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Von Blindenschulen und "Kaiser Josephs Guglhupf"
Behinderung/Integration
Michaela Hafner (Redaktion) am  8. April 2003

Einige historische Streiflichter beleuchten den sich verändernden Umgang mit psychisch Kranken Ende des 18. Jahrhunderts, die erste Blindenschule in Wien, die Bedeutung von sozialen Rollen in der ländlichen Gesellschaft um 1900, die jüdische Tradition der Sonderpädagogik und die Vernichtung "lebensunwerten Lebens" am Beispiel des "Spiegelgrunds" während der NS-Zeit.

Gesundheit ist seit der Zeit der Aufklärung Angelegenheit von öffentlichem Interesse mit zunehmender politischer und ökonomischer Komponente. Eine hohe Bevölkerungszahl schien Garant für die Stärke der sich etablierenden Nationalstaaten - Steuerzahler, Beamte und Soldaten inklusive. Nicht nur der/die Kranke als Einzelperson war wichtig, sondern die Gesundheit des ganzen Volkes wurde als höchstes Gut des Staates gesehen. Eine in die staatliche Verwaltung integrierte Medizin ("medicinische Policey") sollte die "Volksgesundheit" garantieren. Effizienz, Disziplin und Rationalität sollten die Lebenspraxis bestimmen. Soziale Randgruppen (Alte, Arme, Bettler, Invalide, "Irre", "Arbeitsscheue" etc.) wurden seit dem 17. Jahrhundert in Europa systematisch von der Verwaltung erfasst und in Korrektur-, Zucht-, Arbeitshäusern oder Gefängnissen weggesperrt.

Wahnsinn als Krankheit

Wahnsinn bekommt erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts den Status einer Krankheit, davor galt "Besessenheit" als Zeichen dafür, dass man mit bösen Mächten im Bunde ist und war ein Fall für den Teufelsaustreiber und nicht für den Arzt. "Mediziner mussten sich das Gebiet der psychischen Abweichungen im Laufe des 18. Jahrhunderts erst von den Philosophen und Theologen erkämpfen. Ein geeignetes Mittel dafür war die Gründung von Irrenanstalten, in denen die Mediziner als Experten auftraten," erläutert Mag. Irene Apfalter, die ihre Diplomarbeit am Institut für Geschichte zu psychiatrischen Therapien in deutschen und österreichischen Irrenanstalten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfasst hat. Wahnsinn wurde als Krankheit erkannt, die Psychiatrie als Spezialdisziplin etabliert und die "Irren" in gesonderte Heilanstalten - getrennt von Kriminellen, Landstreichern etc. - gebracht, wo sie nicht mehr nur verwahrt, sondern geheilt werden sollten.

Nach Einstellung des Krankenhausbetriebs 1866 wurde es teils als Wohnturm und Depot benützt, seit 1971 beherbergt der Narrenturm am Wiener Universitätscampus das 1796 gegründete Pathologisch-anatomische Museum und seine umfangreichen Sammlungen.

Die erste psychiatrische Anstalt auf österreichischem Boden war der "Narrenturm", der 1784 unter Joseph II. in der Mitte des Allgemeinen Krankenhauses errichtet wurde (Architekt Isidore Canevale).

Das fünf-geschossiges runde Gebäude - im Volksmund auch "Kaiser Josephs Guglhupf" genannt - hatte kreisförmig angeordnete Zellen, der Sozialdisziplinierung, Überwachung und Beobachtung der Kranken stand damit nichts mehr im Wege.

 
 

Der Narrenturm am heutigen Uni-Campus.

"Die Behandlung von ‚Geisteskranken', die in den seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals speziell in für diesen Zweck errichteten Irrenanstalten stattfand, steht im Spannungsfeld zwischen humanitärem Bemühen und Sozialdisziplinierung", resümiert Apfalter. Einerseits die aufklärerische Befreiung der "Irren" von ihren Ketten (ausgehend vom Arzt Philippe Pinel im Pariser Irrenhaus Bicêtre 1793), andererseits waren die PatientInnen nicht frei von moralischen Zuschreibungen: Wer sich im Zeitalter der Vernunft außerhalb der Grenzen der Vernunft, Arbeit und des Anstandes stellte, wurde (vom erstarkenden Bürgertum) ausgegrenzt - das Subjekt hatte nach Kant eigene Verantwortung für die Unvernunft.

Das k.k. Blindenerziehungsinstitut

Die ersten Bemühungen um körperlich behinderte SchülerInnen sind ebenfalls gekoppelt an die Zeit der Aufklärung, in der die Bildungsfähigkeit eines jeden Menschen postuliert wurde. Nach einem Besuch Joseph II. in Paris ließ er 1779 in Wien das erste "Österreichische Taubstummeninstitut" errichten. Die erste Schule für Sehgeschädigte im deutschsprachigen Raum - das "k.k. Blindenerziehungsinstitut" in Wien - wurde Anfang des 19. Jahrhunderts durch Johann Wilhelm Klein initiiert. "Sehgeschädigte Menschen sollten im Zeitalter der Industrialisierung zu 'volkswirtschaftlich brauchbaren Arbeitskräften' ausgebildet und vor Verwahrlosung und Kriminalität bewahrt werden", erklärt die Mitarbeiterin der Sammlung Frauennachlässe am Institut für Geschichte, Li Gerhalter, die die Briefe einer Blindenlehrerin um 1900 analysiert. Die sehbehinderten SchülerInnen wurden u.a. als MusikerInnen, zu KorbflechterInnen, später auch zu HeilmasseurInnen und mit zunehmender Technisierung des Büro- und Kommunikationswesens auch als Maschinschreibkräfte und zum Telefondienst ausgebildet. Ein wichtiger Schritt zu einer allgemeinen Blindenpädagogik waren die "Europäischen Blindenlehrerkongresse" nach amerikanischem Vorbild, die ab 1873 alle drei Jahre abgehalten wurde - der erste fand übrigens in Wien statt, berichtet Gerhalter.

Jüdische Wohlfahrt und Sonderpädagogik

"Auch die einzige jüdische Blindenschule im deutschsprachigen Raum befand sich in Wien, das israelitische Blindenerziehungsinstitut auf der Hohen Warte", erzählt Sieglind Ellger-Rüttgardt vom Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Ellger-Rüttgardt, die im Sommersemester 2003 eine Gastprofessur am Institut für Erziehungswissenschaft inne hat, konzipierte 1996 die Wanderausstellung "Verloren und Un-Vergessen. Jüdische Heilpädagogik und Wohlfahrtspflege in Deutschland", die schon mehrmals in Deutschland und im Ausland zu sehen war. Sie dokumentiert auf über 50 Tafeln einen bis in die 1930er Jahre etablierten Zweig der deutschen Heilpädagogik, der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kaum mehr erinnert wurde.

Das Bemühen um Menschen mit Behinderungen entsprang der Tradition der jüdischen Wohlfahrtspflege und wirkte bis in die Zeit des Nationalsozialsozialismus durch die Errichtung und Unterhaltung zahlreicher Institutionen mit ausdifferenzierten Aufgabenbereichen wie z.B. Blinden- und Taubstummenanstalten oder Heilerziehungheime. "Diese lange Erfolgsgeschichte endete abrupt im Dritten Reich: mit der Zerstörung der Institutionen sowie der Vertreibung und Deportation der in ihnen lebenden und arbeitenden Menschen", erzählt Ellger-Rüttgardt. Neben der Vielzahl an professionellen jüdischen Institutionen mit sonder- und sozialpädagogischem Profil informiert die Ausstellung auch über die Ursprünge karitativen Handelns im Judentum sowie über Lebensläufe jüdischer HeilpädagogInnen. "Derzeit wird an einer inhaltlichen Erweiterung und an der Erstellung einer englischsprachigen Fassung gearbeitet. Von dem Seminar, dass ich kürzlich am Wiener Institut für Erziehungswissenschaft veranstaltet habe, erwarte ich mir Ergänzungen über die jüdischen Einrichtungen in Wien", so Ellger-Rüttgardt.

"Am Spiegelgrund"

Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete sich eine neue Disziplin, die "Eugenik": die genetische Verbesserung des Menschen sollte durch die Förderung "wertvoller" Individuen bzw. durch Ausschluß von TrägerInnen angeblich minderwertigen Erbgutes von der Fortpflanzung erreicht werden. Die NS-Rassentheoretiker griffen in den 1930er Jahren diese Idee zur Absicherung der Macht "des arischen Herrenmenschen" auf, verschiedene Gesetze lieferten die Grundlage für Zwangssterilisationen, Internierung und Tötung. Die Medizin übernahm im Nationalsozialismus die Aufgabe der "Ausmerzung" der als "minderwertig" qualifizierten Menschen. Die Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof" (das heutige Otto-Wagner-Spital) mutierte nach 1938 zum Wiener Zentrum der nationalsozialistischen Tötungsmedizin, in dem über 7.500 Steinhof-PatientInnen starben, darunter rund 800 kranke oder behinderte Kinder und Jugendliche der "Kinderfachabteilung" "Am Spiegelgrund" (1940-45). Die Ausstellung "Der Krieg gegen die ‚Minderwertigen': Zur Geschichte der NS-Medizin in Wien" des Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes im Otto-Wagner-Spital gibt, gestützt auf neue Forschungen, einen umfangreichen Überblick über Zwangssterilisationen, die Rolle der Gesundheitsämter, die "Aktion T4" ("Eliminierung der unnützen Esser" zugunsten des Kriegsmaschinerie), die Vertreibung/Vernichtung jüdischer ÄrztInnen und PatientInnen und nicht zuletzt über das Schicksal der Kinder vom Spiegelgrund. Während Heinrich Gross, ehemaliger Arzt der Tötungsklinik "Am Spiegelgrund", seine Karriere im Nachkriegsösterreich ungehindert fortsetzen konnte und - nicht zuletzt aufgrund seiner Forschungen an den Gehirnen der Opfer - zu einem der prominentesten Psychiater Österreichs aufstieg, wurden die Überlebenden des Spiegelgrunds jahrzehntelang diskriminiert.

Soziale Rolle und Arbeitsleistung

Dass die Bedeutung von Behinderung bzw. die Kategorien "normal" bzw. "gesellschaftsschädigend" stark vom Kontext abhängig sind, zeigt auch das Forschungsprojekt der Sozialhistorikerin Mag. Gudrun Hopf, die sich mit behinderten Menschen in der alpinen Gesindegesellschaft um 1900 beschäftig. Sie fragt nach den Gründen, warum Menschen zu "Behinderten" abgestempelt wurden und legt dar, dass das Einfügen in die gesellschaftlich zugewiesene Rolle sehr wichtig war in einer Gesellschaft, in der die Existenz des/der Einzelnen von seiner/ihrer Arbeitsleistung abhing,. "In der Praxis wurde Normalität daran gemessen, wie gut oder schlecht sich jemand in seine Rolle einfügen konnte", so Hopf. Oft lagen auch wirtschaftliche Motive hinter der Zuschreibung von "Schwachsinnigkeit": Da geistig-behinderte Personen nicht heiraten durften, musste ihnen auch kein Erbteil ausgezahlt werden; ein als "schwachsinnig" eingestufter Knecht bekam keinen oder kaum Lohn - was gesellschaftlich akzeptiert war.

Sieglind Ellger-Rüttgardt bekräftigt, wie wichtig es ist - neben dem gegenwärtigen Vergleich von Integrationsmaßnahmen anderer Ländern -, sich mit der eigenen Traditionen zu beschäftigen, um aus den Fehlern der Vergangenheit die richtigen Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Gudrun Hopf betont, dass - auch wenn heute noch hundert Jahre alte medizinische Modelle die Einstellung mancher Menschen prägt - sich doch viel insofern geändert hat, als dass Menschen mit Behinderungen heutzutage zunehmend für sich selbst sprechen und sich gegen diskriminierende Zuschreibungen von außen wehren. Es liegt an uns, ihre Selbstdefinition anzuerkennen. (mh)

Lesen Sie hier das Interview von dieUniversitaet.at mit Mag. Gudrun Hopf (pdf).

Narrenturm - Pathologisch-anatomisches Bundesmuseum Prof. Sieglind Ellger-Rüttgardt Bundes-Blindenerziehungsinstitut Gedenkstätte Steinhof "Der lange Schatten der NS-Medizin: Heinrich Gross und die wissenschaftliche Verwertung der Spiegelgrund-Opfer" von Herwig Czech (dieUniversitaet.at 2002)

Buchtipps: Sieglind Ellger-Rüttgardt (Hg.), Verloren und Un-Vergessen. Jüdische Heilpädagogik in Deutschland. Weinheim: Deutscher Studienverlag 1996. ISBN 3-89271-685-4. ca. EUR 25,-.

Alfred Stohl, Der Narrenturm oder die dunkle Seite der Wissenschaft. Wien: Böhlau 2000. ISBN 3-205-99207-5, EUR 29,90. Vortrag des Autors am 7. August 2003, 17.30 Uhr im Pathologisch-anatomischen Museum.

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