| |
Visuelle Zeitgeschichte im Gedenkjahr 2005 |
| 1945-55 |
| Eszter Bokor (Redaktion) am 6. Juli 2005 |
Der Zeit- und Kulturhistoriker Frank Stern beschäftigt sich im Rahmen seiner Professur am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien mit visueller Zeitgeschichte. In einem Interview sprach er über das "Gedankenjahr", seine Beurteilung der Gedächtnispolitik in Österreich und was er sich über zwei Jahrzehnte nach dem "Bockerer" vom österreichischen Film wünscht. |
Redaktion: Der Schwerpunkt Ihrer Professur ist "Visuelle Zeit- und Kulturgeschichte", Sie beschäftigen sich mit dem wechselseitigen Einfluss von visuellen Medien und Geschichtsbildern. Wie beurteilen Sie die Erinnerungspolitik des offiziellen Österreich im "Gedankenjahr 2005"? Frank Stern: Viel Feier, zahlreiche nachdenkenswerte Ansätze und zu wenig Nachdenken. Vieles bleibt eher Stückwerk: Ausstellungen, Gedenkveranstaltungen, Eventkultur. Das Problem ist, dass manchmal ein zu viel auch ein zu wenig sein kann: Durch diese immense Fülle von oft oberflächlichen Veranstaltungen fehlt die kritische Reflexion. Es gibt für Österreich keinen seriösen Grund, die westdeutsche These einer "Stunde Null" zu wiederholen. Ohne eine selbstkritische Auseinandersetzung mit den Jahren vor 1945 ist es auch schwierig, zu zukunftsweisenden Schlussfolgerungen zu kommen. Das kann dann eben auch überschwappen in diese unverantwortlich-fürchterlichen Aussagen der Bundesräte Kampl und Gudenus, die die Gaskammern leugnen und jene denunzieren, die gegen Ende des Krieges verstanden hatten, dass es ein verbrecherischer Krieg war. Mir scheint, dass die aufklärende und erzieherische Funktion der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen heute immens an Bedeutung gewonnen hat. Ich war bei zahlreichen kritischen Veranstaltungen engagiert, auch um zu zeigen, welche Probleme es bei der Vermittlung von Geschichtsbildern gibt. Zum Beispiel wenn Schulklassen in den "Untergang" geschickt werden, obwohl es einen viel besseren österreichischen Spielfilm aus dem Jahr 1955 gibt: "Der letzte Akt" von G. W. Papst mit Oskar Werner. Das Institut für Zeitgeschichte wird im Oktober 2005 eine bilanzierende Konferenz zum Gedankenjahr veranstalten, wo wir analysieren werden, was in diesem Jahr geleistet wurde und wo es Probleme gibt, die künftig auch von der zeitgeschichtlichen Forschung behandelt werden sollten. Redaktion: Welche konkreten Fehler sehen Sie in diesem Bereich? Was könnte man anders machen? Stern: Bestimmte Formen der Eventkultur werden vermischt mit Aufgaben der politischen Erziehung und Aufklärung. Alles ist Event und Fun, aber so bleiben die Inhalte unvermittelt, unreflektiert. Da werden aus der Unterhaltungsindustrie Konzepte übertragen, wenn es um politische Aufklärung gehen sollte. Ich meine natürlich nicht, dass politische Aufklärung knochentrocken sein soll, man soll ja auch über Politik lachen können. Politiker nehmen sich eh viel zu ernst. Aber es darf nicht durch den schlichtesten gemeinsamen Nenner nivelliert werden. Es geht bei aufklärerischer zeitgeschichtlicher Arbeit auch um das Bewusstmachen von medialen Verschiebungen: Wenn ständig nur von den Folgen des Krieges gesprochen wird, zum Beispiel von den Problemen der Besatzungszeit, dann fehlt der Kontext, die Frage nach den Ursachen und der persönlichen Involvierung jedes einzelnen. Wie konnte es denn zur Besatzungszeit kommen, wie sieht es denn bis heute mit der Restitution aus? Das sind zentrale Fragen, die nach wie vor zu diskutieren sind. In Wien gibt es das Internationales Forum Mauthausen, das sich unter Beteiligung der in der Gedenkarbeit Aktiven und der Verbände der Opfer der Frage zuwendet, wie in Zukunft die Lehren der Vergangenheit vermittelt werden sollen, welche schulischen Konzepte nötig sind. Es ist erfreulich zu sehen, dass es dort hervorragende Diskussionen gibt zwischen den ministeriellen Trägern der Arbeit der Gedenkstätte, den Fachleuten aus dem Bereich der schulischen und politischen Bildung, VertreterInnen der Verbände der ehemaligen Häftlinge und WissenschafterInnen. In solchen Initiativen, in denen die staatliche Seite miteinbezogen ist, sehe ich Alternativen. Redaktion: Ist das nicht ein allgemeiner Trend im Moment, dass man diese Geschichten zunehmend von der TäterInnenseite erzählt? In Deutschland wurden etwa Filme gemacht wie "Untergang" und "Napola", in Österreich "Speer und er"? Stern: "Napola", "Untergang", "Speer und er" sind sicher keine Alternative zur politischen Aufklärung und zu Filmen, die sich kritisch und provokativ mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Was das Filmschaffen anbelangt, habe ich sicherlich einige Fragen an die hiesigen KünstlerInnen. Man kann ja nicht ewig nur Filme über die sozialen Probleme an den Rändern Wiens drehen, es gibt auch andere wichtige Themen für dieses Land. Meine Studierenden beziehen sich immer auf den "Bockerer", "Wohin und Zurück" und "Hasenjagd", weil es zu wenig gut gemachte Spielfilme über das österreichische Gedächtnis gibt. Dabei existiert bei weitem genug kreatives Potenzial ? "Silentium" etwa verarbeitet mit innovativen Mitteln, sehr kritisch und spannend aktuelle gesellschaftliche Probleme, die es ja nicht nur in Salzburg gibt ... Um nicht missverstanden zu werden: Es muss ja kein "Holocaust-Film" sein. Ein Film über die Geschichten eines Wiener Zinshaus zwischen 1936 und 1956 könnte besser und wirksamer sein, als ein Film, der im Lager spielt ? die Lager kann man ja wegschieben, die waren, zumindest im Bewusstsein der Mehrheit, weit weg. Es sollten durchaus Filme sein, die hier und heute spielen. Es gibt zum Beispiel Bezirke in Wien, wo viele Erinnerungstafeln zu sehen sind, die an die NS-Zeit erinnern, und solche, wo sie kaum zu finden sind. Welches Magistrat fördert was und warum? Das wäre schon eine interessante Frage, die Studierende dokumentarisch aufarbeiten könnten. (eb) Dr. Frank Stern ist seit September 2004 Professor am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien mit Schwerpunkt "Visuelle Zeit- und Kulturgeschichte". Er forscht zu Themen wie österreichischer und deutscher Film im Vergleich, österreichisch-jüdische und deutsch-jüdische Kulturgeschichte, Filmexil sowie israelischer und palästinensischer Film. |
