Dipl.-Ing. MMag. Dr. Jakob Kellner arbeitet seit seiner Dissertation 2004 als Assistent an der Forschungsplattform für Mathematische Logik, dem "Kurt Gödel Research Center" an der Universität Wien. Ein Marie-Curie-Stipendium ermöglicht es dem Mathematiker, zwei Jahre - von September 2006 bis August 2008 - im Ausland zu forschen. Er entschied sich für die Hebrew University of Jerusalem, da er dort gemeinsam mit Prof. Saharon Shelah arbeiten kann: "Saharon Shelah ist ein weltweit führender Experte in meinem Forschungsgebiet, der Mathematischen Logik. Mein Dissertationsbetreuer, Martin Goldstern, arbeitet seit langem mit ihm zusammen. Ich selbst habe Shelah zuerst während meines Doktoratsstudiums 2001 in Rutgers (USA) und danach immer wieder in Rutgers und Jerusalem getroffen und bereits einige Arbeiten mit ihm geschrieben. Die Zusammenarbeit mit Shelah ist der Hauptgrund für meinen Aufenthalt in Jerusalem." Während seines zweijährigen Forschungsaufenthalts wird Kellner auch insgesamt vier Monate zu Forschungszwecken - jeweils September und Oktober 2006 und 2007 - in den USA, an der Rutgers University in New Jersey verbringen.
Redaktion: Sie arbeiten seit September 2006 im Zuge eines Marie-Curie-Stipendiums am Einstein-Institut in Jerusalem. Was sind die Schwerpunkte dieses Instituts und wie können Sie diese für Ihre Arbeit nützen? Jakob Kellner: Das Einstein-Institut zählt in mehreren mathematischen Gebieten zur Weltspitze. Dazu gehört zum Beispiel die Spieltheorie, vertreten u.a. durch Robert Aumann, Träger des Wirtschafts-Nobelpreises 2006. Die Mathematische Logik, das Gebiet, in dem ich arbeite, hatte seit der Gründung des Instituts einen ganz besonderen Stellenwert. Zwei der bedeutendsten Logiker der Gegenwart, Saharon Shelah und Ehud Hrushovski, arbeiten am Einstein-Institut. Die Mathematische Logik dient unter anderem als "Meta-Theorie" der Mathematik: So wie in anderen mathematischen Disziplinen Zahlen oder geometrische Objekte untersucht werden, sind es hier Beweise oder Algorithmen selbst. Dadurch kann man dann zum Beispiel zeigen, dass bestimmte Sätze unentscheidbar (das heißt weder beweisbar noch widerlegbar) oder dass bestimmte Funktionen unberechenbar sind. Konkret arbeite ich an der Weiterentwicklung der Forcing-Methode. Diese Methode wurde vom Mathematiker Paul Cohen entwickelt, um den von Kurt Gödel begonnenen Beweis der Unentscheidbarkeit der Kontinuumshypothese zu vollenden. Cohen erhielt dafür die höchste mathematische Auszeichnung, die Fields-Medaille. Er ist diesen März gestorben.
Redaktion: Welche Möglichkeiten bietet Ihnen das Einstein-Institut? Kellner: Vor allem die effizientere Zusammenarbeit mit Saharon Shelah. Natürlich kann man auch per E-Mail und Telefon zusammenarbeiten, aber das persönliche Treffen ist wesentlich effektiver. Abgesehen vom Einstein-Institut bietet das Marie-Curie-Stipendium natürlich auch andere Vorteile: Einerseits sehr viel Geld, anderseits verlängert die Karenzierung die befristete Anstellung an der Universität Wien.
Redaktion: Wie sieht Ihr typischer Alltag derzeit aus? Kellner: Ich wohne direkt am Campus, den ich auch nur selten verlasse: Ich arbeite - für meine Verhältnisse - sehr viel. Der Campus bietet alles, was ich brauche, unter anderem ein paar Restaurants, einen kleinen Supermarkt und ein Schwimmbad. Den Rest von Jerusalem sehe ich eigentlich nur am Wochenende, wenn ich Freunde treffe. Den Großteil meiner sozialen Aktivitäten verschiebe ich aber auf meine Wien-Besuche. Abgesehen von der Arbeit schlafe ich viel, lese ein wenig und höre viel Musik. Die Arbeit besteht in etwa zu gleichen Teilen aus Denken (dazu zählen auch die täglichen Diskussionen mit Saharon Shelah), Tippen (d.h. die Erkenntnisse aufschreiben, genau ausarbeiten und letztendlich Papers produzieren) und Lesen (d.h. zu einem Problem passende Literatur zusammensuchen und dann mehr oder weniger gründlich lesen). Daneben gibt es immer wieder interessante Seminare.
Redaktion: Wie ist die Atmosphäre am Institut? Kellner: Die Atmosphäre ist sehr anregend. So viele großartige Mathematiker auf einem Haufen sind schon beeindruckend! Die Zusammenarbeit mit Shelah ist außerordentlich angenehm. Wissenschaftlich kann ich von seiner enormen technischen und kreativen Kraft profitieren, aber auch von seiner Begeisterungsfähigkeit und seinem Optimismus. Ich komme auch persönlich sehr gut mit ihm aus und schätze auch die nicht-mathematischen Gespräche mit ihm.
Redaktion: Welcher Ruf eilt der Universität Wien voraus? Kellner: So allgemein kann ich dazu wenig sagen. Zu Wien haben viele Israelis natürlich ein emotionales und nicht unbelastetes Verhältnis. Meinem Eindruck nach gilt die Universität Wien als 'ordentlich', wird aber nicht (mehr) zur Weltklasse gezählt. Als wesentlich größer gilt die historische Bedeutung, von der Gründung bis zur Hochblüte im 20. Jahrhundert, die dann vor allem durch den Nationalsozialismus beendet wurde. Aussagekräftiger als der Ruf der gesamten Universität Wien ist vielleicht das Renommee einzelner Institute. Die Fakultät für Mathematik hat insgesamt einen guten Ruf, es gibt dort einige international bekannte Forscher. Für die Mathematische Logik gibt es ja eine eigene Forschungsplattform, das Kurt Gödel Research Center unter der Leitung von Sy Friedman, der vor einigen Jahren vom MIT nach Wien berufen wurde. Seitdem gilt die Mathematische Logik an der Universität Wien als ausgezeichnet - zum ersten Mal wieder, seit Gödel und viele andere Mathematiker von den Nazis vertrieben oder ermordet wurden.
Redaktion: Fühlen Sie sich in Israel wohl? Was genießen Sie in diesem Land und der Stadt Jerusalem besonders? Kellner: Ich fühle mich hier sehr wohl, verstehe mich mit den meisten Kolleginnen und Kollegen prächtig, das Essen ist erfreulich, das Wetter angenehm (nur im Winter regnet es oft fürchterlich), Wohnung und Infrastruktur am Campus sind praktisch, der bürokratische Aufwand hat sich auf den Anfang des Aufenthalts beschränkt. Der Campus ist sehr hübsch und grün und es gibt Katzen und Stachelschweine. Für die Pflanzen ist im Sommer überall in Jerusalem künstliche Bewässerung nötig, die dafür installierten Plastikschläuche fand ich zu Beginn etwas seltsam, sie fallen mir jetzt aber gar nicht mehr auf. Ebenfalls anfangs befremdlich waren die allgegenwärtigen Soldatinnen und Soldaten und die Sicherheitschecks z.B. bei Eingängen zu Geschäften. Ein Gefühl der Unsicherheit hatte ich in Israel allerdings nie. Das wäre objektiv/statistisch auch nicht wirklich gerechtfertigt: Die (relative) Zahl der israelischen Todesopfer durch terroristische Angriffe war selbst am Höhepunkt der Intifada deutlich geringer als z.B. die der Todesopfer im Straßenverkehr in Österreich. In den besetzten Gebieten sieht die Sache natürlich anders aus. Die politische Lage wird viel diskutiert. Sehr wohl beängstigend finde ich manchmal die 'südländische Fahrweise' der meisten israelischen AutofahrerInnen - wobei ich nicht weiß, ob das tatsächlich Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit hat.
Redaktion: Vermissen Sie etwas an oder in Wien? Kellner: Meine Freundin. (td)
Informationen zur Gast-Universität: Hebrew University of Jerusalem Eine "Universität des Jüdischen Volkes" war von Beginn an ein Teil des zionistischen Projekts. Bereits 1918 wurde der Grundstein zur Hebrew University gelegt, 1925 wurde sie eröffnet. Zu den Gründungsvätern zählen Albert Einstein, Sigmund Freud, Martin Buber und Chaim Weizmann. Heute gilt die Hebrew University als die wichtigste Forschungseinrichtung Israels und zählt auch international in vielen Disziplinen zur Weltklasse. Das Einstein-Institut für Mathematik wurde unter Beteiligung von Albert Einstein, Abraham Fraenkel und Edmund Landau 1925 ins Leben gerufen und gilt als eines der weltweit besten Mathematik-Institute. |