"Es existiert eindeutig ein Missverhältnis zwischen der weltweit populärsten Sportart, dem Fußball, und seiner Repräsentation im populärsten Medium, dem Spielfilm", erklärt Mag. Dr. Claus Tieber, Lektor am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft: "Dieses Ungleichgewicht wirft die Frage nach dem Warum auf."
Der Filmwissenschafter sieht einen Grund in der Erzählstruktur des kommerziellen Spielfilms, die fast immer nur einen einzigen Protagonisten in den Mittelpunkt stellt. "Der Boxer als Einzelkämpfer, der sich seinem Gegner im Ring stellt, passt daher perfekt ins populäre Spielfilmmuster. Eine gesamte Fußballmannschaft kann aber nicht als Hauptfigur funktionieren, und nur einen Spieler herauszugreifen, geht nicht auf, weil das Spiel dadurch in den Hintergrund rückt", so Tieber. Diese von ihm aufgestellte These lässt sich auch auf die Verfilmung anderer Mannschaftssportarten übertragen.
Der Filmwissenschafter betont, dass er kein Experte auf dem Gebiet des Fußballfilms sei, wissenschaftlich und filmtheoretisch arbeitet er zu Western-, Gangster- sowie zu Hindifilmen. Derzeit schreibt Tieber an seiner Habilitation zum Thema "Theorie des Drehbuchs - Praxis der Autoren". In das Gebiet "Fußballfilm" sei er durch seinen Vortrag anlässlich der EURO 2008 im Rahmen der "University Meets Public"-Reihe "so reingerutscht", es habe sich aber filmtheoretisch für ihn als durchaus spannendes Feld erwiesen.
Ethnizität und Gender
Einer der erfolgreichsten "Fußballfilme" der letzten Jahre ist die britische Produktion "Bend it like Beckham" (UK 2002). Darin setzt ein britisches Mädchen mit indischem Migrationshintergrund alles daran, im örtlichen Mädchenfußballteam mitzuspielen - gegen den Willen ihrer konservativen und traditionellen Familie. "Das ist allerdings kein richtiger Fußballfilm. Es geht hier vielmehr um Gender und Ethnizität als um den Sport an sich", so Tieber: "Die Mannschaft kommt so gut wie gar nicht vor, außer in den Fußballszenen, und auch dann sind meistens nur die beiden Protagonistinnen im Blickwinkel der Kamera. Der Fußball dient hier quasi als Rahmenhandlung."
Der 12. Mann
"Fever Pitch" (1997), eine britische Verfilmung des gleichnamigen Nick-Hornby-Romans, zeigt die Faszination Fußball aus der Sicht des "zwölften Mannes", des Fans. In dem Film, für den Hornby auch das Drehbuch verfasste, wird ein Fußballfan porträtiert, dessen Verehrung für seinen Verein "FC Arsenal" quasi-religiöse Ausmaße annimmt. "Hier wurde ein wirklich guter Roman zerstört. In dieser Produktion steckt zu wenig Geld und zu wenig Aufwand", so die Meinung von Claus Tieber, für den es nur einen einzigen gelungenen Fußballfilm gibt: "Damit ist die Sache für mich erledigt" (F 1979) von Jean-Jacques Annaud.
Annaud zeigt in dieser französischen Sportsatire die Schattenseiten des Profifußballs und prangert gleichzeitig Vereinsmeierei, Kleinstadtmief und das spießige Bürgertum an. "Dieser Film ist künstlerisch erfolgreich, allerdings nicht kommerziell. Meiner Meinung nach funktioniert er so gut, weil der damalige Zeitgeist auch gut mitschwingt", so Tieber.
Fußball und Serien
Im Gegensatz zum kommerziellen Spielfilm kann Fußball in einer Serie gut funktionieren, meint Tieber. Als Beispiel führt er die populäre britische Serie "Footballer's Wives" (2002 bis 2006) an, die den fiktionalen Fußballklub "Earls Park F.C.", seine Spieler und deren Frauen porträtierte. "Eine Serie baut nicht nur auf einen einzigen Protagonisten auf, sondern spielt mit einem Ensemble an Charakteren", so Tieber erklärend: "Schade ist nur, dass in 'Footballer's Wives' eher die unterschiedlichen Beziehungen der Charaktere im Vordergrund stehen, das Fußballspiel selbst kommt auch sehr wenig vor. Aber es würde funktionieren."
Fantum und Dokumentationen
Zahlreicher als fiktionale Spielfilme sind mittlerweile Dokumentationen zu Fußball in all seinen Facetten, wie die jüngsten Produktionen "Deutschland - Ein Sommermärchen" (D 2006, Regie: Sönke Wortmann) oder "Zidane, un portrait du 21e siècle" (F 2006, Regie: Douglas Gordon, Philippe Parreno). Beide Dokus sind hautnahe Porträts der Spieler selbst, aber in sehr unterschiedlichen Stilen: Wortmann begleitet die deutsche Mannschaft während der WM 2006 und zeigt dabei auch den "Alltag" hinter den Kulissen mit einem dokumentarrealistischen Zugang, während sich die Kamera von Gordon und Parreno ausschließlich auf den Ausnahmefußballer Zinedine Zidane konzentriert und Fußball dabei als Kunstform porträtiert.
Viel gerühmt von cineastischem Festivalpublikum wurde auch der Spielfilm "Offside" (Iran, 2006). Er porträtiert die absolute Hingabe von weiblichen Fans im Iran: Iranischen Frauen ist der Stadionbesuch gesetzlich verboten; der Film zeigt sie bei ihren tragisch-komischen Versuchen, dennoch ins Stadium zu gelangen.
Werden die USA Fußball entdecken?
Auffällig an all den genannten Fußballfilmen ist, dass kein einziger davon in den USA produziert wurde - und das, obwohl der Sportfilm ein eigenes Genre in den USA darstellt. Doch da Fußball in der Popularitätsskala weit hinter American Football, Baseball, Eishockey und Basketball rangiert, ist dieser Sport für Hollywood - noch - uninteressant. Es gibt sogar eine US-Verfilmung von "Fever Pitch", hier wurde jedoch Fußball gegen Baseball getauscht. Claus Tieber abschließend: "Falls Fußball in den USA einmal populär werden sollte, schafft es Hollywood vielleicht auch, gute Fußballfilme zu produzieren." (td) |