Viktor Velek ist ein "Chronist". Zumindest im Moment: Denn was der Musikwissenschafter in einem aktuellen FWF-Projekt durch zeitaufwendige Recherchen in tschechischen und österreichischen Archiven nachzuzeichnen versucht, sind 100 vergessene Jahre Musikgeschichte: das musikalische Leben und Wirken der Wiener Tschechen von 1840 bis 1939. Weder die österreichische noch die tschechische Musiklexikografie berichten angemessen über die zahlreichen Gesangsvereine, Schrammelkapellen und Tamburica-Ensembles, die Kapellmeister, Musikkritiker und Komponisten, das volkstümliche und politische Liedgut der tschechischen MigrantInnen in Wien, die um die Jahrhundertwende fast ein Fünftel der Wiener Stadtbevölkerung darstellten.
"Wenn man von den tschechischen MigrantInnen in Wien spricht, und ganz besonders, wenn es um Vereinskultur und nationale Identität geht, muss man zwischen zwei Gruppen unterscheiden: den 'Wiener Tschechen', einer Mittelklasse aus Händlern, Kaufleuten, Beamten, reichen Handwerkern, Studierenden und ihren Familien, und den 'Wiener Böhmen', der großen, gesichtslosen Masse der ArbeitsmigrantInnen aus Böhmen, Mähren oder der Slowakei", sagt Viktor Velek. Während die erste Gruppe mit allen Mitteln versuchte, den Glanz und das hohe kulturelle Niveau des Slawentums zu zeigen - z.B. durch elegante Bälle für die "oberen Zehntausend" -, ist über das kulturelle Leben der 'Ziegelbehm' (Arbeiter in den Ziegelfabriken), Handwerker, Dienstmäderln, Köchinnen und Schneiderinnen, die mehr schlecht als recht in den Außenbezirken Wiens hausten, nur wenig überliefert.
"An Ziegelbehm bringt ma net so leicht um"
Das auffälligste Kennzeichen dieser zweiten Gruppe ist ihre rasante Assimilierung: "Die Wiener Böhmen brauchten Arbeit, und das hieß damals: Nicht auffallen und sich nicht tschechisch engagieren." Neben der harten Arbeit blieb ihnen ohnehin wenig Zeit, um sich kulturell zu betätigen, Vereine zu gründen oder sich mit der eigenen nationalen Identität zu beschäftigen. Bereits die erste Generation lernte Deutsch, die Dritte sprach schon überhaupt kein Tschechisch mehr. Heute bezeugen nur mehr die vielen slawischen Familiennamen (Swoboda, Prohaska, Czerny, Nowak, Nowotny, ...) oder kulinarische Begriffe (Powidl, Kolatsche, Palatschinken, Bramburi, ...) ihre einstige Präsenz in Wien.
"Die Wiener Tschechen hingegen, die im Zentrum des Projekts stehen, haben schon seit 1830 informelle Vereine gegründet, Unterhaltungsabende und Lesungen organisiert, Theater gespielt - und bei jeder Veranstaltung wurde gesungen", so Velek: "Deshalb geht es eigentlich immer auch um Musik, wenn wir über das Leben dieser kulturell aktiven MigrantInnengruppe sprechen."
Dunkle Zeiten
Aber auch die Wiener Tschechen schafften es nicht, die Vorurteile der WienerInnen zu zerstreuen - und ihr Bestreben, die tschechische Identität in der fremden Heimat zu pflegen, war alles andere als einfach.
"Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert des Nationalismus. Nach dem Revolutionsjahr 1848 wuchs die Angst vor den Slawen und der 'Tschechisierung' Wiens. Z.B. musste man, um das Bürgerrecht zu erhalten, zuerst auf den 'deutschen Charakter Wiens' schwören", erzählt Velek.
Die Gründung von tschechischen Schulen oder das Abhalten tschechischer Gottesdienste wurde jahrelang gebremst. Oft tauchten mit Schlagstöcken bewehrte Gruppen deutschsprachiger WienerInnen bei tschechischen Veranstaltungen oder Konzerten auf, und es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. "Alle diese Dinge haben dazu geführt, dass sich die Tschechen nie mit ihrer neuen Heimatstadt ausgesöhnt haben. In Liedern, tschechischen Zeitungen und in der Literatur wird Wien immer als die 'böse' bzw. die 'fremde Stadt' geschildert", so der Musikwissenschafter. Ausbildung, Kunst und Musik stellten daher für viele Tschechen die einzigen Waffen dar.
Wem gehört die Musik der Minderheit?
Warum dieses spannende musikgeschichtliche Kapitel erst 100 Jahre später in den Blickpunkt der Wissenschaft gerät, hat mehrere Gründe. "Dazu gehört z.B. die Sprache: Alle Quellen dieser Zeit - Kompositionen, Konzertplakate, Zeitungsannoncen, Memoiren etc. - sind in tschechischer Sprache verfasst und liegen vor allem in tschechischen Archiven", so Velek, der es besonders spannend findet, mit seinen Forschungen quasi bei Null anzufangen: "Dann gilt auch hier, wie so oft bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Minderheiten, das Problem der Zuständigkeit: Wem gehört die Minderheit? Ich finde, dass die Geschichte der Wiener Tschechen ein Erbe beider Nationen ist."
Um die Forschungslücke zu schließen, verfolgt der gebürtige Tscheche im Projekt drei Ziele: erstens die Erstellung einer chronologischen Übersicht über die Aktivitäten und AkteurInnen dieser "Musik der Minderheit", zweitens die Publikation eines Musiklexikons der Personen und Institutionen im tschechischen Wien sowie drittens die Einrichtung eines virtuellen Musikalien-Archivs, das Notenmaterial und Kompositionen, aber auch Fotografien, Korrespondenz und andere Archivalien tschechischer Vereine in Wien zugänglich macht.
Alte Antworten auf aktuelle Fragen "Das Beispiel zeigt, dass sich Politik immer auch in der Kultur, der Musik und dem Vereinsleben der Menschen niederschlägt", sagt Velek abschließend: "Die Untersuchung der Musikkultur der Wiener Tschechen ist nicht loszulösen von Themen wie Integration, Assimilation oder Zusammenleben in einer multinationalen Metropole." So gibt es zahlreiche Parallelen zwischen dem Leben der alten Wiener Minderheiten - den Tschechen, Slowaken, Kroaten und Slowenen -, und jenem der heutigen - wie Türken, Kurden oder Pakistani: "Hoffentlich widmet man sich ihrer Musikkultur nicht auch erst in 100 Jahren." (br)
Das dreijährige FWF-Projekt "Die Musikkultur der Wiener Tschechen 1840-1939" startete im März 2008. Es wird von Doz. Ao. Univ.-Prof. Dr. Theophil Antonicek vom Institut für Musikwissenschaft geleitet und von Mag. Dr. Viktor Velek durchgeführt.
|