Seit März ist Ao. Univ.-Prof. Dr. Wynfrid Kriegleder vom Institut für Germanistik an der Yale University (New Haven, Connecticut) und betreibt Forschungen in der "Beinecke Rare Book and Manuscript Library". Diese Spezialbibliothek hat eine außerordentliche Sammlung von Büchern und Manuskripten, auch aus dem Bereich der deutschsprachigen Literatur. Im Rahmen eines Forschungsstipendiums, des Beinecke-Fellowships, kann Kriegleder hier sein Forschungsgebiet vertiefen, das er als "Schnittpunkt zwischen 'American Studies' und deutscher Literaturwissenschaft" bezeichnet. Mitte Juni wird er nach Wien zurückkehren, um rechtzeitig vor Semesterende noch Diplomprüfungen und Kolloquien abzunehmen.
Redaktion: Inwieweit können Sie in Yale Ihre Forschungsschwerpunkte vertiefen? Wynfrid Kriegleder: Ich beschäftige mich schon seit Jahren mit der Frage, wie die USA in Europa gesehen und beurteilt werden und wurden. Dabei interessiert mich vor allem das literarische Bild im 19. Jahrhundert, das doch viele der Urteile und Vorurteile auch der Gegenwart vorwegnimmt.
Redaktion: Woran arbeiten Sie im Rahmen des Beinecke-Fellowships? Kriegleder: Ich interessiere mich für das "Archiv des deutschen Adelsvereins", einer Organisation, die in den 1840er Jahren eine gezielte Auswanderung deutscher Emigranten in das damals eben unabhängig gewordene Texas betrieb. Dieses Archiv umfasst viele tausend Dokumente aller Art, in erster Linie handschriftliche Briefe der Akteure. Mein Interesse als Literaturwissenschafter gilt einem Mann namens Armand Strubberg (1806–1889), der in den 1860er/1870er Jahren, also knapp vor Karl May, erfolgreiche Romane über die USA verfasste. Im Gegensatz zu May hat sich Strubberg im "Wilden Westen" aufgehalten; er war als Angestellter des Adelsvereins einer der Gründer der texanischen Stadt Friedrichsburg. Man weiß, dass er dort diverse Abenteuer erlebte, u.a. in einen Friedensvertrag mit den feindlichen Comanches und in eine veritable Wildwestschießerei unter den Beamten des Vereins, mit zwei Todesopfern, involviert war. Da aber Strubberg in seinen vage autobiographischen Romanen, Jahre später, das Geschehen stark modifiziert und seine eigene Rolle geschönt hat, ist es interessant, seine Briefe und die Briefe der anderen Akteure aus der Zeit zu lesen, um zu erfahren, wie die Situation von den Zeitgenossen gesehen wurde.
Redaktion: Wie sieht Ihr Alltag derzeit aus? Kriegleder: Da ich mit Teilen meiner Familie - meiner Frau und meiner zwölfjährigen Tochter - hier bin, haben wir ein Haus gesucht. Das ist in unmittelbarer Nähe der Universität sehr schwierig und auch ziemlich teuer. Daher wohnen wir in der Kleinstadt Shelton, etwa 20 Kilometer westlich von New Haven. Mein Arbeitsalltag ist äußerlich gesehen eher langweilig: Ich fahre morgens mit einem Bus zur Universität (das dauert etwa 40 Minuten), sitze den ganzen Tag in der Bibliothek und entziffere Manuskripte bzw. lese Bücher. Denn meine Tätigkeit beschränkt sich auf die Forschung in einer Spezialbibliothek; ich habe also mit dem Alltagsbetrieb der Universität, d.h. mit der Lehre und mit der Forschung im Rahmen der Departments, nichts zu tun. Neben der Arbeit versuche ich am wissenschaftlichen und kulturellen Angebot der Universität zu partizipieren. Und natürlich reise ich in Neuengland herum, halte auch mal einen Vortrag an einer anderen Universität oder erneuere alte Bekanntschaften.
Redaktion: Sie haben bereits mehrere Forschungsaufenthalte in den USA hinter sich. Welche Unterschiede konnten Sie hinsichtlich der Wissenschaftskultur zwischen Österreich und den USA feststellen? Kriegleder: In meinem Bereich, den Geisteswissenschaften, stelle ich einerseits eine ähnlich prekäre Situation wie in Österreich fest (einen permanenten Rechtfertigungszwang der WissenschafterInnen), andererseits, zumindest an einer renommierten Universität wie Yale, eine größere Bereitschaft der Universitätsleitung, sich der geisteswissenschaftlichen Tradition zu rühmen und sie sich als Feder an den Hut zu stecken. Manche amerikanische Universitäten, so scheint mir, bekennen sich noch stärker zur Idee der geisteswissenschaftlichen Bildung als manche europäische Institutionen. Wobei ich durchaus zugebe, dass dieses Bekenntnis oft mehr eine Bereitschaft zu großen Gesten - zur Finanzierung einer Tagung oder zur Etablierung eines Forschungszentrums - sein mag als zur tatsächlichen, unspektakulären und nachhaltigen Förderung.
Redaktion: Vermissen Sie etwas an der Universität Wien oder an Wien? Kriegleder: Auch wenn das vielleicht unglaubwürdig klingt, ich vermisse meine Kollegen und Kolleginnen, meine Studenten und Studentinnen durchaus. Freilich öffnet die Chance, dem Alltagstrott auf einige Monate zu entkommen und die Welt nicht nur aus der Warte der Ringstraße zu sehen, (hoffentlich) den Horizont.
Redaktion: Wie werden Sie Ihre neuen Erfahrungen nach Ihrer Rückkehr an der Universität Wien einbringen? Kriegleder: Meine Recherchen hier sind ein kleiner Baustein in diesem größeren Projekt; sie werden in künftige Vorlesungen und Seminare, aber auch in Aufsätze und Vorträge einfließen. Ich bin darüber hinaus zuversichtlich, dass meine Erfahrung im US-amerikanischen akademischen Biotop, wie schon bei meinen früheren USA-Aufenthalten, mir im universitären Alltag überaus hilfreich sein wird. (Aber das können natürlich nur meine KollegInnen und StudentInnen beurteilen). (sk)
Informationen zur Gast-Universität: Yale University Die Yale University liegt in New Haven (Connecticut). Die Elite-Universität zählt zu den ältesten und renommiertesten US-amerikanischen Universitäten und ist Mitglied der so genannten Ivy League. |