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Wissenschaftliche Forschungsreisen: ein historischer Rückblick |
| Sommerserie, Reisen und Wissenschaft |
| Dieter N. Unrath (Redaktion) am 4. August 2004 |
Im Rahmen der Serie ?Reisen und Wissenschaft? ging dieUniversitaet-online.at der Frage nach, welche Rolle Forschungsreisen vom 16. bis Anfang des 20. Jahrhunderts spielten. Fest steht, dass Forschungsreisen Wegbereiter des europäischen Kolonialismus waren. |
Schon im Mittelalter waren Menschen als Kreuzritter, Pilger, Händler etc. in außereuropäischen Ländern unterwegs. Auf den teilweise abenteuerlichen und vor allem beschwerlichen Reisen wurden ?Andenken? wie Kunstschätze mitgebracht, die meist in kirchlichen Besitz gelangten. Forschungsreisen im großen Stil begannen mit den Unternehmungen der Missionare. Hier war der Orden der Jesuiten ab dem 16. Jahrhundert federführend. Deren primäres Ziel war aber nicht das Forschen, sondern die Bekehrung der ?Ketzer? und ?Heiden?, besonders in Amerika, Indien, China und auf den Philippinen. ?Missionare haben natürlich zuallererst ihre Missionstätigkeit ausgeübt, nebenbei haben sie aber auch ein bisschen geforscht, teilweise als Fachleute, teilweise autodidaktisch?, erklärt Univ.-Prof. Dr. Walter Sauer vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Mit dem Aufkommen des Kolonialismus drangen zahlreiche Händler und Missionare in bis dahin unbekannte Gebiete vor. Die völlige Durchdringung der außereuropäischen Kontinente wurde von Forschern und Abenteurern ? insbesondere im Auftrag der großen Kolonialmächte Spanien, Portugal, Frankreich und Großbritannien ? vorangetrieben. Forschung nicht Hauptmotiv des Reisens Im 18. Jahrhundert begann die Habsburgermonarchie Wirtschaftsmissionen auszuschicken. Handelsgesellschaften wurden gegründet, vor allem in Südost-Asien, teilweise in Afrika. ?Das war eine Reisetätigkeit, wo ab und zu wissenschaftlich etwas ?abgefallen? ist, aber Forschen war auch hier nie das Hauptmotiv. Der ?reine Forschergeist? war nur vorgeschütztes Motiv in der klassischen Epoche des Kolonialismus?, meint Sauer. Im 19. Jahrhundert begannen die Europäer, die anderen Kontinente zu erforschen, um vor allem Rohstoffe zu finden und zu erschließen. Ziel war die möglichst risikolose Ausbeutung, daher waren die Disziplinen Geographie und Geologie sehr wichtig. ?Was so unschuldig als Wissenschafts- oder Forschungsreise erscheint, war tatsächlich eine beinharte Schützenhilfe für den europäischen Kolonialismus?, verdeutlicht Walter Sauer. Reisen um des Forschens willens Natürlich gab es auch Reisende, die ?nur? forschen wollten, ohne kolonialistische Hintergedanken. Jedoch hatten diese meist keinen starken Mäzen bzw. Geldgeber hinter sich und wurden von keiner Institution, etwa der Akademie der Wissenschaften, unterstützt. Als Beispiel hierfür ist Friedrich Julius Bieber (1873-1924) zu erwähnen. Er galt in Europa als der Äthiopien-Experte, wurde aber bei seinen Reisen von niemandem unterstützt. Bieber konnte trotzdem dreimal nach Äthiopien reisen, aber immer nur unter schwierigen (finanziellen) Bedingungen. Forschungen zu Hause Letztendlich sind die entscheidenden Forschungen in Österreich(-Ungarn) nicht von Reisenden gemacht worden, sondern von Forschern, die in den Universitäten und sonstigen wissenschaftlichen Institutionen ?gesessen? sind und die Berichte über fremde Kulturen, Länder, Menschen, Tiere und Pflanzen gesammelt und systematisiert haben, ohne je ?vor Ort? gewesen zu sein. Ein solcher ?Reisender am Schreibtisch? war der an der Universität Wien lehrende Geologe Eduard Suess (1831-1914), der die Theorie vom ostafrikanischen Graben entwickelte, ohne je in Afrika gewesen zu sein. ?Österreich-Ungarn, das ja keine Kolonien hatte, hat Kolonialpolitik durch Museumspolitik substituiert. Man hat die Welt im Naturhistorischen Museum ?abgebildet??, erläutert hierzu Sauer. Forschungsreisende der Universität Wien Zahlreiche österreichische Forschungsreisende studierten und lehrten auch an der Universität Wien. Besonders die Kartographie an der Universität Wien wurde als Wissenschaft von der Habsburgermonarchie gefördert, denn gerade die kartographische Erschließung war eine der wesentlichen logistischen Voraussetzungen der politischen und wirtschaftlichen Inbesitznahme von Ländern. ?Ich möchte nicht sagen, dass jeder Kartograph ein Vertreter der Kolonialpolitik war. Sie waren zum Teil sehr unpolitische Leute, die sehr gut Landkarten zeichnen konnten. Aber wozu braucht man eine Landkarte? Landkarten sind das Hauptmittel einer beginnenden Beherrschung eines Landes?, so Prof. Sauer. Forscher der Alma Mater Rudolphina waren neben der Kartogaphie auch in der Sprachwissenschaft führend. Als Beispiel sei hier die Tätigkeit des Ägyptologen und Afrikanisten Leo Simon Reinisch (1832-1919), der die Sprachen der Völker von Nordostafrika erforschte, erwähnt. Er gilt bis heute weltweit als Pionier bei der Erfassung der hamitischen und kuschitischen Sprachen, zeichnete die drei Agaw-Sprachen komplett auf, schrieb Wörterbücher für mehrere andere afrikanische Sprachen und engagierte sich für die Unabhängigkeit Äthiopiens ? in einer Zeit, als viele Wissenschafter in Österreich-Ungarn merkantilistischen Dominanztheorien anhingen. (du) Lesen Sie in einem weiteren Artikel über Forschungsreisende der Universität Wien. Buchtipp: Walter Sauer (Hrsg.): k.u.k. kolonial. Habsburgermonarchie und europäische Herrschaft in Afrika. Wien: Böhlau 2002 |
