![]() Helmut Leder ist seit November 2004 Professor für Allgemeine Psychologie an der Fakultät für Psychologie. Fotos: Psychologie ![]() Bei seiner Antrittsvor- lesung sprach er über psychologische Ansätze zur Ästhetik. ![]() ![]() Großes Interesse beim Publikum, darunter die Dekanin der Fakultät für Psychologie, Christiane Spiel. Lebenslauf und Forschungstätigkeit von Helmut Leder |
Wem Schönheit nützt. Psychologische Ansätze zur Ästhetik |
| Antrittsvorlesungen |
| Gastbeitrag von Helmut Leder am 22. März 2005 |
Die Wissenschaft der Ästhetik untersucht die Bedingungen, unter denen das Schöne empfunden wird. Wie sieht es mit psychologischen Ansätzen zur Ästhetik aus? Lesen Sie hier die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dr. Helmut Leder vom 18. März 2005. |
Wie kann man eine Antrittsvorlesung in der Psychologie in Wien halten, ohne darüber nachzudenken, die Erwartung einiger Zuhörer aufzunehmen, etwas zur Frage auch von Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, zu hören. Freud hat sich in seinen Schriften nur an wenigen Stellen zum Nutzen der Ästhetik geäußert. Durchaus skeptisch schreibt er (1930) in seiner Schrift "Das Unbehagen in der Kultur": "Ein Nutzen der Schönheit liegt nicht klar zutage, ihre kulturelle Notwendigkeit ist nicht einzusehen, und doch könnte man sie in der Kultur nicht vermissen." Die Wissenschaft der Ästhetik untersucht die Bedingungen, unter denen das Schöne empfunden wird; über Natur und Herkunft der Schönheit hat sie keine Aufklärung geben können; wie gebräuchlich, wird die Ergebnislosigkeit durch einen Aufwand an volltönenden, inhaltsarmen Worten verhüllt. Leider weiß auch die Psychoanalyse über die Schönheit am wenigsten zu sagen. Zur Frage "Wem Schönheit nützt" muss man die seit Freud erzielten Fortschritte der modernen Psychologie darstellen, in der Hoffnung, dass am Ende das Urteil dem Gegenstande gegenüber deutlich milder ausfalle. Für Naturwissenschaftler ist die Frage dieses Vortrags sicherlich legitim, zielt sie doch darauf ab, die Frage nach der Erklärung für eine Fertigkeit ? die Wahrnehmung des Schönen ? direkt daran zu koppeln, was es denn dem Organismus nützt, diese Fähigkeit auszubilden. Aus einer eher philosophischen Sicht mag man schon aus dem Titel eine kleine Provokation heraushören, wurde doch traditionell gerade die Ästhetik von einigen Philosophen als vom Nutzen eigentlich befreiter Verarbeitungs- und Erfahrungsmodus definiert. Die Psychologie widmet sich zunehmend der Frage nach dem Ästhetischen im menschlichen Erleben. Ich will Ihnen eine psychologische Sicht auf das Schöne und Ästhetische darlegen, und wie die psychologische Forschung die Lücke füllt, die sich zwischen der Philosophie und Biologie ausmachen lässt, und ich hoffe, dass die Antwort auf den Nutzen des Schönen auch etwas Unerwartetes hat. Dabei hoffe ich natürlich auch, verdeutlichen zu können, dass es gerade die Psychologie ist, die zum Thema Ästhetik mit seinen vielseitigen Facetten nicht am wenigsten zu sagen hat. Eine Quelle für das Auseinanderstreben der Ansichten darüber, ob das Kriterium der Nützlichkeit ein angemessenes oder zumindest auch nur denkbares Kriterium für die Betrachtung der Schönheit sein könnte, liegt, wie so oft, in den unterschiedlichen Perspektiven, die man einnimmt, und den Traditionen, aus denen heraus man einen Gegenstand betrachtet und erforscht. Schönheit aus Sicht der Philosophie Der Name "Ästhetik" geht zurück auf den Philosophen Baumgarten (1750). Dieser versteht darunter die allgemeine Wahrnehmungswissenschaft im Kontrast zur Wissenschaft des "oberen" Erkenntnisvermögens ? wir Psychologen würden sagen des Denkens oder der höheren Kognitionen. Wenn es einen Zweck der Ästhetik nach Baumgarten gibt, dann ist dies die "Vollkommenheit der sinnlichen Erkenntnis als solcher, in welcher die Schönheit besteht". Im Grunde hatte Baumgarten die Vorstellung, Ästhetik sei so etwas wie die sinneserkenntlich vermittelte Wahrheit eines Gegenstandes, das Schöne also gut und wahr. Kants Überlegungen lassen diese Ansicht schon ein Stück weit hinter sich. Klar hat Kant zwischen Erkenntnis und Gefühl unterschieden. Das Gefühl ist das "Subjektive" im engeren Sinne, es bezieht sich nicht auf das Objekt, sondern auf den "Zustand des Subjekts". In der modernen Psychologie kennen wir eine vergleichbare Unterscheidung zwischen Denken und Fühlen, auf die wir später noch einmal zurückkommen. Nach Kants Vorstellung ist "die Schönheit die Form der Zweckmäßigkeit eines Gegenstandes, sofern sie ohne Vorstellung eines Zweckes an ihm wahrgenommen wird, nämlich die Angemessenheit zu unserem Bewusstsein in der unmittelbaren Auffassung". Das Wohlgefallen, welches das Geschmacksurteil bestimmt, ist "ohne alles Interesse" (Peter Kietzmann, Textlog). Mit dieser Vorstellung ist die Idee eines unmittelbaren Nutzens eher unvereinbar. Wie ist es nun generell um die philosophische Sicht bestellt? Die Anthropologie, aus der die philosophische Ästhetik entstanden ist, hat sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts mit der Erfolgsgeschichte der empirischen Naturwissenschaften enorm verändert, und zu den daran beteiligten Einzeldisziplinen gehört auch die Psychologie. Menninghaus (2003) schreibt dazu: "[?] für die Desiderate der philosophischen Ästhetik ergibt sich daraus die Konsequenz, die von Geisteswissenschaftlern habituell vermieden wird: Wer die Desiderate auf dem Niveau moderner Wissenschaft diskutieren will, muss auch die Umwälzung des anthropologischen Wissens nachvollziehen [?]" (S. 9), und weiter, "Die modernen Wissenschaften bieten zahlreiche neue und faszinierende Perspektiven auf das Phänomen des Schönen und der ästhetischen Lust". Lesen Sie hier die Fortsetzung (PDF) von Prof. Helmut Leders Antrittsvorlesung zum Thema Psychologie und Ästhetik vom 18. März 2005, in der er auf die Schönheit aus Sicht der Biologie, biologische Grundlagen unserer Wahrnehmung von Schönheit, die Idealschönheit in der Kunst und vieles mehr eingeht. |




