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Weiterfahrt ungefährlich
Orte der Universität Wien
Dieter N. Unrath (Redaktion) am 30. Juli 2003

Der Paternoster im Neuen Institutsgebäude (NIG) ist eine technische Rarität. DieUniversitaet.at stellt diesmal diesen besonderen "Ort" vor und wollte wissen, wie das mit der (ungewollten) Weiterfahrt so ist.

Der Paternoster wurde mit Neuen Institut Gebäude (NIG) in den 1960er Jahren erbaut. Der Grund war ein ganz simpler: "Da die Mensa im siebten Stock errichtet wurde und sehr viele Studierende diese besuchen,war ein Paternoster nötig, denn er kann mehr Personen befördern als ein normaler Aufzug", so Kurt Wuchte von der Abteilung Gebäude und Technik der Universität Wien.

 
   

 

Eine Seltenheit

Der Paternoster oder "Personen-Umlaufaufzug", wie er eigentlich amtlich korrekt genannt wird, war das demonstrativ moderne und effiziente Fördermittel für den schnellen Personenverkehr. Die Kabinen sind mit einer Umlaufkette verbunden, die Anlage wird mit Strom betrieben. Monatlich wird der Paternoster gewartet, etwaige Reparaturkosten sind nicht allzu groß. Mit der Haussperre werden er sowie alle anderen Lifte im NIG ausgeschaltet.

 

In Wien gibt es noch einige dieser Beförderungsmittel, die meisten sind jedoch schon aufgelassen: "Auch dieser sollte außer Betrieb gesetzt werden, aber die Bundesimmobiliengesellschaft und auch wir wollen ihn noch erhalten, weil er doch eine Seltenheit ist", erklärt Wuchte. Es gibt auch keinen Grund für das Einstellen, immerhin gab es seit seinem Bestehen keine nennenswerte Zwischenfälle.

 

 

Kehrlipf oder Lipfzelle

Die Erfindung des Paternosters fiel in denselben Zeitraum wie das Aufkommen der Fahrtreppen. Erfunden wurde der Paternoster in England und war eigentlich nicht für den Personenverkehr, sondern für den Warentransport gedacht. 1880 wurden erstmals Personen transportiert und ist damit das Geburtsjahr des Paternosters. Die erste Anlage hieß "Hart's Cyclic Elevator" und wurde in den Mansion House Chambers in der Grafschaft Kent von den Ingenieuren J. und E. Hall aus Dartford eingebaut.

Um die Jahrhundertwende wurden auch in Deutschland zahlreiche Paternoster-Anlagen errichtet.Sie waren nicht nur leistungsfähiger als die Einzellenaufzüge, sondern auch sicherer und billiger in Anlage und Betrieb. Doch in Deutschland sollte das neuartige Fahrgerät nicht Paternoster heißen, sondern "Kehrlipf" oder "Lipfzelle" (lipfen heißt soviel wie heben). Der Paternoster verdankt seinem Namen dem Prinzip der Endloskette, der sich auch beim Rosenkranz findet. Das Vaterunser wird an Kugeln abgezählt, die größte darunter gilt der Exklamation, daher der Name Paternoster.

 
 

 

Paternoster-Fahren als Tortur

Auch in der Literatur wird der Paternoster erwähnt. So schildert Heinrich Böll in der Erzählung "Doktor Murkes gesammeltes Schweigen" (1953) das Paternoster-Fahren als Tortur und anstrengende Turnübung. Die Hauptfigur Dr. Murke "sprang in den Paternosteraufzug, stieg aber nicht im zweiten Stockwerk, wo sein Büro lag, aus, sondern ließ sich höher tragen, am dritten, am vierten, am fünften Stockwerk vorbei, und jedes Mal befiel ihn Angst, wenn die Plattform der Aufzugskabine sich über den Flur des fünften Stockwerkes hinweg erhob, die Kabine sich knirschend in den Leerraum schob, wo geölte Ketten, mit Fett beschmierte Stangen ächzendes Eisenwerk die Kabine aus der Aufwärts- in die Abwärtsrichtung schoben, und Murke starrte voller Angst auf diese einzige unverputzte Stelle des Funkhauses, atmete auf, wenn die Kabine sich zurechtgerückt, die Schleuse passiert und sich wieder eingereiht hatte und langsam nach unten sank." Auch im Paternoster des NIG braucht man bei der ungewollten Weiterfahrt sowohl ganz unten als auch ganz oben keine Angst zu haben, denn diese ist garantiert ungefährlich. (du)

Abteilung für Gebäude und Technik der Universität Wien

Buchtipps: Vittorio Magnago Lampugnani (Hrsg.): Vertikal: Aufzug, Fahrtreppe, Paternoster. Eine Kulturgeschichte vom Vertikal-Transport. Berlin 1994 Heinrich Böll: Dr. Murkes gesammeltes Schweigen, in: Werke, Romane und Erzählungen, hrsg. von B. Balzer, Köln o.J., Band 3

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