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Wissenschaftstourismus: Der Forscher als Tourist?
Sommerserie, Reisen und Wissenschaft
Gastbeitrag von Ingrid Thurner am 27. August 2004

Reisen, die von Wissenschaftern aus beruflichen Gründen zum Zwecke der Forschung unternommen werden, ordnet die Tourismuswissenschaft in die Kategorie Wissenschaftstourismus. Es wird daher die Frage formuliert: Sind reisende Forscher Touristen?

Es sind nicht so wenige Disziplinen, deren Gegenstand einen zeitweiligen Ortswechsel ihrer Angehörigen erforderlich macht. Es reisen um zu forschen unter anderem Ethnologen, Afrikanisten, Orientalisten, Indologen, Sinologen, Humanbiologen, Geografen, Soziologen, Tourismuswissenschaftler, Geologen, Botaniker, Zoologen, Archäologen, Prähistoriker. Von Seiten einer polemischen Tourismuskritik wurde etwa gegenüber der ethnographischen Feldforschung der Vorwurf erhoben, sie sei nichts anderes als wissenschaftlich legitimierter Tourismus. Der Ethnologe betreibe nichts anderes als das, was in der Tourismuskritik angeprangert werde, nämlich die Ausbeutung der Bereisten oder in diesem Fall der Beforschten. Funktionalisierung fremder Lebenswelten Während fremde Lebenswelten im Tourismus zur Spielwiese von Reise- und Urlaubserlebnissen werden, werden sie für den Forschungsreisenden zum Tummelplatz und zur Startbasis seiner akademischen Laufbahn. Beide Erfahrungen haben gar nichts gemeinsam mit dem, was dieselbe Gegend für den dort Lebenden ist, und seine Erfahrungen, Gefühle und Interpretationen mögen in vielen Fällen denjenigen der Besucher entgegengesetzt sein. Touristische/wissenschaftliche Zielgebiete in Entwicklungsländern sind für deren Bewohner im Allgemeinen alles andere als eine Stätte des Urlaubs und der Karriere. Solche Aneignung der fremden Welt durch Reisende ist deren Funktionalisierung. Zweck der Reise Die touristische Reise ist eine zwecklose Reise in dem Sinn, dass die Reise an sich der Zweck ist. Sie dient der Erfahrung von Neuem, der Abwechslung, dem Vergnügen, der Erholung, also nur der eigenen Person. In der Forschung ist nicht die Reise an sich der Zweck, sie ist Mittel zum Zweck, der Zweck ist Wissenserwerb und Erkenntnisgewinn. Genauso wie bei der touristischen Reise werden auch bei der Forschung die Fremde und die fremden Menschen funktionalisiert. Im Tourismus wie in der Wissenschaft werden Interessen, die in der eigenen Welt entstehen, in der fremden Welt wahrgenommen, was zur Erfüllung von Bedürfnissen führt, die ihrerseits eine Reintegration in die eigene Welt ermöglicht. Der Nutzen, den die Reise bringt In jenen Gebieten der Welt, wo man in das internationale Kommunikationssystem bereits so weit eingebunden ist, dass man weiß, dass Informationen auch verkauft werden können, wird immer vermutet, dass der Fremde das, was er mitnimmt, etwa Informationen und Fotos, dort, wo er hingeht, in irgendeiner Form verkauft. Der Tourist tut das vielleicht. Wahrscheinlich ist jedoch, dass er seine Fotos und Mitbringsel nur zu privaten Zwecken verwendet. Der Forscher tut es ganz gewiss. Aus den Informationen und Fotos, die er mitnimmt, konstruiert er sein Wissen, schreibt Artikel und Bücher, hält Vorträge und Vorlesungen. Der Forscher gewinnt ebenso Ansehen wie der weit gereiste Tourist, findet Anerkennung in Wissenschaftlerkreisen, Aufnahme in die akademische Zunft.   Deswegen wurde etwa ethnologische Forschung als geistiger Imperialismus bezeichnet und der ausbeuterische Charakter der Feldforschung wurde diskutiert. Diese Vorwürfe sind dann berechtigt, wenn im Vordergrund steht: nicht der Nutzen, den die Forschung den Erforschten bringt, sondern der Nutzen, den die Forschung dem Forscher bringt. Eine besondere Angriffsfläche für die Kritik bietet hier die Kurzzeitforschung für Diplomarbeiten und Dissertationen, deren primäres Ziel der akademische Abschluss des Forschers ist und nicht die Interessen der Bewohner des Forschungsgebietes. Worin unterscheidet sich der Forscher vom Touristen? Die Differenz liegt in Methode und Strategie von Wissenserwerb und Erkenntnisgewinn. Die Annäherung des Touristen an das Fremde erfolgt ohne explizite Methode, unvorbedacht und entsprechend dem Zeitgeist, jene des Wissenschaftlers ist Ergebnis langer methodologischer Reflexion seiner Disziplin. Der Forscher wird sich vor Ort ein profunderes Wissen aneignen als der Tourist, die Qualität des Wissens, das er erwirbt, ist eine andere. Und er wird, wenn er ethisch verantwortungsvoll agiert, Forschung betreiben müssen, die nicht nur der akademischen Karriere und auch nicht nur zweckfreiem Erkenntnisgewinn dient, sondern Forschung, die zum Nutzen der Erforschten ist, nicht nur zum Nutzen des Forschers. Dr. Ingrid Thurner ist Ethnologin und im Bereich Tourismus tätig. Sie hielt bis 2001 die Vorlesung Ethnologie und Tourismus am Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien, die von ihr im Wintersemester 2005/06 wieder angeboten wird. Literaturhinweis: Ingrid Thurner: Wissenschaftstourismus: Der Forscher als Tourist?, in:  Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, Band 129, 1999, S. 227-246.  

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