Wien ist die "Stadt der Musik" - kein Wunder, dass sich an der Universität Wien eines der ältesten Institute für Musikwissenschaft in Europa befindet. Wie an nahezu keiner anderen europäischen Hochschule sind hier alle Facetten der Musikwissenschaft - historische, ethnologische und systematische - unter einem Dach versammelt. An diesem traditionsreichen Institut zu lehren und zu forschen, bedeutet für Christoph Reuter "eine große Ehre und viele neue Möglichkeiten, aber auch eine gewisse Verantwortung". Am Mittwoch, 10. Juni 2009, hält der neue Professor für Systematische Musikwissenschaft seine Antrittsvorlesung. |
Christoph Reuter kennt sich mit Klängen aus: wie sie entstehen, sich im Raum verteilen und wahrgenommen werden - aber auch, wie man sie am Computer erstellt oder archiviert. Wenn der Musikwissenschafter von Klangexperimenten in der Lehre spricht, bekommt das Wort "Hörsaal" eine neue Bedeutung. Ganz Ohr wird man auch, wenn er von der "bunten Welt der Instrumentalklangfarben" berichtet, und dass die Physik der Schlüssel zu ihrem Verständnis sei: Der Forscher sucht nach den Entstehungsformeln für diese Klänge - u.a. im reflexionsarmen Raum und mit Hilfe von Sondenmikrofonen und Drucksensoren.
Die Suche nach dem "akustischen Genom"
Die Klangfarbe von Musikinstrumenten lässt sich direkt aus der Form und Beschaffenheit ihrer "Anregungsimpulse" - z.B. die Öffnungs- und Schließzeiten der Lippen am Mundstück einer Trompete - bestimmen. "Es gibt hier leider keine Universalformel. Bei jeder Instrumentenart ist die Ausprägung der Anregungsimpulse etwas anders, was sich auch in den unterschiedlichen Klangfarben äußert", so Reuter: "Ziel ist es deshalb, alle möglichen Ausprägungen dieser Anregungsimpulse für alle möglichen Artikulationsarten bei verschiedenen Tonhöhen und Dynamikstufen zu erfassen. Dadurch erhält man so etwas wie ein 'akustisches Genom' des jeweiligen Instruments." Dieses wäre zum Beispiel für die digitale Synthese möglichst natürlich wirkender Klangfarben hilfreich.
Balance-Akt zwischen Grundlagenforschung und praxisbezogenem Denken
In Musikwissenschaft habilitiert hat sich Christoph Reuter an der Universität zu Köln. Dort wurde auch seine naturwissenschaftlich orientierte, multidisziplinäre und systemische Arbeitsweise geprägt. In Köln hat sich Reuter bereits während des Studiums eine "zweite Karriereschiene" im Bereich Internet- und Multimediaprogrammierung aufgebaut, die er nach seinem Abschluss parallel zur akademischen Laufbahn als Wissenschafter und Lehrender weiterverfolgte: "In den letzten zehn Jahren war ich hauptberuflich als teilhabender Gesellschafter eines Kölner Internetunternehmens tätig. Hieraus lernte ich neben einer intensiven, theoretischen und experimentellen Grundlagenforschung auch eine ergebnisorientierte und lebenspraktische Zugangsweise zu wissenschaftlichen Fragestellungen kennen und schätzen". Reuter empfiehlt auch seinen Studierenden, sich möglichst früh praxisnahes Wissen anzueignen.
Kerngebiete der Systematischen Musikwissenschaft ausbauen
In der Lehre ist es ihm zudem wichtig, der nächsten Generation von MusikwissenschafterInnen die Bedeutung disziplinierten, redlichen, nachhaltigen und kooperativen Arbeitens zu vermitteln. "Weiters möchte ich hier am Institut die Kerngebiete der Systematischen Musikwissenschaft - d.h. Psychoakustik, Instrumentenakustik, Raumakustik, Musikpsychologie, Tonsysteme sowie Klangsynthese und -analyse - verstärkt ausbauen."
Ähnliches plant Reuter für die Bereiche Medientechnologie und Musikinformatik: "Der Computer bietet uns Werkzeuge, die vor einigen Jahren noch nicht einmal vorstellbar waren - vor allem für die Klanganalyse und -synthese. Aber auch z.B. für die Musikgeschichte ist er ein Segen: Quellen, die vom Zerfall bedroht sind und früher nur wenigen Leuten zugänglich waren, lassen sich heute mittels Online-Editionen, Manuskript-Datenbanken etc. an jedem beliebigen Ort und in beliebig großen Auflösungen betrachten."
Musikwissenschafter in der "Stadt der Musik"
Am Institut für Musikwissenschaft freut sich Christoph Reuter neben der guten infrastrukturellen Ausstattung besonderes über die enge Zusammenarbeit der Teilbereiche des Fachs. So betreut er innerhalb des Instituts verschiedene Datenbankprojekte und empfindet die vielen fächerübergreifenden Kooperationen (u.a. mit dem Zentrum für Sportwissenschaft, dem Phonogrammarchiv der ÖAW oder dem Institut für Wiener Klangstil) als eine wertvolle und zukunftsweisende Bereicherung. Zu schätzen weiß er auch die stete Kooperationsbereitschaft des ZID: "Alles in allem verfügt die Universität Wien damit über sehr gute Voraussetzungen für eine angewandte Musikwissenschaft im Bereich der Medientechnologie und Musikinformatik."
Abseits vom universitären Alltag bietet Wien dem gebürtigen Duisburger ein vielfältiges und traditionsreiches kulturelles Angebot. "Leider kann ich aufgrund meiner vielen neuen Aufgaben nur einen Bruchteil dessen wahrnehmen", bedauert Reuter, fügt jedoch hinzu, dass einem Musikwissenschafter ab und zu auch etwas Stille ganz gut tut. (br)
Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dr. Christoph Reuter, M.A. mit dem Titel "Phänomene des musikalischen Zusammenspiels" findet am Mittwoch, 10. Juni 2009, um 18 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. |