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Von Kant, dem geklonten Menschen und den Walen
Ethik und Biomedizin
Roland Dreger (Redaktion) am 23. Januar 2003

Ethik muss lebbar sein, meint Univ.-Prof. Dr. Franz M. Wuketits vom Institut für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung der Universität Wien und bringt dafür überzeugende Beispiele. DieUniversitaet.at hat sich mit dem Biologen, Philosophen und Wissenschaftsforscher auf eine Spurensuche nach Ethik und Moral in den Naturwissenschaften begeben.

DieUniversitaet.at: Sind wir mit dem Klonen von Menschen im Begriff, eine ethisch-moralische Schwelle zu überschreiten?

Franz M. Wuketits: Das Klonieren von Menschen halte ich persönlich für einen gefährlichen Unsinn. Zum einen wissen wir überhaupt noch nicht, ob diese Kinder, die geklont zur Welt kommen, gesund werden, und zum anderen: warum soll man Menschen klonen? Wollen Sie wirklich doppelt oder dreifach existieren?, also ich nicht. Moralische Grenzen sind jedoch sehr schwer festzulegen, es gibt keine hundertprozentigen Maßstäbe, was moralisch richtig oder falsch ist.

DieUniversitaet.at: Wie beurteilt man, was richtig und was falsch ist?

Wuketits: Gut und Böse sind relative Begriffe. Es ist eine Tatsache, dass alle Völker und Kulturen irgendeine Moralvorstellung haben. Diese variiert jedoch von einer zur anderen Kultur und sie verändert sich auch im Laufe der Geschichte. Daher sind Werte und Normen relativ. Wenn man jetzt konkret in diesem Fall, dem Klonen von Menschen, nach moralischen Maßstäben oder Kriterien fragt, würde ich sagen, es ist der Schutz des Lebens, der hier verletzt ist. Wenn nach wie vor medizinische Bedenken bestehen, dann ist klar, dass es auch nicht sehr verantwortlich wäre, Menschen zu klonen.

DieUniversitaet.at: Gerade im Zusammenhang mit der Stammzellenforschung ist die Diskussion um den Beginn des menschlichen Lebens neu entflammt.

Wuketits: Individuelles Leben ist im Entstehen begriffen, in dem Moment, wo eine befruchtete Eizelle vorliegt. Nun ist so eine befruchtete Eizelle qualitativ nicht dasselbe wie ein Embryo und schon gar nicht wie ein individueller Organismus. Wenn man an die Abtreibung denkt, die auch in Österreich bis zum dritten Schwangerschaftsmonat straffrei ist, hat der Gesetzgeber offenbar im Hinterkopf, dass bis zu diesem Zeitpunkt der werdende Mensch noch nicht im engeren Sinn Person oder Mensch ist. Theologen werden ihnen wahrscheinlich Argumente dagegen liefern. Das Paradoxe daran ist aber, dass es ein wesentlich späterer Zeitpunkt ist als bei den Stammzellen. Die Moral entpuppt sich also als eine Doppelmoral, und da sehe ich auch große Schwierigkeiten und große Gefahren.

DieUniversitaet.at: Wer trägt letzten Endes die Verantwortung?

Wuketits: In vielen kritischen Bereichen ist in erster Linie der Wissenschaftler moralisch gefordert, denn von wem soll ich die Abschätzung möglicher Konsequenzen am besten erwarten, wenn nicht vom Wissenschaftler. Die Molekularbiologie etwa ist eine hochkomplexe und abstrakte Disziplin. Der Wissenschaftler kann sich nicht auf die so genannte Gesellschaft verlassen, mit dem Argument, ich befolge das wissenschaftliche Ethos, das heißt, ich zitiere sorgfältig, ich manipuliere keine Daten, nur was mit dem passiert, was ich mache, interessiert mich nicht. Das wäre blauäugig, gefährlich und verantwortungslos. Ein großer Teil der Verantwortung fällt auf den Wissenschaftler zurück.

DieUniversitaet.at: Aber sicher auch ein Teil auf die Gesellschaft?

Wuketits: In diesem Dreieck aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft und Medien müsste man sozusagen eine ausgeglichene Balance finden, gewissermaßen eine Interaktion, eine Wechselwirkung, die letzten Endes ein tragendes moralisches Gerüst aufstellt.

DieUniversitaet.at: Kann nun aber wissenschaftliche Forschung überhaupt verboten werden?

Wuketits: Niemand kann der Wissenschaft ein gewisses Forschungsziel vorschreiben bzw. verbieten, das widerspricht den demokratischen Grundsätzen. Der Wissenschaftler müsste selber im Stande sein, sich Grenzen zu setzten, dort wo er merkt, dass er in gefährliches Terrain vorstößt. Für den einzelnen Wissenschaftler ist es natürlich nicht immer ganz leicht abzuschätzen, wer wann wie seine Ergebnisse anwendet.

 
   

Univ.-Prof. Dr. Franz M. Wuketits

DieUniversitaet.at: Das ist sicher einigen erst im Nachhinein bewusst geworden?

Wuketits: Vor einigen Jahren hat ein amerikanischer Zoologe die Fortbewegungsweise von Walen studiert. Völlig harmlos würde man sagen. Nur kann offenbar jede noch so harmlos scheinende Arbeit auch negativ angewendet werden. In diesem Fall hat sich das Militär dafür interessiert, für die Konstruktion von Torpedos nämlich. Wie uns die Geschichte zeigt, ist praktisch alles, was die Naturwissenschaft an technisch verwertbaren Ergebnissen jemals hervorgebracht hat, auch angewandt worden, und das nicht immer nur positiv.

DieUniversitaet.at: Wie müsste eine "funktionierende" Ethik aussehen?

Wuketits: Ethik kann man nur betreiben, wenn man konkret im Leben steht. Eine rein normative Ethik halte ich zum Scheitern verurteilt. Es ist eine Illusion, wenn man glaubt, man kann irgendwelche moralischen Imperative aufstellen, und alle werden sich daran halten. Ethische oder moralische Richtlinien sind nur wirkungsvoll, wenn jeder Einzelne, in dem Fall jeder Wissenschaftler, sie auch wirklich nachvollziehen kann. Und Ethik muss lebbar sein. Die Ethik im Sinne von Albert Schweitzer, die Ehrfurcht vor allem Leben, ist es zum Beispiel nicht. Das hieße, dass man auch Parasiten und Krankheitserreger letzten Endes ehrfürchtig betrachten müsste. Der Frage, die die Ethik traditionsgemäß gestellt hat, was soll ich tun, sollte man die Frage voranstellen, was kann ich überhaupt tun?

DieUniversitaet.at: Hinkt die Ethik der Forschung nicht immer ein wenig hinterher?

Wuketits: Auf jeden Fall, neuerdings droht die Forschung den Forschern selbst wegzulaufen. Ein Ethiker würde aber dazu sagen, wir haben schließlich den kategorischen Imperativ von Kant.

DieUniversitaet.at: Könnten Sie das etwas näher erläutern?

Wuketits: Auf den Toiletten in den ICE-Zügen der Deutschen Bundesbahnen findet man die Aufschrift: "Bitte verlassen Sie diesen Ort so, wie Sie ihn gerne vorfinden möchten." Das wäre der kategorische Imperativ von Kant, angewandt auf die Toiletten der Deutschen Bundesbahnen. Simpel zitiert also, man soll nichts tun, was man auch selber nicht erleben möchte. Das ist auch das, was ich mit Nachvollziehbarkeit meine. Keiner von uns möchte verschmutzte Toiletten im Zug haben. Das ist eher nachzuvollziehen, als ein Verbot wie: verschmutzen Sie hier nichts. Zugegeben handelt es sich hierbei um einen viel einfacheren Bereich, ethisch gesehen, als beim Klonen. Ich glaube jedoch, dass das Prinzip nach wie vor nicht so schlecht ist. (ro)

Univ.-Prof. Dr. Franz M. Wuketits lehrt an den Universitäten Wien und Graz und setzte sich schon mehrfach in Büchern und Aufsätzen mit Ethik und Moral in unserer Gesellschaft auseinander.

Buchtipp: Franz M. Wuketits: Warum uns das Böse fasziniert. Die Natur des Bösen und die Illusionen der Moral. Stuttgart/Leipzig: Hirzel, 1999; 276 S., EUR 19,90. ISBN: 3-7776-0938-2

Links: Univ.-Prof. Dr. Franz M. Wuketits Institut für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung

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