| Institut für Ur- und Frühgeschichte, Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät Das Institut für Ur- und Frühgeschichte während der Nazizeit (Text von Otto Urban) |
100. Geburtstag von Prähistoriker Richard Pittioni |
| Jubiläen |
| Gastbeitrag von Otto Urban am 10. April 2006 |
Am 9. April jährte sich der Geburtstag von Richard Pittioni, langjähriger Vorstand des Instituts für Ur- und Frühgeschichte, zum 100. Mal. Der 1985 Verstorbene war einer der wenigen Geisteswissenschafter der Universität Wien, der nicht aus rassistischen, sondern aus politischen Gründen seine Venia legendi zurücklegen musste. |
Richard Pittionis Interesse für die Prähistorie wurde bereits in Jugendjahren geweckt, da er sich zumeist im Sommer bei seiner Großmutter in Oberwisternitz (Südmähren) aufhielt, einem Ort, in dessen Nähe bedeutende altsteinzeitliche Fundstätten liegen.
Im Wintersemester 1927/28 begann Pittioni, geboren am 9. April 1906 in Wien, das Studium der Urgeschichte bei Prof. Oswald Menghin und promovierte im Juni 1929 zum Dr. phil. an der Universität Wien. Anschließend wurde er Universitätsassistent am Urgeschichtlichen Institut der Universität Wien. 1932 habilitierte sich Pittioni mit einem Werk über die La-Tène-Zeit in Niederösterreich und erhielt eine Venia legendi für "Prähistorische Archäologie". Ende 1937 verließ er das Institut und wechselte in das Römische Museum der Stadt Wien.
Keine ungebrochene wissenschaftliche Laufbahn
Im März 1938 musste Pittioni unter der Ministerschaft seines Lehrers Menghin seine Venia legendi zurücklegen. In der Folge wurde ihm nahe gelegt, auch Wien zu verlassen und er trat im Dezember 1938 in das Burgenländische Landschaftsmuseum Eisenstadt ein. 1942 wurde Pittioni zum Militärdienst eingezogen. Er war unter anderem als Korporal in Südfrankreich und in der Ukraine stationiert und zuletzt als Dolmetscher in Tirol eingesetzt. 1944 heiratete er Erika Gräfin zu Hardegg, mit der er zwei Töchter hatte.
Wiederaufbau des Instituts
Nach Kriegsende erhielt Pittioni seine Venia legendi wieder zurück und wurde im Mai 1946 zum Außerordentlichen Professor für die Urgeschichte des Menschen ernannt und als einer der wenigen Prähistoriker Österreichs, der politisch nicht nur nicht belastet, sondern dem auf Grund der politischen Veränderungen schwerer Schaden zugefügt worden war, zum Vorstand des Urgeschichtlichen Instituts in Wien bestellt. Er begann mit dem Aufbau des durch Bombenschäden schwer beschädigten Instituts, und bereits 1948 gründete er die Fachzeitschrift Archaeologia Austriaca. 1951 wurde Pittioni zum Ordentlichen Universitätsprofessor ernannt. Unter der Leitung von Pittioni erhielt das Institut wieder seinen untadeligen Ruf zurück.
Lehrtätigkeit bis 1984
1954 erschien sein Hauptwerk "Urgeschichte des österreichischen Raumes". 1957 wurde Pittioni zum ordentlichen Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und zum Obmann der Prähistorischen Kommission gewählt. 1960 bis 1962 war Pittioni Dekan der Philosophischen Fakultät und von 1964 bis 1967 im Senat der Universität Wien tätig. 1976 emeritierte Pittioni ? dennoch setzte er noch bis zum Wintersemester 1983/84 seinen vielsemestrigen Vorlesungszyklus über die "Systematische Urgeschichte" fort. Durch seine umfassende Lehrtätigkeit und starke Persönlichkeit prägte er die gesamte Nachkriegsgeneration der PrähistorikerInnen Österreichs.
Forschung: Urgeschichte bis Mittelalter
Pittioni setzte in der Forschung mehrere Schwerpunkte: anfänglich die La-Tène-Kultur, dann die Erforschung des urzeitlichen Kupfererzbergbaus in den Ostalpen, später die Mittelalterarchäologie und frühneuzeitliche Industriearchäologie. Daneben schrieb er Arbeiten zur Methodik und Terminologie ? seine Vorschläge zur Gliederung in die Zeitabschnitte Lithikum, Keramikum und Metallikum setzten sich allerdings nicht durch ?sowie zahlreiche kompilatorische Arbeiten zur Urgeschichte Europas sowie zur Lehrerausbildung.
Neben seiner umfassenden Tätigkeit als Verfasser wissenschaftlicher Arbeiten (29 Monographien, 459 Aufsätze und zahllose Rezensionen) war er auch als Schriftleiter der Wiener Prähistorischen Zeitschrift (1930-1938), der Reihe Niederdonau, Natur und Kultur (1940-1942), der Archaeologia Austriaca (1948-1976) und der Mitteilungen der Prähistorischen Kommission (ab 1957) tätig. Daneben erschien 1947 der Roman "Der Bergfürst". Zahlreiche Ehrenmitgliedschaften wissenschaftlicher Institutionen und Auszeichnungen würdigen seine Verdienste. |

