Redaktion: Im Sommersemester 2009 hielten Sie eine Lehrveranstaltung zum Thema "Gesellschaftliche und kulturelle Aspekte in Zentral- und Osteuropa in aktuellen Dokumentarfilmen". Was fasziniert Sie - in Bezug auf den zentral- und osteuropäischen Raum - besonders an dem Genre? Magdalena Zelasko: Bewegte Bilder können oft besser als Fotos oder Bücher ein Gefühl dafür vermitteln, was in einem Land oder im Leben von Menschen passiert. Die aktuellen Dokumentarfilme aus Zentral- und Osteuropa behandeln eine große Bandbreite an Themen. Und es tut sich recht viel: Allein in Polen werden jährlich bis zu 200 Dokumentarfilme produziert; die meisten davon für die nationalen Fernsehsender. Vor 1989 sah die Situation anders aus: Die Medien in den kommunistischen Ländern waren Instrumente der politischen Propaganda und dienten vor allem dazu, die Macht des jeweiligen Regimes zu legitimieren. Filme, die nicht in dieses Konzept passten, wurden zensiert, viele FilmemacherInnen ganz aus dem Kulturleben ausgeschlossen.
Redaktion: Können Sie ein Beispiel für solch einen Zensurfall geben? Zelasko: Ein gutes Beispiel ist der Kurzfilm "Próba mikrofonu", ("Mikrofonprobe"),aus dem Jahr 1980. Darin dokumentiert der polnische Regisseurs Marcel Łoziński die Geschichte eines Reporters beim Betriebsfunk der Fabrik "Pollena Uroda", der die Zensur eines seiner Beiträge verweigerte und daraufhin von der Geschäftsführung entlassen wurde. In der Sendung hatten die ArbeiterInnen dem Reporter erklärt, sie würden sich nicht für die Fabrik mitverantwortlich fühlen. Łoziński sah in dem Fall eine Allegorie auf das Leben unter dem kommunistischen Regime in Polen und ein gutes Beispiel dafür, dass Filme tatsächlich Dinge bewegen und ändern können. Der Film ist so etwas wie eine Parabel auf die Arbeit von Kulturschaffenden dieser Zeit. Übrigens verlor Łoziński aufgrund dieses Films ebenfalls für kurze Zeit seinen Arbeitsplatz.
Redaktion: Hat sich die EU-Erweiterung positiv oder negativ auf die Situation für DokumentarfilmerInnen ausgewirkt? Zelasko: Die ersten Jahre nach der Transformation waren für viele FilmemacherInnen sehr schwierig. Polen steht da charakteristisch für viele Länder: Die "Weltöffnung" und der Wandel von der Planwirtschaft zum Kapitalismus führten unter anderem zu einer Flut von amerikanischen Produktionen in den polnischen Kinos, während die heimischen ProduzentInnen um jeden Złoty kämpften mussten. Inzwischen finden jedoch die Filme aus Zentral- und Osteuropa immer größeres Interesse. Neben internationalen Filmfestivals, die oft auch CEE-Schwerpunkte haben, helfen da vor allem EU-Förderungsprogramme. Die neuen technischen Möglichkeiten tun ihr übriges. Mit einer halbwegs guten Kamera kann mittlerweile jeder, der eine gute Idee hat, einen Film drehen und - z.B. über Internetplattformen wie YouTube - ein beachtliches Publikum erreichen.
Redaktion: Hat sich auch der Inhalt der Filme verändert? Zelasko: Ja. Früher musste man sich die Frage stellen, ob man für oder gegen das Regime ist, heutzutage geht es darum, ob man sich kommerziell ausrichten möchte oder nicht. Die DokumentarfilmerInnen sind stark von den Verantwortlichen bei den Fernsehsendern abhängig. Es findet eine neue Art von Zensur statt, und die ist finanzieller Natur: Beim Fernsehen zählen die Einschaltquoten. Im Zuge dessen kommt es oft zu einer Vereinfachung der Gattung Dokumentarfilm, die Themen werden spekatkulärer. Doku-Soaps werden wie am Fließband produziert. Diese kratzen dann oft nur an der Oberfläche, kommen allerdings bei der "Generation MTV" sehr gut an. Viele FilmemacherInnen gehen daher einen Kompromiss ein, indem sie zwar mit ähnlichen Mitteln arbeiten, aber gleichzeitig auf die Qualität der Inhalte Wert legen.
Reaktion: Wie schaut es allgemein mit dem Wahrheitsanspruch von Dokumentarfilmen aus? Zelasko: Jeder Regisseur beeinflusst das, was er dreht, und liefert dem Publikum seine Vorstellung von Wirklichkeit. Erwin Wagenhofer, der Regisseur von "Let´s make money" und "We feed the World", hat es einmal so formuliert: "Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Wenn es sechs Milliarden Menschen gibt, dann gibt es sechs Milliarden Wahrheiten." Für mich hat der Dokumentarfilm die Aufgabe, möglichst authentisch zu bleiben. Wenn er das schafft, ist es ein guter und wahrer Film.
Redaktion: Abschließend noch eine Frage: Haben Sie einen Lieblingsdokumentarfilm? Zelasko: Mir gefällt der Film "Wszystko może się przytrafić" ("Alles kann passieren") von Łoziński aus dem Jahr 1995 besonders gut. Sie ahnen schon, wer mein Lieblingsregisseur ist. In diesem Film fährt der sechsjährige Tomek, der Sohn des Regisseurs, mit seinem Roller durch den Warschauer Łazienki-Park und spricht dort alte Menschen an. Mit 40 Minuten ein eher kurzer Film, besticht er durch seine Einfachheit. Der kleine Tomek stellt den PensionistInnen simple Fragen: Wie alt sind sie? Wieso sind sie einsam? Fürchten sie sich vor dem Tod? Diese Gespräche sind überraschend ehrlich und könnten überall stattfinden, in Warschau, Wien oder Prag, da sie grundlegende Lebensfragen behandeln. Das ist für mich ein Beispiel, wie man mit bescheidenen Mitteln, aber großer Kreativität ein bewegendes Dokument erschaffen kann. (mw)
Mag. Dr. Magdalena Zelasko lehrt am Institut für Slawistik. Daneben ist sie als freie Journalistin für diverse Medien tätig. |