| Institut für Philosophie, Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaften Wiener Psychoanalytische Vereinigung |
Zum 150. Geburtstag Freuds: Ein Abstecher ins Bewusstsein |
| Forschungsprojekte, 150. Geburtstag Freuds |
| Anna Kim (Redaktion) am 5. Mai 2006 |
Morgen, am 6. Mai 2006, jährt sich zum 150. Mal der Geburtstag des Begründers der Psychoanalyse, Sigmund Freud. Dass sich die Psychoanalyse nicht nur mit dem Unbewussten, sondern auch mit dem Bewusstsein beschäftigt, beweist die Psychoanalytikerin und Philosophin Patrizia Giampieri-Deutsch. |
Lou Andreas-Salomé (1861–937), Melanie Klein (1882–960), Marie Bonaparte (1882–962), Helene Deutsch (1884–982) ? keine wissenschaftliche Disziplin ist so weiblich wie die Psychoanalyse. "Freud hat zwar ein sehr altmodisches Konzept der weiblichen Sexualität angeboten, zugleich aber viele Frauen ermuntert, an ihm zu arbeiten", erklärt Univ.-Doz. Dr. Patrizia Giampieri-Deutsch vom Institut für Philosophie. "So gibt es zwei ganz große Persönlichkeiten innerhalb der Geschichte der Psychoanalyse, die genauso wichtig wie Freud waren und sind: die Pionierinnen Anna Freud und Melanie Klein. In welcher anderen Wissenschaft gibt es das?"
Distanzierte Psychoanalyse ?
"In Österreich gibt es eine sonderbare Distanz zwischen Feminismus und Psychoanalyse", meint Giampieri-Deutsch, "anderswo, am internationalen Parkett, bei den Psychoanalytikerinnen Julia Kristeva, Juliet Mitchell, Joyce McDougall, Colette Chiland oder Nancy Chodorow etwa bilden sie eine Einheit." Allerdings ist es nicht diese Distanz, mit der sich die Philosophin und Psychoanalytikerin in ihrem Buchprojekt "Zum Bewusstsein und zur Erste-Person-Perspektive in der analytischen Philosophie des Geistes, der Psychoanalyse und den empirischen Wissenschaften" beschäftigt. Hier geht es darum, die Distanz der Psychoanalyse zu ihren Nachbardisziplinen beim Thema Bewusstsein zu überbrücken.
? oder Distanz zur Psychoanalyse?
Innerhalb der Philosophy of Mind, die Ergebnisse und Daten der Neurowissenschaften und Kognitionswissenschaften in ihre Argumentationen integriert, gibt es derzeit viele Publikationen zum Thema Bewusstsein. Die Ergebnisse der Nachbardisziplin Psychoanalyse werden aber zum Großteil ignoriert. "Es ist sehr problematisch, wenn man ein Phänomen als getrennt in bewusste und unbewusste Aspekte betrachtet. Die Kontinuität der Betrachtung ist wichtig, wenn es darum geht, eine allgemeine und nicht fragmentierte Theorie des Mentalen zu bilden", sagt Giampieri-Deutsch. Dementsprechend ist es auch ihr Ziel, "die Psychoanalyse in die interdisziplinäre Gegenwartsdebatte wieder einzubringen".
Umfassende Theorie für Bewusstsein vernachlässigt
Die Verbindung Psychoanalyse ? Bewusstsein sei auf den ersten Blick eher "ungewöhnlich", meint die Wissenschafterin, schließlich werde die Psychoanalyse üblicherweise mit dem Unbewussten in Zusammenhang gebracht. "Aber", wendet sie ein, "ich versuche in meiner täglichen klinischen Arbeit als Psychoanalytikerin das Unbewusste bewusst zu machen. Üblicherweise beginnt die analytische Arbeit mit unbewussten Phänomenen oder Phänomenen, die zum Teil unbewusst sind wie Symptome, Erinnerungen, Phantasien oder Versprechern, aber das Ziel ist, sie bewusst zu machen." AnalytikerInnen, so Giampieri-Deutsch, hätten zwar sehr viel mit dem Thema Bewusstsein zu tun; als Forschungsgebiet sei es aber bisher von ihnen übersehen worden. "Meiner Ansicht nach kann man Patienten und Patientinnen nicht behandeln, ohne gleichzeitig zu forschen und eine theoretische Fundierung zu haben. Sonst wird die Theorie als implizite Theorie mehr zu einem Störfaktor." Gerade für klinische PraktikerInnen, also AnalytikerInnen, sei es unbedingt notwendig, auch die darunter liegende Theorie zu klären. Das Buch sei jedoch ein Stück Theorie und keineswegs als Handbuch konzipiert: "Wenn es ihm aber gelingt, Konzepte, Begriffe, Fragen weiter zu klären wie in diesem Fall die Rolle des Bewusstseins, wird an der Basis, bei der täglichen praktischen Arbeit, eine Verbesserung erreicht."
Freiheit und Bewusstsein
Welche Bedeutung hat für uns also das Bewusstsein? Das Bewusstsein sei Bestandteil des emanzipatorischen Programms von Freud, so die Philosophin. "Die Psychoanalyse beschäftigt sich seit ihrer Geburt mit dem Mentalen und seinen Grenzen. Sie glaubt, dass unser Weg zur Freiheit darin besteht, diese Grenzen besser kennen zu lernen. Also weg von einem euphorischen Bild der unbegrenzten Freiheit hin zu einem starken Bewusstsein der Grenzen. So ist es möglich, in einer ständigen Arbeit kleine Stücke von Bewusstsein wieder zu gewinnen."
Drei Modelle zum Bewusstsein
Sigmund Freud selbst hat im Laufe seines Lebens drei Modelle vom Bewusstsein erstellt, die einander nicht ablösen, sondern nebeneinander bestehen, wie die Analytikerin betont. Erstens ist Bewusstsein nach Freud eine Eigenschaft von mentalen Ereignissen: So kann eine Vorstellung oder Repräsentation in drei Zuständen sein, bewusst, vorbewusst (kann leicht bewusst werden) und unbewusst (kann nur sehr schwierig bewusst werden). "Zweitens wird Bewusstsein im topischen Modell von Freuds Theorie des Mentalen als das System Wahrnehmung/-Bewusstsein neben den Systemen Unbewusst und Vorbewusst begriffen", so die Wissenschafterin. "Schließlich ist Bewusstsein im strukturellen Modell, das zwischen Ich und Es unterscheidet, eine eng mit der Wahrnehmung verknüpfte Ich-Funktion; eine Auffassung, die den Begriff von Bewusstsein als Sinnesorgan für die innere und äußere Wahrnehmung beinhaltet." (ak)
Das Projekt "Zum Bewusstsein und zur Erste-Person-Perspektive in der analytischen Philosophie des Geistes, der Psychoanalyse und den empirischen Wissenschaften" läuft seit 2004 und wird voraussichtlich Ende dieses Jahres abgeschlossen sein. Anschließend daran ist eine Publikation geplant. Neben diesem Buchprojekt bereitet Patrizia Giampieri-Deutsch zurzeit ein Projekt von drei Bänden über Wissenschaftsphilosophie und Psychoanalyse vor, das von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften unterstützt wird.
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