Zum Ausbau ihrer Forschungskooperation mit Ari Laptev am Imperial College London suchte Dr. Johanna Michor beim FWF um ein Erwin-Schrödinger-Stipendium an und erhielt mit der Zusage die Möglichkeit, sich in London zwei Jahre ausschließlich ihrer Forschungsarbeit widmen zu können. Die 27-jährige Mathematikerin beendete 2005 ihre Dissertation; seit 2002 forscht sie an der Fakultät für Mathematik. Derzeit beschäftigt sich Michor mit quantenmechanischen Problemen, die mit der nichlinearen Schrödinger-Gleichung zusammenhängen.
Redaktion: Sie arbeiten an mathematischen Methoden innerhalb der Quantenmechanik. Welche Möglichkeiten bietet Ihr Aufenthalt am Department of Mathematics des Imperial College London für Ihre Forschungsarbeit? Johanna Michor: Das Imperial College ist eines der mathematischen Zentren in Europa. Hier arbeiten sehr starke Forschungsgruppen auf dem Gebiet der Integrablen Systeme und der mathematischen Physik, außerdem gibt es auch eine exzellente Analysisgruppe. Für mich steht die Diskussion und die Zusammenarbeit mit den KollegInnen und ProfessorInnen an erster Stelle. Ich habe hier Zugang zu den aktuellen Projekten und Seminaren der Topleute auf diesen Gebieten - das erweitert meinen mathematischen Horizont ungemein. Es ist wohl die wichtigste Phase für junge ForscherInnen überhaupt, Kontakte zu knüpfen, sich außerhalb der mathematischen Schule, die einen ausgebildet hat, zu bewähren und seinen eigenen Weg in der Forschung zu finden. Dieses exzellente Umfeld bietet mir außerdem die Möglichkeit, mein eigenes Forschungsvorhaben voranzutreiben.
Redaktion: Sie bleiben für zwei Jahre und sind im März 2007 angekommen. Die erste Zeit ist wohl die aufregendste. Könnten Sie uns Ihre Ankunft und Ihre ersten Eindrücke schildern? Michor: London ist eine überwältigende Stadt. Meine erste Reaktion war, eine Jahreskarte für die Kew Gardens (einer der ältesten Botanischen Gärten der Welt im Westen Londons) zu kaufen - aus Angst, ich bekäme zu wenig Natur zu sehen. Am "Imperial" selbst hat man mir bei meiner Ankunft zunächst Tee serviert. Der britische Humor hat auch so seine Tiefen und Tücken, ist mit Wiener Schlagfertigkeit aber gut zu parieren.
Redaktion: Man bezeichnet dieses College kurz als "the Imperial". Spürt man eine hoheitliche Ausstrahlung an der Hochschule? Michor: Nein, das "Imperial" ist eine Topuniversität, das merkt man an den KollegInnen. Ein bisschen wirkt das Empire noch insofern nach, als 29 Prozent der Undergraduates aus Nicht-EU-Staaten kommen, hauptsächlich aus dem asiatischen Raum.
Redaktion: Erkennen Sie unterschiedliche Akzente im Vergleich mit der Mathematik in Wien? Michor: Die Forschungsgruppen sind hier viel internationaler besetzt. In Wien gibt es in der Mathematik fast nur WienerInnen. Am "Imperial" sind auf dem Level der DissertantInnen und Postdocs zum Beispiel großteils Leute aus dem Ausland zu finden. Es ist sehr befreiend, mit Menschen so verschiedener Hintergründe zusammenzuarbeiten und mitzuerleben, wie gut das klappt. Die Mathematik-Departments der verschiedenen Colleges dürften in London besser vernetzt sein (wenn man das mit Wien so direkt vergleichen kann). So gibt es zum Beispiel das London Analysis Seminar, ein gemeinsames Seminar der Analysisgruppen am Imperial College, King's College, University College, mit exzellenten internationalen Vortragenden.
Redaktion: Der Alltag in England: Fünf-Uhr-Tee und täglich Regen oder alles nur Klischee? Michor: Zumindest im Frühsommer 2007 entsprach die Regenmenge nicht dem Klischee. Der Tee mit Milch hingegen, der bei Seminaren serviert wird, ist wesentlich besser als in Wien - und begleitet von Cookies. Lieblingsthema der Briten sind die schlimmen Zustände beim Pendeln und der Austausch darüber, wie man am Besten von A nach B kommt. In der U-Bahn herrscht ein eigener Kodex. So ist zum Beispiel Blickkontakt verpönt, findet er doch statt, ist er bedeutungsvoll - in der hiesigen U-Bahnzeitschrift gibt es seitenweise Annoncen der Art "Blue shirt, we had eye-contact on Piccadilly yesterday at 9 am - want to meet again?". Dass der Wohnungsmarkt in London prekär ist, war mir gerüchteweise bekannt. Aber allen Ernstes "Wait, I'll get out so that you can come in" auf meiner Wohnungssuche in der Eingangstür zu hören, war schockierend. Viele der viktorianischen Häuser sind innen unterteilt wie Bienenwaben. Die meisten meiner Kollegen wohnen in flatshares (dafür gibt es ein eigenes Vokabular, von Bedsit = Bett mit Küche über en-suite room = Bett mit Bad bis Studio) oder außerhalb von London; so haben wir viel Zeit für Commuting-Milieustudien.
Redaktion: Hatten Sie schon Gelegenheit London zu erkunden? Was ist Ihnen dabei aufgefallen? Michor: Das kulturelle Angebot ist unglaublich. Die vielen Museen, die bei freiem Eintritt abends lange geöffnet haben, sind für mich ein wunderbarer Ausgleich zur Forschung. Und ich habe Londoner Mütter einander bestätigen hören, dass sie, wenn es schön ist, in den Park gehen und bei Regenwetter ins Science Museum. Nachdem die Stadt ihr Hundeproblem gelöst hat, spielen in den Parks die Kinder barfuss und am Wochenende lagern überall Sandwich-essende Paare!
Redaktion: Was, denken Sie, wird Ihnen in den nächsten zwei Jahren aus Wien abgehen? Michor: Mein Islandpferd, der Wienerwald und mein Lieblingswirt. (hh)
Das Imperial College London ... ist Teil der Universität London. Es wurde 1907 durch den Zusammenschluss des Royal College of Science, des City and Guilds College und der Royal School of Mines gegründet und gehört heute zu den renommiertesten Universitäten der Welt (so wurde das Imperial College im World University Ranking 2006 der "Times Higher Education Supplement" an neunter Stelle gereiht und ist unter den Top 3 der UK). 14 Nobelpreisträger, der aktuelle Leibarzt der Queen und der frühere indische Premierminister Rajiv Gandhi sind beispielsweise Absolventen des "Imperial". |