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Martin Gaenszle kennt seinen "Forschungs- gegenstand": Er hat insgesamt zehn Jahre in Nepal und Indien verbracht.


Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskundeder Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät Lebenslauf von Martin Gaenszle Einladung zur Antrittsvorlesung (PDF)
Bollywood und Co: Moderne Südasienkunde in Wien
Forschungsprojekte, Porträts Neo-Professuren
Bernadette Ralser (Redaktion) am  7. November 2007

Bisher konnte man am Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde der Universität Wien hauptsächlich klassische Indologie mit dem Schwerpunkt Sanskrit- und Texttradition studieren. Jüngere Entwicklungen und aktuelle Prozesse im südasiatischen Raum standen nicht im Vordergrund des Lehrplans. Der neue Professor Martin Gaenszle will die Südasienkunde für die Moderne öffnen. Am 14. November 2007 hält er seine Antrittsvorlesung.

"Man lernt ein Land am besten kennen, wenn man dort lebt - und direkt am tagespolitischen Geschehen beteiligt ist", weiß Prof. Dr. Martin Gaenszle, M.A., aus Erfahrung. Denn er hat - zuerst für Forschungen im Rahmen seiner Habilitation am Südasien-Institut der Universität Heidelberg sowie später als Leiter der Außenstelle desselben Instituts in Kathmandu - insgesamt zehn Jahre in Nepal und Indien verbracht: "In Nepal habe ich unter anderem die Demokratisierungsbewegungen von 1990 live miterlebt."
Seit Jänner 2007 neuer Professor für Kultur- und Geistesgeschichte des neuzeitlichen Südasiens, bringt der gebürtige Deutsche sein Interesse für moderne Prozesse der politischen Öffentlichkeit, ethnische Bewegungen und Gegenwartskultur in die Lehre am Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde mit ein.

Sprachkompetenzen fördern


Neben seinem Studium der Ethnologie, Philosophie und Indologie in Heidelberg hat der sprachbegeisterte Martin Gaenszle zuerst Hindi und Sanskrit gelernt und sich im Laufe der Jahre zunehmend den Sprachen und Dialekten Nepals zugewandt. "Südasien ist eine Region linguistischer Vielfalt", schwärmt der 51-jährige Neo-Professor, lenkt aber sofort ein: "Allerdings sind viele dieser faszinierenden Sprachen akut vom Aussterben bedroht."
Seit 2004 arbeitet Gaenszle in einem Forschungsprojekt an der ethnographischen und linguistischen Dokumentation zweier solcher verschwindenden Sprachgruppen in Ostnepal. Auch in der Lehre misst der Indologe den Sprachen eine zentrale Bedeutung bei und will besonders die Sprachkompetenzen seiner StudentInnen fördern: "Dafür müssen wir den bestehenden Lehrplan ausbauen und erweitern."

Neu: Nepali an der Universität Wien


So wird seit dem Wintersemester 2007/08 - erstmalig am Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde - auch Nepali unterrichtet. Auf dieses neue Angebot im Lehrveranstaltungsverzeichnis der Universität Wien ist der Südasien-Spezialist besonders stolz: "Regelmäßigen universitären Nepali-Sprachunterricht gibt es europaweit sonst nur in London. Daneben werden wir verstärkt die neuindischen Sprachen fördern und den Hindi-Unterricht ausbauen." Aber nicht nur in punkto Sprachen will Gaenszle die Südasienkunde erneuern.

Moderne Südasienkunde aufbauen


Denn der südasiatische Raum ist nicht nur reich an alten Traditionen, er ist auch in die Weltgeschichte eingebunden. Während die "Klassiker" Sanskrit und Texttradition weiterhin in der Lehre eine zentrale Rolle spielen werden, will Gaenszle das Curriculum durch die Moderne bereichern: mit Lehrveranstaltungen zu zeitgeschichtlichen Entwicklungen und gegenwärtigen Problemen. "Die Globalisierung macht vor dem indischen Subkontinent nicht halt. Die letzten 500 Jahre seit Landung der Portugiesen waren turbulent. Prozesse wie die Kolonisierung und Entkolonisierung Indiens haben ihren Stempel auch auf religiöse Praktiken gedrückt. Nicht nur der Hinduismus ist dabei, sich neu zu definieren."
So will Gaenszle auch die Beschäftigung mit der Geschichte sozialer Bewegungen im südasiatischen Raum vorantreiben. Denn: "Politische Bewegungen haben - gerade in Indien und Nepal - immer auch eine religiöse Komponente."

Bollywood und Co


Neben der verstärkten Thematisierung zeitgeschichtlicher Aspekte will Gaenszle auf aktuelle Entwicklungen in den Bereichen Wirtschaft, Populärkultur und Medien fokussieren und dabei u.a. das Phänomen indisches Kino und Bollywood stärker in den Blick nehmen: "Das Thema Bollywood-Kultur ist nicht nur spannend, sondern auch wissenschaftlich sehr ergiebig. Die Studierenden können den indischen Film auf Inhalt, Symbolik und Sprache untersuchen und gleichzeitig ihre Hindi-Kenntnisse praktisch anwenden."
Auch didaktisch will der Südasienexperte verstärkt auf moderne Kommunikationsmittel setzen, eine Mediathek einrichten und mehr Bildmaterial zur Verfügung stellen. Daneben sollen die Studierenden durch Exkursionen zu Feldforschungen animiert werden - im Sommersemester wird es nach Nepal gehen.

Neuer Masterstudiengang geplant


In den kommenden Jahren ist außerdem der Aufbau eines Master-Studiengangs "Kultur und Gesellschaft Südasiens" geplant. "Die moderne Südasienkunde ist ein noch junges Fach", sagt Gaenszle, der seine Forschungsschwerpunkte Lokal- und Kolonialgeschichte, orale Traditionen, linguistische Anthropologie und religiöser Pluralismus in Südasien optimal mit seinem neuen Lehrauftrag verknüpfen kann: "Wir müssen unsere Disziplin öffnen und - aufbauend auf bewährten Kompetenzen wie der traditionellen philologischen Forschung - auch die bisher vernachlässigten Bereiche abdecken. Nur so kann der indische Subkontinent in seiner schillernden Vielfalt angemessen in Lehre und Forschung repräsentiert werden." (br)


In seiner Antrittsvorlesung am 14. November 2007 (17 Uhr, Kleiner Festsaal, Hauptgebäude) spricht Univ.-Prof. Dr. Martin Gaenszle, M.A., seit Jänner 2007 Professor für Kultur- und Geistesgeschichte des neuzeitlichen Südasiens am Institut für  Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde, über Perspektiven einer neuen, inklusiven und modernen Südasienkunde.

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