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Wissenschaft und Nationalsozialismus
Wissenschaft und Nationalsozialismus
Michaela Hafner (Redaktion) am 26. Mai 2003

Anlässlich des Symposiums "Österreich und der Nationalsozialismus. Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" Anfang Juni 2003 bringt dieUniversitaet.at diese Woche einen Schwerpunkt zu Wissenschaft im Nationalsozialismus. Die Themen reichen von Emigration von Universitätsangehörigen bis zu Zensur an der Universitätsbibliothek.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Nationalsozialismus sind die Beteiligungen der Wissenschaft an den NS-Verbrechen in ihrem ganzen Ausmaß noch immer nicht zur Gänze erforscht, obwohl sich die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten verstärkt um Aufklärung bemühte. Wie waren ForscherInnen in NS-Verbrechen verstrickt? Was passierte mit den aus Österreich vertriebenen WissenschafterInnen, und wie fanden NS-Parteigänger nach 1945 Anschluss an ihre bisherige Karriere? Während das Symposium die katastrophalen Folgen der NS-Herrschaft in Österreich - Enteignung, Vertreibung und Holocaust - für den gesamten Forschungs- und Bildungsbereich zu vermitteln sucht und den Umgang mit der NS-Periode in der Zweiten Republik bis zur Gegenwart im internationalen Vergleich thematisiert, möchten wir mit dem dieswöchentlichen Schwerpunkt ausgewählte Projekte der Universität Wien vorstellen.

Die Geschichte der Wissenschaften und Hochschulen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft und danach, ist zu einem international dicht besetzten Gebiet der Forschung geworden. Die österreichische Forschung zu diesem Thema hat allerdings nur zögernd und erst relativ spät begonnen. DieUniversitaet.at sprach mit Univ.-Prof. Dr. Mitchell Ash, Institut für Geschichte, über die Gründe und die zukünftigen Anforderungen und Aufgaben an die Forschung über "Wissenschaften und Nationalsozialismus".

Vertreibung und Emigration

Während die "Arisierung" von Wohnungen und Häusern ein Wohnraumbeschaffungsprogramm für die Bevölkerung war, war die Vertreibung von jüdischen WissenschafterInnen ein Postenbeschaffungsprogramm für AkademikerInnen. Mit dem Ausschluss und der Vertreibung von "rassisch" und/oder politisch oder in anderer Weise verfolgten WissenschafterInnen und Studierenden der Universität Wien beschäftigte sich das Forschungsprojekt "'Arisierung', Berufsverbote und 'Säuberungen' an der Universität Wien 1938/39" unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Friedrich Stadler (Institut für Zeitgeschichte). Untersucht wurde aber auch für die Zeit von 1945 bis 1950 die Situation der Opfer nationalsozialistischer Verfolgung sowie jener, die von Verfolgung und Vertreibung profitiert haben. Vertreibung und Emigration ist auch das Thema des multimedialen Internetportals "Austrian Science in Exile - Traditions and Tranformations". Es stellt eine der umfangreichsten, öffentlich zugänglichen Sammlungen zum Thema der österreichischen Wissenschaftsemigration zur Zeit des Nationalsozialismus dar. Sie enthält 2200 Biografien von emigrierten österreichischen WissenschafterInnen sowie eine Exilzeitschriften-, Literatur-, Artikel- und Projektsammlung. Der Verlauf und die Folgen der Emigration können somit möglichst umfassend dokumentiert werden und dienen als Basis für weitere Forschungsprojekte. Speziell mit der Emigration von österreichischen PhysikerInnen und TechnikerInnen - den individuellen Erfahrungen und kollektiven Verläufen - beschäftigt sich ein Projekt von Univ.-Prof. Dr. Christian Fleck, Institut für Soziologie der Universität Graz, und Univ.-Prof. Dr. Anton Zeilinger, Institut für Experimentalphysik der Universität Wien. Die ersten Ergebnisse zeigen, dass die Zahl der emigrierten PhysikerInnen viel kleiner war als bisher angenommen. Sein persönliches Schicksal erzählte uns ein ehemaliger, jüdischer Student der Universität Wien: er berichtet über seine Erfahrungen unter dem NS-Regime, seine Flucht in die USA und sein Leben nach der Emigration. NS-Begeisterung, innere Emigration und Widerstand - die österreichischen Autorinnen Ingeborg Teuffenbach, Erika Mitterer und Veronika Rubatscher reagierten jede auf ihre Weise auf das politische System. Dr. Karin Gradwohl-Schlacher von der Universität Graz hat sich im Rahmen eines FWF-Projekts mit den spezifischen Reaktionsformen österreichischer Autorinnen in der "Ostmark" zwischen 1933 und 1945 auseinandergesetzt. Im Artikel geht es u.a. um die Vorbedingungen, um überhaupt publizieren zu können und um die spezifischen weiblichen Lebens- und Arbeitsbedingungen unter dem Nationalsozialismus.

Bücher sammeln, Bücher verbrennen

Am 10. Mai jährte sich die Bücherverbrennung zum 70. Mal. Bei der "Aktion wider den undeutschen Geist" waren allein in Berlin 40.000 NationalsozialistInnen versammelt, und was Heinrich Heine - einer der "verbrannten" Dichter - schon über 100 Jahre zuvor gesagt hatte, sollte dann auch eintreten: Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch Menschen. Dr. Peter Malina vom Institut für Zeitgeschichte beschäftigt sich in einem Gastbeitrag mit der Zensur in der Universitätsbibliothek Wien seit 1933. Das Institut für Germanistik an der Universität Wien zur Zeit des Nationalsozialismus ist ein heikles Kapitel Geschichte. Mag. Irene Ranzmaier hat sich in ihrer geschichtswissenschaftlichen Diplomarbeit "Germanistik an der Universität Wien zur Zeit des Nationalsozialismus. Das Institut, seine Vertreter und ihre Wissenschaft" differenziert und ausführlich der Thematik angenommen und schließt hiermit eine Lücke in der Sekundärliteratur zur Wissenschafts- und Institutsgeschichte der Universität Wien. Univ.-Doz. Dr. Wolfgang Duchkowitsch, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, fordert von der deutschen Kommunikationswissenschaft eine offenere Auseinandersetzung mit ihrer NS-Vergangenheit. Sein neuestes Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der "Arisierung in der Werbebranche".

Dunkle Seiten der Medizin

Der NS-Rassenhygiene und Eugenik sind Hunderttausende Menschen zum Opfer gefallen, die Vergangenheitsbewältigung ist auch in diesem Punkt noch lange nicht abgeschlossen, wie der Fall Heinrich Gross/Am Spiegelgrund und die Bestattung sterblicher Überreste von NS-Medizin-Opfern in den letzten Jahren zeigte. Zwei Beiträge sind dem vieldiskutierten Thema der Verstrickungen der Medizin in die NS-Maschinerie gewidmet: Der Medizinhistoriker Univ.-Prof. Michael Hubenstorf wirft in einem Gastbeitrag einen Blick auf einzelne unrühmliche Aspekte der Geschichte der Medizinischen Fakultät von 1938-1945. Bis vor kurzem bezog sich die medizinische Fachliteratur noch immer auf Eduard Pernkopfs Standardwerk "Topographische Anatomie des Menschen". Kritische Diskussionen im In- und Ausland führten 1997/98 zu einem Senatsprojekt, das nachweisen konnte, dass 1377 Leichen von Opfern der NS-Justiz (v.a. WiderstandskämpferInnen) dem Anatomischen Institut der Universität Wien zur wissenschaftlichen Forschung und für den Unterricht (Herstellung von Präparaten) übergeben wurden. Die Aktualität des "Falles" Pernkopf besteht darin, dass die Frage nach den ethischen Prinzipien von Wissenschaft immer noch aktuell ist - heute z.B. in den Plastinationen Günter van Hagens, wie Dr. Peter Malina und Dr. Gustav Spann vom Institut für Zeitgeschichte betonen. Wissenschaft kann sich der Verantwortung für ihr Tun nicht entziehen - dies betrifft sowohl die Entstehungsbedingungen wie auch die Auswirkungen und die wissenschaftliche "Verwertung" von Wissen und Forschung. Voraussetzung dafür ist, sich der eigenen Wissenschaftsgeschichte in ihren Widersprüchen und Belastungen bewusst zu werden und die Vergangenheit aufzuarbeiten - ein Ziel auch des Symposiums "Österreich und der Nationalsozialismus". (mh)

Symposium "Österreich und der Nationalsozialismus. Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" 5./6. Juni 2003 ab 9 Uhr, Kleiner Festsaal der Universität Wien

Kurt Mühlberger, Vertriebene Intelligenz 1938. Der Verlust geistiger und menschlicher Potenz an der Universität Wien von 1938 bis 1945. Dokumentation des Archivs der Universität Wien. Wien ²1993

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