Die Globalisierungsdebatte, aber auch die Forderung nach stärkerer komparatistischer Forschung im europäischen und internationalen Kontext erfordert es, dass die traditionelle Barriere nach der klassischen Hans Rothfels'schen Zeitgeschichte-Definition (Erster Weltkrieg als "Sattel-Periode" und Beginn der Zeitgeschichte) endgültig aufgegeben und weit in das 19. Jahrhundert - sozusagen im Krebsgang - zurückgeschrieben werden muss. Damit wird gleichzeitig die damit verbundene starke Fokussierung auf Kriegsursachenforschung, die die Zeitgeschichtsforschung im europäischen Kontext bis weit in die 1980er Jahre geprägt hat, überwunden.
Schon ein kurzer Blick in die vergleichende Wirtschaftsgeschichte genügt, um zu sehen, dass trotz vieler Unterschiede im Bereich der internationalen Ökonomie durchaus Parallelen vorhanden sind; meistens wird das Ausmaß der Internationalisierung (und der damit verbundenen nationalen sozio-ökonomischen Folgen) für den Zeitraum 1880 bis 1913 unterschätzt. Auch die aktuelle Migrations-, Nationalismus- sowie Stereotypen- und Werteforschung muss in das 19. Jahrhundert zurückgehen, um die aktuelle Analyse mittels sozialwissenschaftlicher bzw. kulturhistorischer Ursachenforschung zu vertiefen und nicht mit einer oberflächlichen Gegenwartsbestandsaufnahme zu verflachen.
Daher meine These: Stärkere Berücksichtigung des 19. Jahrhunderts als prägendes "langes Jahrhundert" (nach Eric Hobsbawm) für den Schlüsselkonflikt des "kurzen" 20. Jahrhunderts zwischen Demokratie und Diktatur.
Dass der Erste Weltkrieg eine Demokratisierungswelle in Europa ausgelöst hat, zeigen allein die Zahlen - von 28 europäischen Staaten sind elf neue auf der Basis demokratischer parlamentarischer Verfassungen als Folge des Zerfalls der Monarchien Österreich-Ungarn, des Deutschen Reiches und des zaristischen Russlands entstanden.
Noch in den 1920er und 1930er Jahren war die Auseinandersetzung mit der Semantik für anti-demokratische Entwicklungen überraschend schwammig und extrem zurückhaltend. So tauchte erstmals im Zusammenhang mit dem italienischen Faschismus als nationale Eigenbezeichnung die Bezeichnung totalitär auf, aber international als breiterer Begriff kam erst kurz vor dem Zweiter Weltkrieg die Bezeichnung "totalitarian states" oder "totalitarian dictatorships" in Diskussion.
Insgesamt betrachtet wurden die "neuen Diktaturen" vor der Machtergreifung Hitlers in Deutschland 1933 nicht als echte Bedrohung der Demokratien empfunden. Typisch für die abwartende bis teilweise rechtfertigende stille Akzeptanz von kleinen Diktaturen trotz mancher kritischer Beiträge war einer der frühesten interdisziplinären Sammelbände zu dem Phänomen der neuen Diktaturen (Bulgarien 1923, Spanien 1923, Türkei 1923, Polen 1926, Litauen 1926, Rumänien 1930, Portugal 1932), der von Otto Forst de Battaglia herausgegebene "Prozeß der Diktatur". Der österreichische Historiker, Kulturkritiker und Genealoge meinte, dass die Diktatur nicht in Deutschland, Österreich oder Frankreich drohe, ebenso wenig wie in Großbritannien und den skandinavischen Ländern. Im Falle Deutschland und Österreichs sowie im Falle des Vichy Regimes im besetzten Frankreich sollte er sich aber irren.
Auch in den USA gab es eine Debatte um Franklin D. Roosevelt, der 1933 zur Bekämpfung der Weltwirtschaftskrise quasi-diktatorische Sonderrechte gefordert hatte. Der britische Historiker Ernest Baker argumentierte, dass starke Präsidialregierungen wie jene in den USA durchaus diktatorisches Potenzial hatten. Diktatur wurde noch immer im Begriffsdiskurs als temporäre exekutive Kompetenzbündelung gesehen.
Erst in weiterer Folge kreisten als Konsequenz der internationalen Entwicklungen die Reflexionen immer mehr um die Frage der Immunisierungsmöglichkeit der Demokratie - idealistische Vorstellungen wie jene von John Dewey mit der Betonung von education/Erziehung oder Harold Laski, der 1933 sein Buch "Democracy in Crisis" veröffentlichte, gaben eine Linie vor.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass diese theoretischen Debatten in der Zwischenkriegszeit, die von nationalen Zugängen, Traditionen und dem Reagieren auf aktuelle geopolitische Änderungen geprägt waren, die theoretische Trennlinie zwischen Demokratie und Diktatur geschärft haben. Aber nicht nur die Diktatur wurde als eigenständiges Regierungssystem ernst genommen, sondern auch die Demokratie wurde stärker als zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr nur als idealistisches politisches System zur Umsetzung liberaler Ideen verstanden, sondern intensiver in Richtung einer modernen "kampfbereiten" "militant democracy" uminterpretiert.
Ein "Sprung" in die rezenten Entwicklungen
Die Transformation nach 1989/1990 in Ost- und Südosteuropa sowie der ehemaligen UdSSR verschoben teilweise die Analyse- und Begriffsinstrumentarien wieder auf die Umsetzung und Etablierung neuer demokratischer Strukturen - anfangs durchaus vergleichbar mit der Zeit nach 1945 in Deutschland, Österreich und Japan. Die Geschichtswissenschaft entdeckte die Erinnerungskultur (Diktaturerinnerung) und historische Diktaturforschung (auch als Folge der Totalitarismusforschung neu in Deutschland).
Wolfgang Merkel gehört zu jenen Politikwissenschaftlern, die den Begriff der "Defekten Demokratie" als neuen Leitbegriff in die vergleichende Analyse von Demokratien und Diktaturen eingebracht haben - und mit diesem Begriff möchte ich schließen. Grundsätzlich haben Defekte Demokratien zentrale Elemente demokratischer Systeme wie das allgemeine und gleiche Wahlrecht, parlamentarische Vertretungen etc. Bezüglich der konkreten Rechtsstaatlichkeit und der Dominanz der Exekutive über die Legislative dominieren autoritäre Kontroll- und Regelungsmechanismen, d. h. die Realität entspricht nicht einer gesellschaftlich etablierten Demokratie. Freiheit, Gleichheit und Kontrolle sind nicht gegeben.
Und plötzlich sind wir wieder im 19. Jahrhundert und mit ähnlichen Forderungen der 1848er-Bewegung verbunden bzw. Vorstellungen, die in der Amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung bzw. der Französischen Revolution eine Rolle gespielt haben.
Univ.-Prof. Mag. DDr. Oliver Rathkolb, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte, hat seit 1. März 2008 die Professur für Zeitgeschichte inne. |