Noch bis September - unterbrochen nur durch einen Wien-Aufenthalt im Juli anlässlich der Vienna International Summer University - wird Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Friedrich Stadler, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte, an der Universität Helsinki forschen. Die finnische Universität ist eine der führenden 20 Forschungsuniversitäten Europas und Mitglied der "League of European Research Universities" (LERU). "Das Helsinki Collegium for Advanced Studies zählt überdies zu den wenigen europäischen Centers of Excellence im Bereich der Kultur- und Sozialwissenschaften", erzählt Friedrich Stadler im E-Mail-Interview.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es hervorragende Beziehungen zwischen Ludwig Wittgenstein und dem Wiener Kreis sowie finnischen Wissenschaftern wie Eino Kaila oder seinem Schüler Georg Henrik von Wright. Friedrich Stadler, Leiter des Instituts "Wiener Kreis", unterhält seit Jahren Forschungskooperationen mit finnischen Historikern und Wissenschaftsphilosophen, etwa Juha Manninen oder dem Rektor der Universität Helsinki, Ilkka Niinilouto.
Redaktion: Sie forschen gemeinsam mit KollegInnen über Interaktionen zwischen Philosophen des Wiener Kreises und Philosophen in Nordeuropa zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen WissenschafterInnen in Österreich und in Finnland 100 Jahre später aus? Friedrich Stadler: Die Zusammenarbeit ist sehr gut, auch wenn ich nicht für den klassischen Bereich der Finno-Ugristik sprechen kann. Wir haben z.B. Ende 2006 eine "European Philosophy of Science Association" (EPSA) in Wien gegründet, in der ich zusammen u.a. mit meinem Kollegen Matti Sintonen vom hiesigen Philosophy Department im Steering Committee führend tätig bin, und wir erwarten mit Spannung die erste Konferenz in Madrid im November dieses Jahres (www.epsa.ac.at). In diesem Zusammenhang bilden Wittgenstein und der Wiener Kreis einen gemeinsamen Bezugsrahmen und Ausgangspunkt für das heutige Forschungsinteresse mit konkreten Projekten und Publikationen, z.B. ein beantragtes gesamteuropäisches fünfjährigen ESF-Programm zur "Philosophy of Science in Europe" im Anschluss an ein ausgelaufenes Netzwerk. Die regelmäßige Teilnahme finnischer KollegenInnen an den jährlichen internationalen Wittgenstein-Symposien in Kirchberg/Wechsel dokumentieren ebenfalls dieses beiderseitige Interesse und die Interaktion. Schließlich steht am Ende meines Aufenthaltes eine internationale Konferenz hier in Helsinki zusammen mit dem Centre for Nordic Studies und dem Philosophy Department auf dem Programm: "Networks and Transformations of Logical Empiricism: The Vienna Circle in the Nordic Countries" (2. bis 5. September 2007).
Redaktion: Sie sind seit Anfang Jänner in Helsinki. Wie sieht Ihr typischer Alltag derzeit aus? Stadler: Es gibt hier laufend verbindliche Termine, wie die wöchentlichen "Brown Bag Sessions", in denen die Mitglieder des Collegiums gemeinsam über ihre Projekte und Vorhaben berichten, die anschließend diskutiert werden. Kürzlich gab es z.B. einen halben Tag Alumni-Day mit Vorträgen ehemaliger Collegium-Fellows und abschließendem Dinner. Daneben finden auch regelässig gemeinsame Lunch-Termine statt, dazwischen die informellen Treffen und Diskussionen mit Mitgliedern und temporären Gästen. In diesem Betrieb muss man also sehr gezielt die eigene Forschungsarbeit verfolgen, was ich zumindest halbtags anstrebe.
Redaktion: Inwieweit können Sie am Helsinki Collegium Ihre Schwerpunkte vertiefen? Stadler: Besonders anregend ist hier einerseits die Arbeit an gemeinsamen Projekten: d.h. mit Fellows, die ebenfalls mein Vorhaben zur Geschichte der Wissenschaftstheorie im 20. Jahrhundert mitverfolgen und daran teilnehmen. Darüber hinaus ergeben sich andererseits auch nicht geplante Netzwerke mit anderen Mitgliedern: mit zwei Visiting Fellows aus London organisiere ich beispielsweise ein Symposium über "Academic Migration in the 20th Century" (Ende Mai/Anfang Juni). Nicht zuletzt berichte ich über Österreich in Workshops über akademische Karrieren und Wissenschaftsförderung im europäischen Vergleich.
Redaktion: Wie ist die Atmosphäre am Institut, wie sieht die Zusammenarbeit mit den KollegInnen aus? Stadler: Es ist eine lockere und sehr freundliche Arbeitsatmosphäre, wobei hier besonders das breite fächerübergreifende Spektrum von Kultur- und SozialwissenschafterInnen vorteilshaft ist. Darüber hinaus existiert eine gute Mischung aus etablierten und jüngeren ForscherInnen aus dem In- und Ausland mit einer starken paritätischen Präsenz von Frauen.
Redaktion: Welcher Ruf eilt der Universität Wien voraus? Stadler: Ein noch immer bestehendes gutes Image hängt mit der Tatsache zusammen, dass die finnische Wissenschaft und Forschung vor der Globalisierung eine starke Orientierung am Humboldt'schen Modell aufwies und die "deutsche Kultur" generell geschätzt wird. Bemerkenswerterweise wird derzeit das österreichische Model der universitären Autonomie als Vorbild diskutiert, da die finnischen Universitäten und Akademien noch eine fast ausschließlich staatliche Vernetzung und Finanzierungsform aufweisen. Hier gibt es übrigens keine Studiengebühren, jedoch Zugangsbeschränkungen mit einer zentralen Studienplatzbewirtschaftung.
Redaktion: Zum Thema "Kulturschock": Bei Finnland denken die meisten an Pisa, Tristesse oder Sauna ... Stadler: Aki Kaurismäki ist mit seinen sozialrealistischen Filmen im Ausland beliebter als hier, aber davon abgesehen: Man merkt im öffentlichen Leben die "protestantische Ethik" mit einem starken Trend zu einer konsensualen aber auch traditionsbewussten Zivilgesellschaft. Zum Beispiel war der für österreichische Verhältnisse unglaublich gesittete Wahlkampf zur Parlamentswahl, die vergangenen Sonntag stattfand, kaum oder nur sehr kultiviert in der Öffentlichkeit und in den Medien präsent. Da bekommt man als Österreicher fast Entzugserscheinungen, auch wenn ich die freundliche und kooperative Umgangsform in der Öffentlichkeit sehr genieße.
Redaktion: Vermissen Sie etwas an der Universität Wien oder an Wien? Stadler: Ein ähnliches Collegium for Advanced Studies und ein Gästehaus für ausländische ForscherInnen und GastprofessorenInnen sowie die Akzeptanz von Wissenschaft allgemein.
Redaktion: Wie werden Sie die neuen Erfahrungen bei Ihrer Rückkehr an der Universität Wien einbringen? Stadler: Die genannten Forschungsprojekte und Kooperationen werden fortgesetzt, teilweise publiziert, und Ergebnisse sicherlich in meine Lehrveranstaltungen einfließen. (mh)
Informationen über die Universität Helsinki
Die Universität Helsinki (finn. Helsingin yliopisto, schwed. Helsingfors Universitet) ist die größte Universität Finnlands und wurde als "Königliche Akademie zu Turku" im Jahr 1640 unter schwedischer Herrschaft gegründet. Seit der Unabhängigkeitserklärung Finnlands 1917 heißt sie "Universität Helsinki". Ein Erbe der schwedischen Vergangenheit ist die noch heute bestehende Zweisprachigkeit (Finnisch und Schwedisch). Die bilinguale Hochschule hat ca. 38.000 Studenten und 7.600 Angestellte. Jährlich werden etwa 4.200 Studienabschlüsse verzeichnet. Der Frauenanteil unter den StudentInnen liegt bei 64 Prozent. Das Studium an der Universität ist kostenlos, gegenwärtig müssen die Studierenden lediglich 65 Euro pro Jahr für die Mitgliedschaft in der Studentenvereinigung zahlen. Entsprechend begehrt sind die Studienplätze: Allein aus dem Ausland gehen pro Jahr 1.400 Bewerbungen ein. Die Annahmequote liegt bei etwa zehn Prozent. Selektiert wird im Bewerbungsverfahren ausschließlich durch Aufnahmetests.
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