Hätte es die entlaufene Ziege nicht gegeben, hätte sich Univ.-Prof. Dr. Armin Lange ein anderes Forschungsgebiet suchen müssen: In unmittelbarer Nähe der Siedlung Qumran im Westjordanland entdeckten Beduinen 1947 die ersten der insgesamt rund 900 Schriftrollen von Qumran - während sie nach einer verschollenen Ziege suchten. "Die Schriftrollen sind zwischen 2000 und 2300 Jahre alt und stammen aus einer Epoche, als die Weichen für die großen Weltreligionen Judentum und Christentum gestellt wurden. Mit diesem Material hat man erstmalig die Chance, diese Zeit zu verstehen. Man kann nicht nur auf ein paar Texte, die sich über die Jahrtausende erhalten haben, zugreifen, sondern gleich auf einen ganzen Bibliotheksfund der damaligen Zeit", schwärmt Lange.
Buch Moses: Erste Verfassung der Weltgeschichte
"Diese Forschung hat, zumindest indirekt, Konsequenzen auf das Verständnis zwischen Judentum und Christentum und darüber hinaus auf das Verständnis zwischen Judentum, Christentum und Islam, da der Islam als Weltreligion aus dem Judentum und Christentum hervorgegangen ist", erklärt der Judaist, der auch Mitglied des internationalen Herausgeberteams der Qumrantexte ist. Dass die Beschäftigung mit dem antiken Judentum sehr wichtig für das Verständnis der geschichtlichen und kulturellen Entwicklung Europas ist, zeigt ein weiteres Beispiel: Erste Textstücke des 5. Buches Moses stammen aus dem 7. Jahrhundert vor Chr. Als erste Verfassung der Weltgeschichte ist in ihm die Forderung enthalten, dass auch der König Subjekt des Gesetzes sei. "Das hat es vorher in der Antike nicht gegeben, der König stand immer über dem Gesetz", erklärt Lange. "Damals wurde der Verfassungsgedanke geboren, ohne den heute Demokratien nicht existieren könnten."
Vergangenheitsbewältigung à la Lange
Für Armin Lange ist es unbedingt notwendig, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Und dass dies die antike jüdische Vergangenheit ist, macht das Unterfangen nur umso interessanter: So erfährt man beispielsweise, dass die Bibel nicht aus einem einzigen Werk entstanden ist. Den Ursprung der heutigen Bibel kann man mit Hilfe der Schriftrollen von Qumran, die aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. datiert werden können, zurückverfolgen. Die Rollen beinhalten u.a. Teile aus dem Alten Testament sowie Kommentare zu biblischen Texten. Prof. Lange arbeitet seit 13 Jahren - als erster - an einer synoptischen Edition der biblischen Handschriften vom Toten Meer. Ein Band liegt bereits vor, fünf weitere sollen folgen. Die Besonderheit: Mehrere Versionen eines Textes in verschiedenen Sprachen sind nebeneinander abgedruckt, sodass es möglich ist, sie sofort miteinander zu vergleichen.
Der Vergleich macht sicher
Wozu der Vergleich? "Alle Texte wurden damals von Hand kopiert", erläutert der Wissenschafter. "Jeder Schreiber hatte also die Möglichkeit, den Text zu verändern. Einige haben das auch sehr bewusst und gezielt getan und zum Beispiel die Texte für ihre Zeit aktualisiert." Man müsse sich von der Vorstellung frei machen, dass die heutige Bibel einmal aus einem einzigen Text entstanden sei, so Lange. "Sie scheint in verschiedensten Fassungen im Umlauf gewesen und später harmonisiert worden zu sein." Mit einem Markierungssystem versehen - "Wir versuchen, das Auge des Lesers zu leiten!" - ermöglichen diese Editionen eine gezielte Suche nach Bearbeitungen. Und weiß man nicht weiter, lautet die Devise, bei Prof. Lange nachzuschlagen, denn ein Handbuch zu den Qumran-Rollen ist ebenfalls in Vorbereitung. "Nur" dreibändig, soll es in Bälde Studierenden und KollegInnen zur Verfügung stehen.
Kanongeschichte der hebräischen Bibel
Ausgerüstet mit Sprachkenntnissen in Aramäisch, Hebräisch, Altgriechisch, Latein und Phönizisch arbeitet Armin Lange außerdem an einem Buch zur Kanongeschichte der hebräischen Bibel. Auch hier ist die Frage nach der Entstehungsgeschichte der Bibel präsent: "Zunächst hat es eine so genannte autoritative Literatur gegeben, das heißt Literatur, die von einer Gemeinschaft als religiös bedeutsam angesehen wurde. Wann aber entstand die Idee der 'heiligen Texte'? Riskiert man einen Blick in die Geschichte, stößt man auf eine Krisenerfahrung: die Umweihung des Jerusalemer Tempels in einen Zeus-Tempel auf Veranlassung des hellenistischen Herrschers Antiochos IV. Daraufhin hat man die Idee entwickelt, dass man Gott auch im Buch begegnen könne, dass das Buch auch eine Art Tempel sei", erklärt der Forscher. Die Idee gebe es seiner Ansicht nach seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. Etwa zwei Jahrhunderte später sei es zu einer Auswahl bestimmter Texte gekommen, die dann den abgeschlossenen Kanon dargestellt hätten. (ak)
Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Armin Lange mit dem Titel "Die Hebräische Bibel im Licht der Textfunde von Qumran" findet am Dienstag, den 18. Oktober 2005 um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. |