Eine Berufung zum Professor für Internationale Wirtschaftsgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Globalgeschichte der Frühen Neuzeit ist eine schöne, aber nicht ganz unproblematische Angelegenheit. Ist es auf globaler Ebene überhaupt sinnvoll, von einer "Frühen Neuzeit", die im Allgemeinen in der Periode von 1450 bis 1850 lokalisiert wird, zu sprechen? Sind Staat und Nation auf dieser Ebene nicht anachronistische Konzepte? Gab es damals tatsächlich eine Weltwirtschaft, deren Geschichte man analysieren kann? Gab es überhaupt eine Wirtschaft, das heißt eine autonome Logik von Angebot und Nachfrage, der man sich mit modernen wirtschaftswissenschaftlichen Kategorien und Methoden annähern kann?
Dies sind berechtigte Fragen, die es zu beantworten gilt. Das Konzept der "Frühen Neuzeit" ist in der Tat nicht unproblematisch, aber dann auch wieder nicht so problematisch, dass es nicht verwendet werden dürfte. Es macht sicher nicht für alle Regionen der Welt gleich viel Sinn, von 'Staaten' und 'Nationen' zu reden. Aber vielleicht lohnt es sich, gerade diese Unterschiede genauer anzusehen: Im europäischen Merkantilismus der Frühen Neuzeit, zum Beispiel, waren Staat, Nation und Wirtschaft besonders stark verknüpft. Verbirgt sich in dieser Gegebenheit vielleicht ein Teil der Erklärung des wirtschaftlichen Sonderwegs Europas?
Wirtschaftsgeschichte untersucht Institutionen, Kulturen, Räume
Globalgeschichte bedeutet nicht unbedingt Geschichte der Globalisierung. Sie kann und sollte sich auch transkulturellen Vergleichen widmen. Diese lassen sich für jede beliebige Zeit anstellen. Eine reine Marktwirtschaft gab es in der Frühen Neuzeit nirgendwo auf der Welt. Das Wirtschaftsleben war eingebettet in soziale Beziehungen. Daran hat sich bis heute nicht sehr viel geändert, auch nicht in "kapitalistischen" Ländern. Eine Wirtschaftswissenschaft, die von einer reinen Marktlogik ausgeht, kann weder die frühmoderne noch die gegenwärtige Realität erklären. Wirtschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit soll daher auf keinen Fall eine angewandte moderne Wirtschaftstheorie sein, sondern die Rolle von Institutionen - allen voran des Staates -, von Kultur und insbesondere auch jene von Ökologie und Geographie direkt in ihre Analysen mit einbeziehen.
In der Antrittsvorlesung wurde versucht, anhand einer Analyse des Teehandels zwischen China und Großbritannien in der Periode 1760–880 ein Beispiel von einer solchen Wirtschaftsgeschichte zu präsentieren. Der Teehandel dient dabei als Einstieg in eine Analyse der politischen Ökonomie der beiden Länder. Dass es sich hierbei um politische Ökonomie handelt, zeigt schon allein die Tatsache, dass der Handel lange Zeit nicht frei war. Als er "frei" wurde, erfolgte dies auf britischen Druck. Die Hauptakteure auf englischer Seite waren bis 1834 die Händler der East India Company, mit ihrer Verbindung von Privatunternehmen und Souveränität, die dem Osten völlig fremd war. Auf chinesischer Seite trifft man auf die Mitglieder der Hong, einem Kollektiv von Kaufleuten, die bis in die 1840er Jahre von der Regierung angewiesen wurden, den Handel mit den Ausländern abzuwickeln. Bis zum Ende des Ersten Opiumkrieges besteuerte die chinesische Regierung den Tee-Export mit bis zu dreißig Prozent, nach Ende dieses Krieges wurde ihr nur mehr eine Steuer von zehn Prozent erlaubt. Die englische Regierung hingegen besteuerte den Tee-Import während der meisten Jahre zwischen 1760 und 1860 mit hundert Prozent oder noch mehr. Ihre Bemühungen waren immer Teil einer merkantilistischen Politik. Der chinesischen Regierung ging es viel mehr um die Kontrolle der Ausländer als darum, aus Steuereinkünften Kapital zu schlagen. Merkantilistisch war ihre Politik nie.
Tee: wichtigstes Exportprodukt, spielte aber geringe Rolle
Die populäre - unter anderen von Andre Gunder Frank vertretene - These, dass die Engländer in ihrem Handel mit China die ständigen Verlierer waren, weil sie für ihre Importe Unmengen an Silber nach Kanton schicken mussten, erweist sich als vollkommen unzutreffend. Fast während der gesamten hier diskutierten Periode war Tee das bei weitem wichtigste Exportprodukt Chinas im Handel mit den Briten. In der Periode 1800–860 machte Tee durchschnittlich rund achtzig Prozent des Handelsvolumens aus. Doch selbst in den 1850er Jahren, als der Teeexport höher war als je zuvor, betrug der Wert der jährlichen Exportmenge in England kaum sieben Millionen Pfund Sterling. Das ist ungefähr ein Prozent des britischen Nationaleinkommens. Innerhalb des chinesischen Nationaleinkommens spielte der Teehandel eine noch geringere Rolle.
Dies zeigt, dass die Bedeutung des Handels nicht überschätzt werden soll. Weiters muss berücksichtigt werden, dass ab Ende der 1790er Jahre kein Silber mehr nach China gesandt wurde. Ab diesem Zeitpunkt verkaufte die East India Company indische Produkte in China und konnte sich als Firma bereits auf eine "positive Handelsbilanz" mit China stützen. Wenn man sich ansieht, wer eigentlich am Teehandel verdiente, wird man feststellen, dass die englischen Händler und der englische Staat im Teegeschäft weit mehr Mehrwert schufen als ihre chinesischen Pendants. Ganz grob geschätzt, verdoppelte sich in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts der Wert des Tees einmal zwischen dem Augenblick, in dem er die Bauernhöfe verließ, und jenem, in dem er in Kanton an Bord ging, dann erneut zwischen der Ausfuhr aus Kanton und dem Moment, in dem er in England besteuert wurde, und ein weiteres Mal durch die Besteuerung des Verkaufspreises auf dem heimischen Markt. Die East India Company machte in den letzten Jahren ihres Teehandel-Monopols jährlich ungefähr eine Million Pfund Sterling Profit.
Teeproduktion im Familienbetrieb
Der exportierte Tee wurde von Subsistenzbauern auf Familienbetrieben produziert, die den Tee nebenbei anbauten. Eine riesige Anzahl von Aufkäufern und Mittelsmännern sorgte für die weitere Verarbeitung und den Transport. Zucker, Baumwolle und Tabak, Produkte, die wir in den englischen Kolonien immer mit Plantagenwirtschaft assoziieren, wurden in China zur selben Zeit auf ähnliche Weise wie Tee angebaut, verarbeitet und gehandelt. Die regierenden Manchus hätten im "eigentlichen" China das Zusammenlegen von Bauernhöfen zur Bildung von Plantagen für "cash crops" nicht akzeptiert. Sie brauchten eine solche Entwicklung aber nicht aktiv zu stoppen. Sie blieb von vornherein aus. Das war auch der Fall in den riesigen neuen Territorien, wie Xinjiang oder Tibet, die im 18. Jahrhundert ins Reich inkorporiert wurden, und in der Mandschurei und auf Taiwan.
Kleine Bauernbetriebe dominierten auch die Produktion von Subsistenzprodukten wie Reis oder anderen Getreidesorten innerhalb Chinas. Der Kontrast zu England, wo in der Landwirtschaft Großbetriebe und Lohnarbeit die Norm wurden, konnte kaum größer sein. In beiden Ländern gab es sehr viel gewerbliche Produktion auf dem Lande. In England dominierte das Verlagsystem, in China, auch in der Teeproduktion, eher ein Kaufsystem. Es ist eine Herausforderung für die vergleichende Wirtschaftsgeschichte, die Gründe für diese Unterschiede - die sicherlich nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch politischer und kultureller Natur sind - und ihre Konsequenzen zu erforschen.
Involution vs. Revolution
Was die Konsequenzen betrifft, ist es lange üblich gewesen, einer chinesischen "Involution" eine englische "Revolution" gegenüber zu stellen. In dieser Perspektive gilt Englands wirtschaftliche Entwicklung in der Frühen Neuzeit oft als das Model wirtschaftlicher Entwicklung schlechthin. Es ist gekennzeichnet von zunehmenden 'economies of scale', einer Trennung von Betrieb und Haushalt, Proletarisierung und einer zentralen Koordination der Produktion, die in der Fabrik als Symbol der Industrialisierung kumulierten. Das Verlagsystem wird von vielen dann als eine proto-industrielle Zwischenphase gesehen. Die chinesische Gewohnheit, innerhalb des Haushalts zu produzieren und eine Erhöhung der Produktion durch Intensivierung der eigenen Arbeit zu erreichen, gilt in dieser Perspektive als Sackgasse. Dass der Teesektor mit seinen Familienbetrieben - genauso wie die chinesische Zuckerproduktion und zum Teil auch die chinesische Seidenproduktion - dem Wettbewerb mit der ausländischen Plantage-Produktion nicht gewachsen war, kann als gute Illustration dieser These gesehen werden.
Evolution statt Revolution
Die klassische Interpretation der Industriellen Revolution wird aber heutzutage angezweifelt. Es handele sich eher um eine Evolution. Großbetrieb und Fabrik sollen viel weniger wichtig gewesen sein, die Rolle von Familienbetrieben hingegen weit größer als bisher angenommen. Außerdem herrscht jetzt Konsens darüber, dass Englands Entwicklung nicht als "Modell" gelten kann. Mehrere Wege haben in die wirtschaftliche Moderne geführt. Neben der "Industrial Revolution" sehen manche eine "Industrious Revolution", also eine arbeitsintensive Industrialisierung. Daneben ist auch oft die Rede von "flexibler Produktion", bei der den großen zentralen Produktionsanstalten relativ wenig Bedeutung zukommt. Der Historiker Alexander Gerschenkron hat schon vor einigen Jahrzehnten auf die zentrale Rolle des Staates bei der Industrialisierung vieler Länder hingewiesen. Rezente Entwicklungen vor allem in Asien haben das Konzept des "developmental state" populär gemacht. Es ist deshalb sehr fragwürdig geworden, ob das chinesische Model wirklich "involutionär" war und in eine Sackgasse führen musste.
Folgen für Chinas Wirtschaft
Man kann an dieses Problem herangehen, indem man untersucht, welche Folgen die direkte Konfrontation mit dem Westen nach der Öffnung des Landes Mitte des 19. Jahrhunderts für Chinas Wirtschaft hatte. Dabei stellt sich heraus, dass China bis in die 1930er Jahre, abgesehen von ein paar Ausnahmen, kaum ausländische Industrieprodukte einführte und dass eine interne Industrialisierung, wiederum abgesehen von ein paar Ausnahmen, nicht stattfand. Hier drängt sich natürlich die Frage auf, worauf dies hinweist: Auf eine hohe Effizienz der chinesischen Produktionsweise? Auf andere Bedürfnisse der chinesische Konsumenten? Auf einen erfolgreichen "Boykott" der Ausländer? Oder, wie ich meine, auf einen mörderischen Wettbewerb, in dem Chinesen gegen - relativ zu England - immer niedrigere Entlohnung immer härter und länger gearbeitet haben, was wiederum Involution hieße. Das reelle Sozialprodukt pro Kopf wurde auf jeden Fall in China zwischen 1820 und 1950 im Vergleich zu England immer niedriger.
Von einer positiven Rolle des Staates kann in dieser Zeit auch kaum die Rede sein. Im Fall des Teehandels war der chinesische Staat an der direkten Produktion und am Verkauf lange Zeit vollkommen unbeteiligt. Das war in England zwar nicht wirklich anders, der Unterschied liegt allerdings darin, dass der chinesische Staat, anders als der englische, auch nicht als eine Instanz auftrat, die Forschung bezahlte, Qualität kontrollierte, Produktion standardisierte oder Modelbetriebe leitete. Meines Erachtens war die Kombination von privater "Involution" and staatlicher Abstinenz oder Schwäche eine fatale für die chinesische Ökonomie. Ich kann mich natürlich irren. Viel Forschungsarbeit ist noch zu leisten. Aber dies war auch eine Antrittsvorlesung, kein Abschied. |