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Institut für Finno-Ugristik
Interview mit Prof. Natalia Glukhova über Frauen in Mari-El
?Ostseeraum als ?Brücke zum Osten??
Von Pannonien bis zum Baltikum: Finno-Ugristik an der Universität Wien
EU-Erweiterung
Eszter Bokor (Redaktion) am  9. Juni 2004

Seit Mai 2004 sind die drei größten finno-ugrischen Nationen ? Finnland, Ungarn, Estland ? Mitglieder der Europäischen Union. Das Interesse an nordischen und ostmitteleuropäischen Sprachen wächst, das Institut für Finno-Ugristik erfreut sich immer höherer Studierendenzahlen und erweitert kontinuierlich sein Angebot. DieUniversitaet-online.at sprach darüber mit Univ.-Doz. ao. Univ.-Prof. Dr. Andrea Seidler.

Redaktion: Was ist das Besondere am Studium Finno-Ugristik an der Universität Wien? Andrea Seidler: Das Institut für Finno-Ugristik ist für eine gesamte Sprachfamilie zuständig, die höchst verschiedene Sprachen und Kulturen umfasst. Zum Vergleich stelle man sich ein Institut für Germanistik vor, wo zugleich auch portugiesische Literatur und Sanskrit unterrichtet werden sollen! Wir bieten eine umfassende klassische hungarologische Ausbildung: Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft, Landeskunde. Von der Breite des Lehrangebotes her gesehen - von der ungarischen Literatur und Kultur einerseits und Fennistik andererseits bis hin zur Struktur und Entwicklung der sogenannten kleinen finnisch-ugrischen Sprachen - ist das Institut im ganzen deutschsprachigen Raum einmalig. Redaktion: Wie hat sich das Institut in den vergangenen Jahren entwickelt? Seidler: Seit der Einführung der neuen Studienpläne hat sich das Profil unseres Institutes maßgeblich gewandelt: Als Antwort auf das ständig wachsende Interesse für die Sprachen und Kulturen des Nordens entstand Fennistik als eine selbständige Studienrichtung. Seit dem Herbst 2003 ist es möglich, die Bakkalaureat-Studien Hungarologie und Fennistik zu belegen. Aufbauend darauf ist der Erwerb eines Masters-Abschlusses aus dem Bereich der Finno-Ugristik oder der Ungarischen Literaturwissenschaft möglich. Redaktion: Welche Schwerpunkte gibt es im Bereich Forschung und Lehre? Seidler: Prof. Pál Deréky befasst sich mit den ungarischen Avantgardisten, die zur Zeit des Ersten Weltkriegs in Wien lebten und schrieben. Das ist ein Forschungsbereich, den man von Wien aus optimal betreiben kann, weil hier das relevante Archivmaterial zu finden ist und weil unsere Studierenden die für die Forschung notwendige Mehrsprachigkeit mitbringen. Der zweite literaturwissenschaftliche Schwerpunkt befasst sich mit dem Thema der Mehrsprachigkeit im Donauraum. Anhand der deutschsprachigen Literatur im Königreich Ungarn ab dem 18. Jahrhundert erforschen wir Aspekte der Multiethnizität und Mutlikulturalität. Das Projekt ?Einfluss der deutschen Sprache und Kultur im historischen Ungarn? findet in Kooperation mit den Instituten für Germanistik in Wien, Bratislava und Szeged statt. Ein Thema, auf dessen Gebiet das Institut tatsächlich wichtige Pionierarbeit geleistet hat, ist die Frauen- und Genderforschung mit finno-ugrischem Bezug. Zu diesem Thema wurde an unserem Institut 2002 die erste internationale Tagung ?Gender in Finno-Ugristics? veranstaltet. Mit der Genderfrage hatte man sich in diesem Bereich nie beschäftigt, weder sprachlich, noch soziologisch, noch historisch. Ao. Univ.-Prof. Dr. Timothy Riese erforscht das Marische, eine Sprache, die in der zu Russland gehörenden Republik Mari-El gesprochen wird. Ein neuer Forschungsbereich des Institutes beschäftigt sich mit der ungarischen Minderheit im Burgenland und deren Sprachgebrauch. Redaktion: Welche Ziele gibt es für die Zukunft? Seidler: Der neue Studienplan bietet die Möglichkeit, Estonistik als eine Studienrichtung neben dem Finnischen und dem Ungarischen zu entwickeln. Leider fehlen uns zur Realisierung die Mittel. Derzeit ist Prof. Imbi Sooman (Skandinavisstik) Estnisch-Lektorin an unserem Institut und stellt auch ein Bindeglied zwischen den neu etablierten Baltikum-Studien und unserem Institut dar. Ein wichtiges Ziel ist die Einführung eines European Masters Diploms aus dem Fachbereich ?Advanced Hungarian Studies? gemeinsam mit Universitäten in Deutschland, Ungarn, Rumänien und der Slowakei. Redaktion: Aktuelle Phänomene wie die EU-Erweiterung oder die Einführung des Bakkalaureats prägen das Institut. Wie sehen Sie die Chancen für AbsolventInnen? Seidler: Das Bakkalaureat-Studium Finno-Ugristik wird hauptsächlich in Kombination mit einem anderen Studium absolviert. Es ist attraktiv für Studierende, die sich auf diesen Raum konzentrieren und eine weitere Spezialisierung wollen. Ich sehe sehr gute Chancen, da auch in anderen Bereichen, wie z.B. der Wirtschaft, eine solche regionsspezifische Zusatzqualifikation immer wichtiger wird. Auch unsere LehramtsabsolventInnen haben gute Perspektiven: Es gibt beim Ungarischunterricht einen großen Boom, und zwar nicht nur an Mittelschulen, sondern auch an Sprach- und Volkshochschulen. Redaktion: Welche Kooperationen mit in- und ausländischen Instituten gibt es? Seidler: Wir kooperieren mit Instituten in Deutschland, Frankreich, Finnland, Estland und natürlich Ungarn. Darüber hinaus haben wir sehr gute Kontakte zu Universitäten in Siebenbürgen und der Vojvodina. Sowohl die Lehrenden- als auch die Studierendenmobilität funktionieren sehr gut. Die Gastprofessur für Hungarologie ist ständig besetzt, seit vergangenem Wintersemester haben wir eine Stiftungsprofessur für Fennistik. Wir haben auch zahlreiche Kooperationen in Wien, etwa mit dem Institut für Übersetzen und Dolmetschen; wir hatten immer engen Kontakt mit dem Institut für osteuropäische Geschichte. Zudem kommen viele Studierenden der Komparatistik in unsere deutschsprachigen Veranstaltungen, mit dem Institut für Germanistik haben wir ein gemeinsames Projekt. Es gibt also auf verschiedenster Ebene Kooperationen mit Instituten, diese werden laufend intensiviert und ausgebaut. (eb)

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