Ao. Univ.-Prof. Dr. Michael Weigl vom Institut für Alttestamentliche Bibelwissenschaft (Katholisch-Theologische Fakultät) ist als Gastprofessor beliebt. Im Jahr 2000 war er in Pretoria (Südafrika), im Jahr 2001/02 in Eichstätt (Deutschland) und im Jahr 2003 in Minnesota (USA). Seit Herbst 2004 bringt er wieder ein Stück Universität Wien ins Ausland, denn er hat bis August 2009 eine Gastprofessur am Institut für Theologie und Religionswissenschaft an der Catholic University of America (CUA) in Washington inne. Sein international gefragter Forschungsbereich ist die "Biblische Archäologie". Seit mehreren Jahren nimmt Michael Weigl regelmäßig an Ausgrabungen im Nahen Osten teil. Für den Alttestamentler wurde im Laufe seiner Karriere die Verbindung von Bibelwissenschaft und Archäologie immer wichtiger.
Redaktion: Sie machen sich regelmäßig zu Ausgrabungen in Jordanien, Israel und Palästina auf. Was veranlasst Sie, zusätzlich regelmäßig Gastprofessuren zu übernehmen? Michael Weigl: Ich bin seit Beginn meiner universitären Laufbahn sehr an der internationalen Vernetzung der Forschung interessiert. Die Kontakte, die ich mir über die Jahrzehnte hin aufbauen konnte, betrachte ich als unabdinglich für meine Forschung. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich ForscherInnen in anderen kulturellen und wissenschaftlichen Kontexten bewähren müssen. Das entscheidende Kriterium für die internationale Anerkennung eines Forschers/einer Forscherin ist der Ruf auf eine Professur außerhalb der eigenen Alma Mater.
Redaktion: Sie befinden sich nun schon seit fast drei Jahren in Washington. Nehmen Sie als Bibelwissenschafter einen Unterschied im Umgang mit Religion zwischen Amerika und Europa wahr? Weigl: Ja, sehr stark. Die allgemeine Religiosität prägt den Alltag dieser - vermeintlich - säkularen Gesellschaft in einem Ausmaß, das in Europa unvorstellbar wäre. In vielen Fällen ist diese Religiosität aber sehr diffus und unseligerweise verquickt sie sich sehr oft mit politischen Interessen, vor allem am rechten Rand des politischen Spektrums.
Redaktion: Was bietet die Katholische Universität von Amerika (CUA) für Ihre derzeitige Forschungsarbeit? Weigl: Das akademische "Ambiente" ist von einer engen Zusammenarbeit der ProfessorInnen geprägt. Dieser "Teamgeist" ist auch in der engen Beziehung zu den DissertantInnen spürbar, die es so in Europa nicht gibt; wie generell die Ratio zwischen Lehrenden und Studierenden hier unterschiedlich ist. Die CUA ist keine Massenuniversität, sondern lebt von der persönlichen Interaktion - das gilt meiner Meinung nach generell für die USA und Kanada im Vergleich mit Europa.
Redaktion: Ein typischer Tag an einer amerikanischen Universität - können Sie Ihren Tagesablauf grob beschreiben? Weigl: Ich lehre pro Semester ein bis zwei Vorlesungen und ein Doktoranden-Seminar. Meine primäre Verpflichtung ist die Ausbildung und Betreuung von PhD-KandidatInnen. Der große Unterschied zu Europa ist, dass hier alles viel verschulter abläuft. Die meisten Vorlesungen finden nach einem ausgetüftelten Stundenplan statt. Viele meiner KollegInnen folgen dem Rhythmus "nine to five", davor und danach ist der Campus ausgestorben. Diese Trennung von Lehre/Forschung und Privatleben wäre in Europa undenkbar und ich habe mich diesem Rhythmus nie angepasst.
Redaktion: Wie ist die Atmosphäre am Institut? Weigl: Insgesamt hat man das Gefühl, dass Lehrende und Studierende am Campus wie "eine große Familie" zusammenleben. Man kennt sich und begegnet einander ständig wieder, obwohl mehr als 10.000 Studierende inskribiert sind. Meine Fakultät ist de-departmentalized, das heißt es gibt Fachbereiche (z.B. Biblical Studies, Systematic Theology), aber keine Institute. Innerhalb der Fachbereiche herrscht eine äußerst kollegiale Atmosphäre, wissenschaftlicher Austausch geschieht ständig.
Redaktion: Wie erleben Sie die amerikanischen StudentInnen? Weigl: Die Studierenden teilen sich in zwei Gruppen. Auf der einen Seite gibt es jene, die auf einen MA oder PhD hinstudieren. Ihre Ausbildung ist generell wesentlich intensiver als in Österreich, beispielsweise was die Kenntnis biblischer Sprachen anbelangt. Das Niveau entspricht dem unsrigen, die Anforderungen sind aber viel, viel höher. Die andere Gruppe, die Undergraduates, sind ein anderes Kapitel. Sie verbringen vier Jahre an der Uni und sind oft noch "Kinder". Meinem Empfinden nach ist ihre Allgemeinbildung oft schockierend gering. Dementsprechend stehen in vielen Fällen die erzieherische Funktion und die Vermittlung von Allgemeinbildung im Gegensatz zur Vermittlung detaillierter Fachkenntnisse im Vordergrund. In diesem Bereich sind unsere Unis den amerikanischen (noch) weit überlegen.
Redaktion: Sie sind sehr oft unterwegs. In welchem Land hat Ihnen der Aufenthalt bisher am Besten gefallen? Weigl: Definitiv in Kanada, das eine für einen Europäer sehr gelungene Mischung von europäischer und nordamerikanischer Kultur verkörpert und sozial wesentlich ausgeglichener ist als die USA. (hh)
Informationen zur CUA Die Catholic University of America ist vor allem im Bereich der Graduate Studies als Elite-Universität bekannt. Gemeinsam mit Harvard und Yale bildet sie in der alttestamentlichen Bibelwissenschaft 85 Prozent all jener DoktorandInnen aus, die nach ihrer Promotion auf Lehrstühle berufen werden. Die Besonderheit der CUA ist, dass sie eine von der katholischen Kirche getragene Institution ist. Sie ist jedoch nicht konfessionell und bietet außer der Medizin alle Fakultäten an. Besonders die "Columbus School of Law" ist international führend. |