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Die Jungfräulichkeit wurde im Christentum zum Ideal erhoben. Das Fabelwesen Einhorn, Symbol für Jungfräulichkeit, könne nur, so alte Mythen, mit Hilfe einer Jungfrau gefangen werden. (Abb. aus K. Utrio, Evas Töchter. München 1991.)


Institut für Philosophie
Wahre Liebe rostet nicht
Liebe
Anna Kim (Redaktion) am 18. Mai 2005

Jungfräulichkeit ist nicht erst seit Britney Spears eine Option, für die sich zunehmend mehr Jugendliche entscheiden. Jungfräulichkeit, fordern Jugendbewegungen wie "Wahre Liebe wartet", müsse für die große Liebe erhalten bleiben. Pech also, wenn man zufällig gerade eine kleinere Liebschaft ist. Doch werden der Liebe nicht alle Chancen genommen, wenn man sich vollkommen enthaltsam verhält? Denn Liebe, so der Philosoph Josef Rhemann, hat immer eine geistige und körperliche Komponente.

Die platonische Liebe hat wieder Saison. Aus welchen Gründen auch immer man die entsexualisierte Liebe vorzieht, frustrierend ist sie alle Mal. Denn "man begehrt immer das, was man nicht hat oder ist", so Univ.-Prof. Dr. Richard Heinrich vom Institut für Philosophie. Außerdem scheint Liebe ohne Sex kaum möglich, wie sein Kollege, Univ.-Prof. Dr. Josef Rhemann meint. Für ihn ist Sexualität für das Lieben unverzichtbar. Zugleich führt Rhemann das Warten auf die große Liebe ad absurdum, indem er die Größe dieser Liebe relativiert: Erstens sei sie nicht einmalig, sondern kehre mehrmals im Leben wieder. Zweitens könne man die wahre Liebe eigentlich nie wirklich finden, denn diese habe man bereits in seiner frühen Kindheit verloren. Das, was wir heute suchen und finden, seien nur Versatzstücke dieser verlorenen, längst vergangenen Liebe. Die frühe Kindheit "Leben bedeutet Eigenaktivität, einen Innen-Außen-Unterschied und die Möglichkeit zur Informationsverarbeitung und Lernfähigkeit. Lernen können wir aber nur in Auseinandersetzung mit anderen", erklärt Josef Rhemann. Ein frühkindliches Individuum kann sich nicht von seiner Umgebung unterscheiden ? das zu erlernen, ist der erste Schritt und für die Liebe ein entscheidender: "Ohne zwischen sich und einem anderen einen Unterschied erkennen zu können, kann man den Menschen, den man begehrt, nicht mit Bedeutungen und Phantasie besetzen. Dann funktioniert kein Lieben auf der menschlichen Ebene", so Rhemann. Erotische Phantasien und Sex-Spielzeug Wichtig ist auch zu lernen, die Folgen des eigenen Tuns vorwegnehmen zu können. Auch dies ist für die menschliche Liebe notwendig, nämlich, so Rhemann, "erotische Phantasien zu bilden, d.h. das Ergebnis des Sexualaktes antizipieren zu können." Diese vorlaufende erotische Phantasie und die damit verknüpfte Gedankenlogik sind eine Grundbedingung für das Funktionieren der Liebe. "Wenn es Probleme gibt, liegt es daran, dass man sich nicht vom anderen unterscheiden kann und nicht in der Lage ist, eigenständig erotische Phantasien zu entwickeln", erklärt Prof. Rhemann. Falls dieser Zustand eintrifft, greift man zu Sex-Spielzeug: Das soll dabei helfen, erotische Phantasien zu bilden, wozu man selbst nicht fähig ist. Die große Liebe ? ? für viele ein unerreichter Traum, und das mit Recht, denn sie legt es darauf an, unerreicht zu bleiben: Die Sehnsucht nach der großen Liebe hat ihren Ursprung in der Zeit, als man als frühkindliches Individuum noch nicht fähig war, sich von seiner Bezugsperson zu unterscheiden. Laut Jacques Lacan strebt man sein ganzes Leben lang danach, die Verbindung mit der Person, die einen zu diesem Zeitpunkt umsorgt und gepflegt hat, wiederherzustellen: "Diese ursprüngliche Einheit zu erreichen, die wir verloren haben ? das ist das Gefühl der großen Liebe", erläutert Josef Rhemann. "Wenn wir eine andere Person lieben, lieben wir in Wirklichkeit nur ein Versatzstück einer verloren gegangenen, ursprünglichen Symbiose, ohne dass wir uns dessen bewusst sind." Aus diesem Grund gebe es seiner Meinung nach mehrere große Lieben im Leben, da man die eine große Liebe nie wieder vollkommen herstellen kann. Liebe in der Körperzone Laut Rhemann ermöglicht erst die untrennbare Verbindung zwischen Sexualität und Intimität Liebe. "Intimität bedeutet, sein Leben eine gewisse Zeit lang freiwillig in der Körperzone des anderen führen zu wollen", so der Philosoph. Natürlich setzt das voraus, dass man dazu bereit ist, den anderen in die eigene Körperzone eindringen zu lassen. "Unser Körper hat eine Innen- und Außenseite", meint Rhemann, "und dazwischen gibt es eine Grenze. Diese Grenze wird schon durch eine kleine Berührung überschritten; wenn das, was von Außen kommt, innerlich empfindbar wird." In den meisten Fällen reagieren wir mit Abwehr auf Berührungen, beispielsweise während der Stoßzeit in der U-Bahn. Manchmal reagieren wir jedoch positiv ? und dazu genügt oft nur ein Blick. Gefühle und Gesellschaft "Schon allein die Wahrnehmung des Körpers des anderen ist nicht bloß ein körperlicher Vorgang, sondern kognitiv und emotional vorstrukturiert", so Rhemann. Denn die Wahrnehmung des eigenen und des anderen Körpers ist das Resultat der Einschreibung von gesellschaftlichen Normen in unser Bewusstsein und somit in unsere Körper. Und diese Muster lassen sich auf die frühe Kindheit zurückführen: "Die frühe Kindheitsgeschichte ist jener historische Ort, an dem die erotischen Wahrnehmungsmuster in die Körper eingeschrieben werden", erklärt der Wissenschafter. Wenn man also den Körper eines anderen als erotisch empfindet, folgt man diesen Mustern. Und das bestimmt die Grundstruktur des Liebens. (ak)

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