Univ.-Prof. Mag. Dr. Bernhard Grasemanns Weg in die Geologie war steil und steinig: Über das Bergsteigen und einen Wahlonkel, der als Geologe tätig war, entdeckte er schon als Kind sein Interesse für die Entstehungsgeschichte der Berge. Heute erforscht Grasemann die Erosionsvorgänge und geologischen Strukturen in Gebirgen vom Typus der Alpen.
Programmierkenntnisse von Vorteil
Ganz ohne Umwege verlief der Weg vom jungen Bergsteiger zum Geologie-Professor aber nicht: Nach seiner Diplomarbeit an der Universität Wien führte Grasemann ein kurzer Abstecher als Programmierer in die Privatwirtschaft. Nachdem er 1990 an die Universität Wien zurückgerufen worden war, setzte er sein in der Privatwirtschaft erworbenes Wissen für das Institut ein und half mit, in den frühen 1990er Jahren E-Mail und lokale Netzwerke zu etablieren. In seiner wissenschaftlichen Arbeit begann Bernhard Grasemann, der mittlerweile "die Programmiersprache C++ sprechen konnte wie andere Deutsch", Modelle geologischer Strukturen am Computer zu forcieren.
Gebirgsbildung und Klima
Aber nicht nur im Büro zeigte Grasemann, was in ihm steckt. Von 1990 bis 2000 reiste er zur Feldforschung in das Himalaja-Gebiet wo er - gemeinsam mit einem Kollegen aus Lausanne - einen seiner wohl größten wissenschaftlichen Erfolge feierte: Die Arbeit der beiden Erdwissenschafter trug zu neuen Vorstellungen von der Gebirgsbildung in Gebirgen des alpinen Typs bei. Sie konnten deren Zusammenhang mit klimabedingter Erosion aufzeigen. "In manchen Gebieten wird das Gestein ähnlich einer Zahnpastatube an die Oberfläche gepresst, aber nur in dem Ausmaß, in dem das darüber liegende Gesteinsmaterial durch Regen, Wind und andere Einflüsse abgetragen wird", erklärt Grasemann.
Zwischen Berg und Computer
Gelungen war der Nachweis des Zusammenhangs von Gebirgsbildung und Erosion durch die Kombination klassischer geologischer Feldarbeit mit der Modellierung der beobachteten geologischen Phänomene am Computer. Eine Arbeitsweise, die bis heute charakteristisch für die von Grasemann geleitete "Structural Processes Group Vienna" ist. Während es in den Erdwissenschaften oft eine relativ strikte Arbeitsteilung zwischen Feldgeologen und Computer-Modellierern gibt, verbinden die WissenschafterInnen der Grasemann-Gruppe beide Fertigkeiten. Sie erfüllen damit eine wichtige Brückenfunktion. "Wenn es etwa darum geht, die 'Originale' zu am Computermodell beobachteten Strukturen in der Natur zu finden, sind wir die richtigen Ansprechpartner", sagt Grasemann.
Strukturen, Öl und Erdbeben
Derzeit arbeitet die Gruppe vor allem an so genannten "Flanking Structures" und "Low-Angle-Normal-Faults". Flanking structures, auch "fault drag" oder "Schleppfalten" genannt, sind neu entdeckte, weltweit auftretende geologische Strukturen. Sie können unter anderem zum Auffinden von Erdöllagerstätten herangezogen werden.
Die "Low-Angle-Normal-Faults", Grasemanns zweites großes Forschungsgebiet, sind annähernd horizontale Zonen, an denen sich - etwa gegenwärtig im Golf von Korinth - Gesteinsstapel gegeneinander verschieben, wodurch Erdbeben entstehen können. Für den Geologen gilt es nun herauszufinden, wie das genau vor sich geht: "Die Mechanik des Vorgangs ist im Moment noch rätselhaft. Nach den bisherigen Modellen dürfte sich da nichts bewegen. Das Material aus dem Feld zeigt uns aber, dass an solchen Zonen ganz gewaltige Bewegungen stattgefunden haben."
Unmittelbares vermitteln
Mathematische Computermodelle und die Erforschung der Originale in der Natur prägen nicht nur Grasemanns Forschung, sondern auch seine Lehre. "Moderne Naturwissenschaft heißt quantifizieren", lautet sein Credo. Sein Ziel als Lehrender: "Den Studierenden von Anfang an zu zeigen, wie wichtig Mathematik für die geologische Arbeit ist." Für ebenso wichtig hält Grasemann aber auch Erfahrungen beim Datensammeln in der Natur: "Was nützen die besten Messungen und die tollsten Methoden zur Datenverarbeitung, wenn die Daten von den falschen Proben stammen?"
Neben Feldforschungserfahrung will Grasemann auf seinen Exkursionen den angehenden ErdwissenschafterInnen vor allem auch eines ermöglichen: "Die unmittelbare Begeisterung für die Geologie zu entdecken, die mich als kleiner Junge beim Bergsteigen packte und mich bis heute antreibt." (hz)
Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Mag. Dr. Bernhard Grasemann mit dem Titel "Deformation durch Störungen: Platten- bis mikrotektonische Untersuchungen" findet am Mittwoch, 21. November 2007 um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. |