerikanische Studierende sind gewohnt, sich umfangreich für einzelne Seminare vorzubereiten, häufig selbständig Aufgaben lösen zu müssen und viele Tests und Prüfungen zu absolvieren. Nicht zuletzt wegen der hohen Studiengebühren ist der Leistungsdruck in den USA deutlich höher als in heimischen Universitäten. Stipendien sind an gute Noten gebunden.
Redaktion: Was ist für Sie der gravierendste Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem österreichischen Universitätssystem? Mucha: Aus der Sicht der Studierenden sind die sehr hohen Studiengebühren eine deutliche Barriere für Interessenten mit geringen finanziellen Möglichkeiten. Die Chancengleichheit für alle Bevölkerungsgruppen kann selbst mit umfangreichen Förderprogrammen und Stipendien nicht einwandfrei hergestellt werden. Als sehr positiver Punkt ist die hohe Identifikation mit der Universität hervorzuheben. Wesentlicher Beitrag dazu ist die Form von "Sportförderung" ? viele StudentInnen identifizieren sich mit "ihrer" Universität, wenn Football, Baseball oder Gymnastics am Programm stehen.
Redaktion: Wie gefällt Ihnen das Land/die Stadt außerhalb Ihrer Arbeitsstätte? Mucha: Insgesamt sind Vielfalt und Möglichkeiten überwältigend, die Weiten und Varianten des Landes sowie die Multikultur der Bevölkerung faszinierend. Sehr positiv und angenehm für eine "Ausländerin" sind Offenheit und Freundlichkeit der Südstaatler. In der Zeit, die neben dem dichten Arbeitsprogramm bleibt, versuche ich, so viel Einblick wie möglich in Land und Leute zu gewinnen.
Redaktion: Stichwort Kulturschock: Gerade beim Thema Sport denkt man in Amerika an die Gruppe der extrem körperbewussten Menschen auf der einen Seite und eine großen Gruppe "fülliger" Menschen auf der anderen Seite. Mucha: Für einen sehr aktiven, gesundheitsorientierten und umweltbewussten Menschen ist es tatsächlich relativ schwierig, sich in einer Umgebung, wo das Auto als einziges Fortbewegungsmittel gilt, zurechtzufinden. Das Bewusstsein über wertvolle Naturressourcen ist großteils gering, rigorose Müllproduktion und hohe Energieverwendung bedauerlich. Weiters weniger positiv sind die erkennbaren Unterschiede zwischen Gesellschaftsschichten, denn finanzielle Möglichkeiten, Ausbildung, Herkunft und Wohnumfeld haben einen wesentlichen Einfluss auf die Ausübung von körperlicher Aktivität.
Redaktion: Wie werden Sie die neuen Erfahrungen bei Ihrer Rückkehr an der Universität Wien einbringen? Mucha: Einerseits hat mir die Fortbildung im Bereich der Gerontologie neue fachliche und methodische Inputs für die Lehre gebracht. Neue Lehrveranstaltungen am Zentrum für Sportwissenschaft mit dem Schwerpunkt "Aktivität im Alter" ab dem Sommersemester 2007 bieten die beste Möglichkeit, die erworbenen Inhalte und Ideen einfließen zu lassen. Auf der anderen Seite kenne ich mich durch die umfangreiche Forschungsarbeit hinsichtlich internationaler Projektarbeit deutlich besser aus und sehe deswegen die Notwendigkeit, im europäischen Raum am Aufbau entsprechender "Aktivität im Alter"-Netzwerke mitzuwirken. (hh)
University of Georgia, Athens, USA: Die 1785 gegründete University of Georgia mit Sitz in Athens ist die älteste staatliche Universität der USA. An der Universität gibt es etwa 34.000 StudentInnen und 2.794 DozentInnen. Sie verfügt über ein jährliches Budget von rund 1,2 Milliarden US-Dollar und verteilt sich auf insgesamt 327 Gebäude. |