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Die Anglistin Susanne Reichl verbrachte in den vergangenen zwei Jahren viel Zeit in Bibliotheken, darunter der British Library in London. Sie entwickelt ein Didaktikkonzept für den anglistischen Literaturunterricht an Universitäten. Foto: S. Reichl


Reichl forschte dazu an den Universitäten Gießen, Frankfurt und Nottingham (im Bild). Foto: University of Nottingham


Institut für Anglistik und Amerikanistik, Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät Erwin-Schrödinger-Auslandsstipendium des FWF University of Nottingham
Vienna mailing to ... Nottingham
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Redaktion am 22. Februar 2007

Die Anglistin Susanne Reichl war zwei Jahre lang mit einem Erwin-Schrödinger-Auslandsstipendium des FWF in Deutschland bzw. Großbritannien. Ende Februar kehrt sie an die Universität Wien zurück. In einem E-Mail-Interview erzählt sie, woran sie in Frankfurt, Gießen und Nottingham geforscht hat ? und wie sie ihre Erfahrungen an der Universität Wien einbringen wird.

Für Aufenthalte in Gießen, Frankfurt und Nottingham entschied sich Mag. Dr. Susanne Reichl vom Institut für Anglistik und Amerikanistik, weil "für mein Habilprojekt beide Forschungstraditionen wichtig sind und auch die für mich wichtigsten Tagungen vor allem in Deutschland und Großbritannien stattfinden". Wichtig waren aber vor allem die Zugänge zu den Bibliotheken, wo sie den Großteil ihrer Zeit verbrachte: die Deutsche Bibliothek, die Uni-Bibliothek in Frankfurt, die British Library und die Cambridge University Library.

Nach zwei Jahren Auslandsaufenthalt kehrt Reichl am 28. Februar nach Wien zurück. Ihr Vertrag als Assistentin läuft noch zweieinhalb Jahre ? Zeit, die sie zur Fertigstellung ihrer Habilitation und zum Starten neuer Projekte verwenden will.

Redaktion: Sie waren im Rahmen des Erwin-Schrödinger-Stipendiums zwei Jahre zu Forschungszwecken im Ausland. Welche Forschungen haben Sie im Zuge des Stipendiums verfolgt?
Susanne Reichl: Das Stipendium habe ich für mein Habil-Projekt bekommen. Unter dem Titel "Individual minds, collective readings: Teaching literature at university" entwickle ich auf der Basis von Verstehensmodellen und empirischen Studien ein Didaktikkonzept für den anglistischen Literaturunterricht an der Universität. Darüber hinaus habe ich in den letzten beiden Jahren eine Aufsatzsammlung zu Humor in der postkolonialen Literatur fertig gestellt, ein Projekt über Zeitreisen begonnen sowie verschiedene literatur- und kulturwissenschaftliche Aufsätze und Lexikoneinträge geschrieben und Vorträge gehalten.

Redaktion: Welche Möglichkeiten haben Ihnen die Forschungsinstitutionen in Deutschland und England geboten?
Reichl: Die Universität Gießen hat im Bereich der Anglistikdidaktik einen Schwerpunkt zu literarischem Fremdverstehen. Die Anglistik in Frankfurt hat eine wunderbare NELK (Neue Englischsprachige Literaturen und Kulturen)-Abteilung mit dazugehöriger Fachbibliothek. An der University of Nottingham gibt es einen Didaktikschwerpunkt, der Literatur und Linguistik verbindet, und Kollegen, die im Bereich der Cognitive Poetics arbeiten. Auch am UCL (London) gibt es KollegInnen, die ein starkes Didaktikinteresse haben, vor allem im Bereich der Kulturwissenschaften.

Redaktion: Was war das Besondere am Aufenthalt?
Reichl: Vor allem geht es hier um Zeit. Nachdem ich hier in keinen Institutsbetrieb eingebunden bin und auch nicht unterrichten muss, habe ich die vollen zwei Jahre Zeit zum Lesen, Schreiben, Projekte Entwerfen, kreativ Nachdenken ? das ist der pure Luxus! Ich nütze meine Zeit hier auch für Gastvorträge, Konferenzen, und informelle Kontakte ? all diese Dinge sind prinzipiell auch daheim möglich, lassen sich aber in den Uni-Alltag schwerer integrieren. Die Bibliotheksrecherche und die Kontakte mit KollegInnen, die in ähnlichen Bereichen arbeiten, sind in diesem Umfang nur im Ausland möglich. Außerdem hat sich die Anerkennung, die ich im Ausland gewonnen habe, als wichtig für mein wissenschaftliches Selbstbewusstsein erwiesen.

Redaktion: Gerade Deutschland und England sind recht konträr. Welche Unterschiede sind Ihnen zwischen diesen beiden Ländern besonders aufgefallen?
Reichl: Ich finde ja auch Österreich und Deutschland schon recht unterschiedlich, aber natürlich ist England nochmal anders. Die Hierarchien an den Unis werden weniger stark gelebt als bei uns und an vielen deutschen Unis. In England spezialisiert man sich mehr auf ein Fachgebiet ? es gibt keine Habilitation, und dadurch kann man seine Spezialisierung weiter vertiefen, was natürlich Vor- und Nachteile hat. Und durch das Wegfallen der Habil wird man schon mit Doktorat als vollwertige/r WissenschafterIn akzeptiert. Aber die KollegInnen an den englischen Unis leiden mehr unter Bürokratie, als das bei uns der Fall ist, vor allem durch die ständige aufwändige Evaluierung von Forschung und Lehre. Dafür ist an englischen Unis die "student-staff ratio" um einiges besser als in Deutschland und Österreich.

Redaktion: In welchem Land hat Ihnen der Aufenthalt persönlich besser gefallen?
Reichl: Für eine Anglistin ist ein Jahr in Großbritannien natürlich ein unglaubliches Privileg! Die Möglichkeiten, die einem Theater, Kinos, Zeitungen, Buchgeschäfte usw. bieten, in Literatur und Kultur einzutauchen, hat man nur hier! Aber ich habe auch meinen Aufenthalt in Deutschland sehr genossen, weil ich in Frankfurt eine Menge "like-minded others" gefunden habe und die menschlichen Kontakte einfach intensiver waren. Ich hatte auch großes Glück mit den Wohnungen, hab's also wirklich gut getroffen!

Redaktion: Vermissen Sie etwas an der Universität Wien oder an Wien?
Reichl: Ich vermisse vor allem die Zukunftsperspektiven! Das ist in Deutschland nicht anders, macht die Sache aber auch nicht leichter. Ich wüsste einfach gerne, dass sich die Qualität meiner Arbeit in irgendeiner Form auf meine berufliche Zukunft an der Universität Wien auswirkt. So wie es momentan aussieht, kann ich machen, was ich will und hab nach Ablauf meines Vertrags trotzdem keinen Job. Was ich auch vermisse, ist eine Anerkennung meiner Arbeit in Forschung und Lehre ? im Ausland bin ich gefragter als an meiner Heimatuniversität.

Redaktion: Was werden Sie bei Ihrer Rückkehr als erstes machen?
Reichl: Ich werde zuerst meine Freunde und Familie wiedersehen und mich dann ins neue Semester stürzen: Ich freue mich schon aufs Unterrichten! Ich werde mich auch schnell auf den neuesten Stand in der MA/BA-Entwicklung bringen und die E-Learning-Ausbildung nachholen. Vor allem werde ich aber wild an meinem Habilprojekt weiterarbeiten.

Redaktion: Wie werden Sie die neuen Erfahrungen bei Ihrer Rückkehr an der Universität Wien einbringen?
Reichl: Zum einen habe ich einige Kontakte geknüpft, die der Uni zugute kommen können. Zum anderen habe ich durch mein Projekt mehr denn je die Möglichkeit, Forschung und Lehre wirklich verschmelzen zu lassen und Forschungsergebnisse in den Unterricht einfließen zu lassen und umgekehrt. Ich habe einige Vorstellungen zur Professionalisierung der Lehre, die ich gerne umsetzen würde, eventuell in Verbindung mit einem Mentoring-Projekt für jüngere KollegInnen. Allerdings bin ich für mittelfristige Pläne nicht mehr lang genug an der Universität Wien. Es wäre schön zu wissen, dass die Universität auf meine Auslandserfahrungen Wert legt. (mh)

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