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Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Warum feiern wir Geschichte? Und wie?
1945-55
Michaela Hafner (Redaktion) am  7. Februar 2005

Im "Jubiläenjahr" 2005 stellt sich besonders die Frage, warum und wie wir Geschichte feiern. Zahlreiche Jubiläen stehen heuer an, von zeithistorischen Ereignissen ? 60 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges, 50 Jahre Staatsvertrag, zehn Jahre EU-Mitgliedschaft ? bis zum 100. Jahrestag der Verleihung des Friedensnobelpreises; von Einsteins "annus mirabilis" bis zu Todes- oder Geburtstagen mancher Dichter. Was es mit dem "Zwang der runden Zahl" auf sich hat, beantworten die beiden Sozialhistoriker Michael Mitterauer und Hannes Stekl.

Gemein ist allen festlichen Aktivitäten ? sei es im privaten, sei es im offiziellen Rahmen ? eine Überschreitung des Alltags, egal ob es sich beim Fest um Flucht aus der Wirklichkeit und um eine Möglichkeit des Exzesses handelt, ob es Anlass zu Ruhe und Selbstbesinnung ist, ob es der Umkehr der sozialen Ordnung dient oder ob das Fest als Herrschaftsinstrument politisch und ökonomisch mächtige Gruppen unterstützt, nimmt Hannes Stekl Bezug auf die Festtheorie. "Letztlich sind historisches Erinnern sowie öffentliche Feiern und Gedenktage eng verbunden mit Interessen der Gegenwart sowie mit Legitimationsprozessen", meint der emeritierte Professor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Geschichte denken, Geschichte feiern In die gleiche Kerbe schlägt auch der Familienhistoriker Michael Mitterauer, der sich seit beinahe 30 Jahren mit der Frage des Zusammenhangs von Jubiläen und Geschichtsbewusstsein auseinandersetzt: "Jubiläen und Gedenktage haben nicht nur mit der Vergangenheit zu tun, sondern ? wie jede Beschäftigung mit Geschichte ? immer auch mit der jeweiligen Gegenwart. Bei Jubiläen handelt es sich allerdings um einen ganz spezifischen Umgang mit Geschichte aus Interessen der Gegenwart heraus. Jubiläen werden gefeiert. Und das Feiern von Geschichte ist mit anderen Formen der Beschäftigung mit Vergangenheit, etwa dem Denken, nur schwer zu vereinen", meint er und nennt ein Beispiel: Ehe im Jahr 1996 "1000 Jahre Ostaricchi" begangen wurde, hatte man 1946 950 Jahre der ersten urkundlichen Erwähnung Österreichs gefeiert. Mitterauer verweist hier auf den politischen Hintergrund dieses Jubiläums: "Die wiedererstandene Republik suchte nach einem historischen Anlass, ihre Identität durch eine Gedenkfeier zu stärken." 1996 aber wusste man sehr wohl um die Problematik des Anlassfalls bescheid: Österreich ist älter als sein Name, das Datum der überlieferten Erstnennung zufällig. Um diesen Widerspruch zwischen Geschichte-Denken und Geschichte-Feiern gehe es ihm, sagt Mitterauer. Er habe gar nichts gegen das Feiern, "aber brauchen wir dazu die Geschichte? Und wenn schon Geschichte-Feiern, dann gilt es mitzubedenken, welche Auswirkungen 'Jubelgeschichte' jeweils für politisches und gesellschaftliches Bewusstsein hat." In diesem Zusammenhang verweist er auf die Verantwortung der HistorikerInnen, denen primär die Aufgabe des Geschichte-Denkens zukommt. Und dennoch lassen sie sich auch für das Geschichte-Feiern in Dienst nehmen ? betrachtet man die gemeinsamen Wurzeln dieser beiden Formen des Umgangs mit Vergangenheit, sei das gar nicht so verwunderlich, meint der Historiker. "Zwang der runden Zahl" 50 Jahre, 100 Jahre, 1000 Jahre ? woher kommt der "Zwang der runden Zahl"? "Der angebliche Zwang an der 'runden Zahl' ist in Wirklichkeit ein Interesse der Gegenwart, insbesondere das Interesse derer, die die Macht haben zu bestimmen, was wie zu welchem Zweck wann gefeiert werden soll." Denn Jubiläen und Gedenktage würden nur begangen, wenn sie in ein bestimmtes politisches Konzept passen. Und notfalls muss die Zahl auch nicht ganz so "rund" sein, meint em. Prof. Mitterauer mit Verweis auf die 950-Jahre-Österreich-Feierlichkeiten. Sich bei Jubiläen allerdings auf den "Zwang der runden Zahl" zu berufen bedeute jedoch eine Enthistorisierung des Phänomens und stelle unhinterfragte Prämissen auf: dass bestimmter historischer Ereignisse gedacht werden muss, dass dieses Gedenken in bestimmten zeitlichen Abständen erfolgen müssen, dass dieses Gedenken in der Form einer Feier erfolgen muss. "Damit erscheint das Jubiläum als eine anthropologische Konstante", warnt Mitterauer und fordert, die "Gedenktage-Geschichte" zum Gegenstand der 'kritischen Geschichtswissenschaft' zu machen. Geschichte des Geschichte-Feierns Die Wurzel des "Zwangs der runden Zahl" wird aus der Geschichte des Geschichte-Feierns klar. Die Entwicklungslinien führen stets in religiöse Zusammenhänge zurück. Im Feiern von Geschichte übernahmen Jubiläen viele Traditionen christlicher Vergegenwärtigungsliturgie. Im Christentum kommt der Erinnerung an das Heilsgeschehen der Vergangenheit ein zentraler Stellenwert zu. Zugrunde liegen ihm auch heilige Zahlen, die im Alten Testament begründet sind, und heilige Zeiten, die als nach dem Ablauf einer heiligen Zahl von Jahren wiederkehrend gedacht sind ? das Sabbatjahr und seine Potenzierung als Jobel-Jahr (Zeitraum von 50 Jahren). Solche Zahlenmystik war noch im Mittelalter sehr wichtig.       Wesentliche Wurzeln für das Entstehen von Jubiläen in unserem heutigen Verständnis liegen weiters in der protestantischen Gedenkkultur, erklärt Mitterauer weiter. "Dem frühen Jubiläum geht das Anniversarium, der jährlich gefeierte Geburtstag, voraus. Vom jährlich gefeierten Reformationsfest über das Reformationsjubiläum, das alle 100 bzw. 50 Jahre gefeiert wurde, führt eine direkte Entwicklungslinie zu den nationalstaatlichen Jubiläen der Moderne. Mit der Durchsetzung des Dezimalsystems in der Frühen Neuzeit setzte sich zudem ein neues Denken in Jahrhunderten durch." Identifikatorische vs. kritisch-analytische Geschichte Nicht nur den zeitlichen Rahmen oder manche Bestandteile des Festaktes ? Messe, Ansprache, Festschrift ? hat das Feiern von Geschichte aus der religiösen Wurzel übernommen, sondern auch seine wichtigste Funktion: die Integration gesellschaftlicher Gruppen durch Identitätsbildung aus der Geschichte. "Nationale Geschichte trat oft als Ersatzreligion auf. Sie wurde zum Symbol der angestrebten bzw. der realisierten nationalen Einheit", so Michael Mitterauer. Im Zuge der Nationalstaatsbildung seit Ende des 18. Jahrhunderts kam der feierlichen Erinnerung an einschneidende Ereignisse bzw. heroisierte Persönlichkeiten also besonderes Gewicht zu. "Anniversarien und Jubiläen thematisieren bzw. verinnerlichen Gemeinsamkeiten oder Schlüsselereignisse der Vergangenheit, welche das kollektive Selbstwertgefühl positiv bestimmen und Gemeinsames für die jeweilige Gegenwart bewusst machen sollen. Dadurch sind sie in bestimmter Weise für die Stabilität von sozialen Gruppen bzw. politischen Systemen von großer Bedeutung", erklärt Hannes Stekl die Hauptfunktion von Geschichte-Feiern. Wo Geschichte allerdings Identifikationssymbol wird, ist für eine analytische Geschichtswissenschaft kein Platz. Denn mit der Integrationsfunktion von Geschichte-Feiern korrespondiert die Abgrenzung nach außen, im schlimmsten Fall durch den Aufbau von Feindbildern. Mit dem identifikatorischen Geschichtsbild, das beim Feiern von Jubiläen besonders zum Tragen kommt und einem analytisch-kritischen Zugang entgegensteht, ist durch die Aufwertung der eigenen Gruppe implizit auch eine Abwertung der/des Fremden/Anderen gegeben. Als Beispiel für die gegenwartsbezogene Konstruktion von Feindbildern nennt Mitterauer die wiederkehrenden Jubeljahre anlässlich der Befreiung Wiens von den Türken 1683: neben dem gefeierten Sieg über den "Erbfeind der Christenheit" wurde im Rahmen der Feierlichkeiten 1783 zum Kampf gegen die Aufklärer aufgerufen, 1883 gegen die Liberalen, 1933 gegen die Bolschewiken, die "neue Gefahr aus dem Osten". Also, cui bono? "Auch wenn Jubiläen nicht schaden, so nützen sie wenig. Viel an fachlichen Ressourcen ist gebunden, weil man sich immer wieder dem 'Zwang der runden Zahl' verpflichtet fühlt", gibt Mitterauer zu bedenken und meint damit, dass es in Zeiten der knappen Mittel für Wissenschaft und Forschung erlaubt sein muss zu fragen, welchen gesellschaftlich wesentlichen Ertrag die Jubiläumsgeschichte erbringt. (mh)   Michael Mitterauer, geb. 1937 in Wien, war von 1973 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2003 Professor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. die historische Familienforschung, Alltagsgeschichte, die Geschichte der Jugend, Geschichte der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, mittelalterliche Markt- und Stadtgeschichte sowie Geschichte der Land- und Reichsstände. 1983 startete er, ausgehend von schriftlichen Lebenserinnerungen, die in der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" gesammelt werden, die erfolgreiche Buchreihe "Damit es nicht verloren geht ...". Hannes Stekl, geb. 1944, war von 1986 bis zu seiner Pensionierung 2003 Professor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. Er forscht u.a. zu Adel und Bürgertum in der Habsburgermonarchie, zu Identitäten und kollektivem Gedächtnis und zur Geschichte von sozialen Randgruppen bzw. der Sozialfürsorge. Am 25. Oktober d.J. wird die dreibändige Reihe "Memoria Austriae" im Marmorsaal des Belvederes präsentiert: Emil Brix/Ernst Brückmüller/Hannes Stekl (Hg.): Memoria Austriae. Band 1: Menschen ? Mythen ? Zeiten. Band 2: Orte ? Bauten ? Regionen. Band 3: Unternehmer ? Firmen ? Produkte. Verlag für Geschichte und Politik 2004/05. Literaturtipp: Michael Mitterauer: Anniversarium und Jubiläum. Zur Entstehung und Entwicklung öffentlicher Gedenktage, sowie Hannes Stekl: Öffentliche Gedenktage und gesellschaftliche Identitäten, in: Emil Brix/Hannes Stekl (Hg.): Der Kampf um das Gedächtnis. Wien: Böhlau 1997.

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