Redaktion: Das vergangene Studienjahr war das letzte, in dem ca. die Hälfte der angebotenen Studien noch in Form von Diplomstudien begonnen werden konnte. Ab dem Wintersemester sind - mit wenigen Ausnahmen - die Studien auf die dreigliedrige Bologna-Studienarchitektur umgestellt. Wird sich der Wechsel reibungslos gestalten? Christa Schnabl: Mit Umstellung der historisch- und der philologisch-kulturwissenschaftlichen Fächer auf die Bachelor/Master-Struktur haben nun alle Studien - mit wenigen Ausnahmen - die Umstellung vollzogen, das ist für die Universität Wien ein sehr großer Schritt. Wir bemühen uns, dass der Wechsel möglichst reibungslos vonstatten geht, das ist eine große logistische und administrative Herausforderung, die sich v.a. auf den Informationsfluss bezieht. Wir müssen sicherstellen, dass Studierende sich bestens informieren können - nicht nur Studierende, die neu beginnen, sondern auch Studierende, die derzeit in der Diplomstudienordnung sind und die den Wunsch haben umzusteigen. Wir wollen Studierende motivieren umzusteigen.
Redaktion: Wie werden Diplom-Studierende motiviert umzusteigen? Schnabl: Durch die Rahmenbedingungen - es wird sehr großzügige Anrechnungen geben, so dass die Leistungen, die im Diplomstudium erbracht wurden, in die neue Studienarchitektur mitgenommen werden können - und durch Information. Wenn Studierende wissen, welche Ziele sich hinter der Bologna-Studienarchitektur verbergen, kann es auch für sie interessant sein, umzusteigen. Bologna bietet die Möglichkeit, ein fünfjähriges (de facto häufig ein sechs- bis siebenjähriges) Studium in zwei Schritten zu absolvieren. Zunächst entscheidet man sich für ein dreijähriges Studium. Nach dem Abschluss überlegt man, ob man die wissenschaftliche Ausbildung intensiviert und ein Masterprogramm anschließt oder mit einer soliden akademischen Grundausbildung im Fach lieber - zumindest vorübergehend - berufstätig wird, den Bachelor mit aufbauender Weiterbildung oder einem späteren Einstieg in den Master ergänzt.
Redaktion: Ist Ziel der Studieneingangsphase, die Drop-out-Quote zu verringern? Schnabl: Studieneingangsphasen sind in der Entwicklung der neuen Curricula grundsätzlich vorgesehen. Sie haben das Ziel zu informieren, zu orientieren und die Studierenden haben die Möglichkeit, ihre Studienentscheidung zu überprüfen. Die Studierenden sollen sehr früh im Studium einen Überblick darüber erhalten, was sie im Rahmen des Studiums erwartet und welche Jobmöglichkeiten sie haben. Sie können sich zu einem frühen Zeitpunkt, nämlich im ersten oder zweiten Semester, die Frage stellen, ob das Studium das richtige ist oder ob sie ein anderes Studium oder auch eine andere Bildungseinrichtung wählen sollten.
Redaktion: Wie reagiert der Arbeitsmarkt auf den Bachelor? Schnabl: Meiner Einschätzung nach sehr unterschiedlich. Es gibt Unternehmen, meist sind es eher international ausgerichtete, die richtiggehend auf Bachelor-AbsolventInnen warten, weil sie akademisch grundausgebildetete Personen lieber im Rahmen ihrer eigenen Personalentwicklung spezifischer qualifizieren wollen. Es gibt aber auch Unternehmen, die sehr wenige Vorstellungen davon haben, was Bachelor-AbsolventInnen können - hier ist es dringend notwendig zu informieren. Das Karriereservice Uniport ist eine direkte Schnittstelle zwischen Universität und Arbeitsmarkt und leistet wichtige Arbeit, den Unternehmen das Qualifikationsprofil zu vermitteln. Auch die Universitätenkonferenz hat eine Initiative gestartet, um den Bachelor in der Öffentlichkeit breiter zu präsentieren.
Gleichzeitig müssen wir auch innerhalb der Universität noch viel deutlicher lernen zu unterscheiden, woraufhin bilden wir Bachelor- oder Masterstudierende aus. Das Diplomstudium wird ja nicht nur "entzweigeschnitten" und ein Zwischenabschluss eingeführt, sondern wir haben es mit zwei unterschiedlichen Levels zu tun, die unterschiedliche Qualifikationsprofile und Ausrichtungen haben. Der Bachelor ist ein Level mit einer fachlichen akademischen Grundausbildung, während der Master schon stärker auf die eigene wissenschaftliche Forschungstätigkeit fokussiert, die Lehrschwerpunkte müssen daher anders gestaltet werden. Die Ziele von Bachelor und Master müssen daher nicht nur nach außen, sondern auch nach innen kommuniziert werden. Was die Lehre betrifft: Bei der Lehrorganisation ist darauf zu achten, dass auch Personen mit einer hohen Forschungsorientierung Lehrveranstaltungen in der Studieneingangsphase übernehmen und Einblick in ihre Forschung geben.
Redaktion: Zum Schlagwort Employability: Inwieweit verankert die Universität Wien in ihren Studien berufsrelevante Vorbildung/Kenntnisse? Schnabl: Der Employability-Begriff muss institutionenspezifisch definiert werden. Für Universitäten als berufsvorbildende (und nicht berufsausbildende) Institutionen heißt das, dass Personen befähigt werden sollen, sich möglichst eigenständig und autonom am Arbeitsmarkt zu bewegen und die richtige Zusammensetzung von Arbeit, Weiterbildung und Lernen selbst zu steuern. Wir haben uns an der Universität Wien sehr bemüht, Employability insofern umzusetzen, indem wir für Studien, die früher ein hohes Ausmaß an freien Wahlfächern hatten, Erweiterungscurricula (EWC) eingeführt haben. EWC haben das Ziel, ergänzend in einem anderen Fach Grundkompetenzen zu erwerben und damit auch die Beschäftigungsfähigkeit zu erweitern. Einige EWCs bieten Schlüsselfähigkeiten in Bereichen wie Wirtschaft, Kommunikation oder Informatik an, so dass eine arbeitsmarktrelevante Kompetenz erworben werden kann. In Bezug auf Employability ist weiters festzuhalten, dass sich Universitäten damit beschäftigen müssen, in welcher Form welche Bildungsinhalte vermittelt werden, so dass diese auch beruflich eingesetzt werden können. Gleichzeitig betonen wir, dass Universitäten nicht rein arbeitsmarktechnisch orientiert ausbilden. Employability hat für Fachhochschulen eine andere Bedeutung als für Universitäten. Wichtig ist, dass wir in der Entwicklung unserer Studien darauf achten, welche Anforderungen von außerhalb der Universität kommen. In den nächsten Jahren werden wir vermutlich in einigen Bachelor- und Masterprogrammen Nachjustierungen vornehmen müssen, so dass die Berücksichtigung der gesellschaftlichen Herausforderung noch stärker Eingang findet. Auch die EWC sind nur auf drei Jahre eingerichtet und werden dann überprüft, wie die Nachfrage ist, ob in einigen Bereichen das Angebot verstärkt oder zurückgefahren werden soll.
Redaktion: Einige Studien - Rechtswissenschaften, Psychologie, Pharmazie und das Lehramt - werden im Herbst noch nicht umgestellt. Wann ist hier mit einer Umstellung auf die Bologna-Studienarchitektur zu rechnen? Schnabl: Das ist sehr unterschiedlich. Einerseits hängt es von den gesetzlichen Rahmenbedingungen ab: Bei den Lehramtstudien ist abzuwarten, was im Zuge der Novellierung des UG 2002 herauskommt. Andererseits ist die Umstellung abhängig von der österreichweiten Abstimmung mit den Berufs- und Standesvertretungen: In der Pharmazie und der Psychologie gibt es schon seit längerem ernsthafte Diskussionen mit den Standesvertretungen über die Neugestaltung der Curricula. Im juristischen Bereich ist vermutlich entscheidend, ob es möglich sein wird, das Ausmaß von Bachelor und Master abzuwandeln und statt nur dreijährige auch vierjährige Bachelor zu variieren. In der evangelischen Theologie wird vermutlich mit Wintersemester 2009/10 auf Bachelor-Master umgestellt, bei der katholischen Fachtheologie ist abzuwarten, wie sich die weltkirchliche (römische) Diskussion gegenüber dem Bachelor weiterentwickeln wird. (mh)
Lesen Sie morgen Teil 2 des Interviews über die Verbesserung der Studienbedingungen, Weiterbildung und Alumnitätigkeit. |