Mag. Dr. Marianne Grohmann (ab 1. März 2007 Ao. Univ.-Prof.) vom Institut für Alttestamentliche Wissenschaft und Biblische Archäologie der Evangelisch-Theologischen Fakultät forscht und lehrt im Rahmen eines Fulbright-Stipendiums von Jänner 2007 bis Juni 2007 an der University of California, Berkeley. Am Department of Near Eastern Studies in der Abteilung Hebräische Bibel / Altes Testament arbeitet sie konkret zu Vergleichen zwischen jüdischen und christlichen Zugängen zur Geburt in Texten der hebräischen Bibel. In die USA wollte Grohmann, weil sie "amerikanische Bibelwissenschafter 'live' kennenlernen wollte". Über einen israelischen Bibelwissenschafter wurde der Kontakt zu Berkeley angebahnt. Von der Ausschreibung des Fulbright-Stipendiums erfuhr sie über die Homepage der Universität Wien.
Redaktion: Sie forschen an Vergleichen zwischen jüdischen und christlichen Zugängen zu Geburt in Texten der hebräischen Bibel. Welche Zugänge zu dieser Thematik bieten sich dazu in den USA, insbesondere an der Universität Berkeley? Marianne Grohmann: Die University of California, Berkeley, ist ein wichtiges akademisches Zentrum an der Westküste der USA. Bibelwissenschaft wird in Berkeley in einem liberalen Klima multikulturell und multireligiös betrieben. Zugänge zu biblischen Texten sind gleichzeitig theologisch und religionswissenschaftlich, sowohl historisch-kritisch als auch (post)modern literaturwissenschaftlich.
Redaktion: Sie sind seit Anfang Jänner 2007 in Berkeley. Wie sieht Ihr typischer Alltag derzeit aus? Grohmann: Mein Arbeitsalltag besteht aus Bibliotheksrecherchen, Gesprächen mit KollegInnen, Vorbereitung und Abhaltung eines "graduate seminars". Daneben laufen Wiener Projekte weiter: Die Veröffentlichung meiner Habilitationsschrift zu "Fruchtbarkeit und Geburt in den Psalmen", die Vorbereitung einer Programmeinheit bei einer großen internationalen Konferenz der Society of Biblical Literature im Juli 2007 in Wien sowie die Arbeit an Lexikonartikeln. Ich wohne gemeinsam mit meiner Familie acht Kilometer von der Universität entfernt in einer Mietwohnung. Der Weg ist gut mit Fahrrad oder U-Bahn machbar. An der Uni kann ich das Arbeitszimmer eines Kollegen nutzen, der gerade auf Sabbatical ist. (Anm. Red.: Sabbatical, auch Sabbatjahr genannt, bezeichnet im akademischen Umfeld ein Jahr der Auszeit, um sich ausschließlich auf die Forschungsarbeit konzentrieren zu können.)
Redaktion: Inwieweit können Sie in den USA Ihre Schwerpunkte vertiefen? Grohmann: Englischsprachige Literatur ist hier natürlich in größerem Umfang vertreten ? obwohl die Fakultätsbibliothek der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Wien auch gut ausgestattet ist. Kontakte zu KollegInnen lassen sich auch im Internet-Zeitalter besser persönlich herstellen. Die Vielfalt christlicher und jüdischer Gruppierungen ist größer und schlägt sich in der wissenschaftlichen Arbeit nieder.
Redaktion: Wie ist die Atmosphäre am Institut? Wie sieht die Zusammenarbeit mit KollegInnen aus? Grohmann: Die Atmosphäre am Institut ist angenehm, familiär, entspannt und kreativitätsfördernd. Es herrscht ein Klima des gegenseitigen Respekts, auch bei durchaus unterschiedlichen Ansätzen.
Redaktion: Zum Thema "Kulturschock": Bei den USA/Kalifornien denkt man an die Klischees Sonne, Strand, Bay Watch und Fitnesswahn. Gab es bisher einen Moment, wo Sie sich dachten, 'Das ist jetzt aber ganz anders als zu Hause'? Grohmann: Diese Klischees treffen wohl eher auf Südkalifornien zu. Die San Francisco Bay Area ist in manchem Europa ähnlich. So ist z.B. durchaus ein gewisses Bewusstsein für Umweltschutz und gesunde Ernährung vertreten. Das öffentliche Verkehrsnetz ist gut ausgebaut, und es ist möglich, sich mit dem Fahrrad fortzubewegen. Gleichzeitig sind asiatische, südamerikanische und afroamerikanische Einflüsse stark präsent. Vieles ist anders als zu Hause, aber das ist ja gerade spannend.
Redaktion: Vermissen Sie etwas an der Universität Wien oder an Wien? Grohmann: Natürlich vermisse ich manche deutschsprachige Fachliteratur, KollegInnen, FreundInnen, die Großfamilie ? und die "Klassiker": richtiges Schwarzbrot und das Wiener Wasser! Aber es ist ja für eine begrenzte Zeit, und die positiven Eindrücke überwiegen.
Redaktion: Wie werden Sie die neuen (Forschungs-)Erfahrungen bei Ihrer Rückkehr an der Universität Wien einbringen? Grohmann: Unmittelbar nach meiner Rückkehr halte ich einen Vortrag bei der SBL-Konferenz (Anm. Red.: Society of Biblical Literature) im Bereich "Jüdische und christliche Zugänge zu Psalmen". Die Arbeit hier wird sicher in die Lehre einfließen und wohl auch in vermehrte englischsprachige Publikationen. Der Blick über den eigenen Tellerrand erweitert auf jeden Fall den Horizont. Gleichzeitig macht er bewusst, dass anderswo auch nur mit Wasser gekocht wird. Wir können durchaus stolz auf unsere europäische und gerade auch deutschsprachige humanistische Wissenschaftstradition sein. Bei der Arbeit an der neuen Studienordnungen sollten wir uns vielleicht nicht zu sehr an den USA orientieren. Es gibt hier so viele unterschiedliche Systeme, die nicht unbedingt besser sind als unsere. Nachahmenswert finde ich da eher die Tradition regelmäßiger Sabbaticals, die auf jeden Fall die Kreativität fördern. (td)
Informationen zur Gastuniversität: University of California, Berkeley, USA
Die University of California, Berkeley, ist eine staatliche Universität und trotz hoher Studiengebühren eine Massen-Universität. Gegründet 1868, hat sie 18 Nobelopreisträger hervorgebracht. Hebräische Bibel/Altes Testament ist am Department of Near Eastern Studies angesiedelt, gemeinsam mit Judaistik und Altorientalistik. Über ein Doktoratsprogramm zu Jüdischen Studien ist dieses Department mit der Graduate Theological Union verbunden, einem Zusammenschluss von jüdischen, muslimischen und christlich-theologischen Ausbildungsstätten. |