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Die Historikerin Christina Lutter hält ihre Antrittsvorlesung am Dienstag, 28. April 2009 um 18 Uhr im Großen Festsaal.


Institut für Geschichte der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät
Christina Lutter: Historische Quellen "gegen den Strich" lesen
Professuren, Porträts Neo-Professuren
Marion Wittfeld (Redaktion) am 22. April 2009

Am Dienstag, 28. April 2009 hält Christina Lutter ihre Antrittsvorlesung zum Thema "Zwischen Hof und Kloster. Kulturelle Gemeinschaften im mittelalterlichen Österreich". Seit Oktober 2008 Professorin für Österreichische Geschichte, liegt der Historikerin vor allem der rege Austausch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit am Herzen. Sie empfiehlt zudem, Quellen manchmal "gegen den Strich" zu lesen.

Zu den Forschungsschwerpunkten der neuen Professorin für Österreichische Geschichte an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät zählen neben der österreichischen Kultur- und Geschlechtergeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit auch die Kulturwissenschaften und Cultural Studies sowie Gender Studies: Univ.-Prof. Mag. Dr. Christina Lutter arbeitet in diesem Rahmen u.a. zu räumlichen und aspektorientierten Grenzüberschreitungen - "neuralgische Phasen des Übergangs", wie die gebürtige Wienerin sie bezeichnet.

Dabei geht es um Zeiten in der Geschichte, in denen sich Österreich nicht nur geographisch grundlegend verändert hat, sondern auch Modelle, Institutionen, Normen und Wertvorstellungen wechselten: "Das 11./12. und das 15./16. Jahrhundert, mit denen ich mich derzeit beschäftige, waren Umbruchszeiten, in denen - bezogen auf gesellschaftliche Entwicklungen - zahlreiche politische, soziale und religiöse Veränderungen stattgefunden haben", erklärt die Historikerin, die in ihrer Antrittsvorlesung am 28. April 2009 über kulturelle Gemeinschaften im mittelalterlichen Österreich sprechen wird.

Wissenschaftskommunikation fördern

Parallel zu ihrer akademischen Ausbildung an der Universität Wien hat Christina Lutter 13 Jahre in - und ab 2007 auch als Leiterin - der Abteilung Gesellschaftswissenschaften im Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung gearbeitet. Fast "selbstverständlich" erscheint es daher, dass der Mediävistin und Kulturwissenschafterin der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit besonders am Herzen liegt: "So spannend Wissenschaft und Forschung im Detail ist - man sollte stets auch den größeren gesellschaftspolitischen Zusammenhang im Blick behalten. Deshalb begrüße ich die Initiativen der Universität Wien, den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu fördern. Man sollte niemanden dazu zwingen, aber man kann es zumindest anregen".

Als Beispiel einer gelungen Kommunikation zwischen "Innen und Außen" nennt Christina Lutter die "KinderuniWien": "Kinder stellen einfach die besten Fragen. Von Kindern kann man vielleicht am besten lernen, das, was wir im Laufe unseres Lebens als selbstverständlich wahrzunehmen lernen, hin und wieder auch in Frage zu stellen."

Blickwechsel in der Forschung ...

Auch bei ihrer eigenen Forschung ist der Wissenschafterin der Perspektivenwechsel wichtig: "Wenn man ein Bewusstsein dafür hat, dass viele unserer alltäglichen Selbstverständlichkeiten - z.B. unsere Geschlechterrollen - kulturell konstruiert sind, dann erkennt man, dass Dinge auch anders funktionieren können. Man muss die Quellen manchmal gegen den Strich lesen: Viele Darstellungen nehmen oft nur eine bestimmte Kategorie, z.B. "den mittelalterlichen Hof" oder "die geistliche Kultur" in den Blick. Schon mit einer anderen Fragestellung, etwa nach den Verbindungen zwischen diesen Räumen, wird daher manch 'Verborgenes' sichtbar. Eine disziplinenübergreifende historische Forschung ist da sehr hilfreich."

... und in der Lehre

Der Blick- und Perspektivenwechsel ist Christina Lutter auch in der Lehre ein Anliegen. Eine "forschungsbasierte Lehre" und "eine Forschung, die im Dialog mit den Studierenden bleibt" helfen, den Blick von Studierenden und von Lehrenden zu schärfen: "Ich finde es wichtig, die eigenen Forschungsthemen auch mit den Studierenden zu diskutieren. Oftmals bekommt man bei den eigenen Themen ja mit der Zeit einen gewissen Tunnelblick. Für eineinhalbstündige Seminare oder Vorlesungen muss man sich jedoch überlegen: Was ist das Relevante an meiner Forschung?"

Ihren Studierenden möchte sie dabei vor allem das Denken in komplexen Zusammenhängen und die Nähe zum Quellenmaterial vermitteln: "Der wissenschaftliche Nachwuchs muss von den Lehrbüchern hin und wieder direkt an die Quellen wechseln und Dinge wie eine mittelalterliche Handschrift oder ein frühneuzeitliches Flugblatt auch 'mit allen Sinnen' begreifen. In Wien haben wir da natürlich mit dem Staatsarchiv, dem Stadt- und Landesarchiv, der Nationalbibliothek und der Vielzahl an Museen eine privilegierte Situation. Doch auch darüber hinaus warten noch viele Schätze auf ihre Entdeckung", sagt Lutter, die es wichtig findet, die Kooperationen zwischen der Forschung an Universitäten und in Archiven und Bibliotheken zu intensivieren.

Über den Tellerrand schauen

Neben dem Hinterfragen von vermeintlichen Selbstverständlichkeiten findet die Historikerin aber auch disziplinübergreifendes Arbeiten besonders förderungswürdig: "Jede Wissenschafterin und jeder Wissenschafter - selbst aus der gleichen Disziplin - hat einen anderen Zugang zu Wissen. Durch einen Dialog können beide profitieren. Der direkte Austausch findet aber immer noch zu selten statt. Gemeinsame Lehrveranstaltungen, Workshops und Projekte können da behilflich sein, insbesondere für die Förderung des akademischen Nachwuchses", empfiehlt die neue Professorin. (mw)


Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Mag. Dr. Christina Lutter mit dem Titel "Zwischen Hof und Kloster. Kulturelle Gemeinschaften im mittelalterlichen Österreich" findet am Dienstag, 28. April 2009 um 18 Uhr im Großen Festsaal der Universität Wien statt.

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