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Der Germanist Michael Rohrwasser hält am 29. November seine Antrittsvorlesung: "Der Prophet Elias. Canettis Selbstinszenierung als Autor der 'Blendung'".


Institut für Germanistikder Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät

Interview mit Michael Rohrwasser: "Sigmund Freud: Wissenschafter abseits der Universität" (März 2006) Lebenslauf von Michael Rohrwasser Einladung zur Antrittsvorlesung  
Die Lust des Literaturwissenschafters
Forschungsprojekte, Porträts Neo-Professuren
Simone Kremsberger (Redaktion) am 22. November 2006

Die Kulturgeschichte des Exils und des Kalten Krieges sowie das Wechselverhältnis von Psychoanalyse, Literatur und Film sind die beiden Pole in Michael Rohrwassers Forschung und Lehre. Seinen Studierenden will er neben Problembewusstsein die Lust am Lesen vermitteln - und diese hat der Germanist auch selbst beibehalten. Zum Beispiel am Werk von Elias Canetti, über den er in seiner Antrittsvorlesung am 29. November 2006 spricht.

Nach einer Reihe von Gastprofessuren an mehreren deutschen Universitäten, in Polen, in Stanford, Ohio und auch bereits an der Universität Wien ist Michael Rohrwasser nun seit über einem Jahr Professor für Neuere deutsche Literatur am Institut für Germanistik. Nächste Woche stellt er sich in seiner Antrittsvorlesung einem größeren Kreis von KollegInnen vor - mit einem langjährigen Forschungsgegenstand und einer alten Leidenschaft, nämlich Elias Canetti. "Ich habe ein paar Jahre unter Canetti-Verehrung gelitten", gibt Rohrwasser zu: "Die 'Blendung' hat mich immer interessiert, und mit 'Masse und Macht' hat mich Canetti als Theoretiker in seinen Bann gezogen."

Psychoanalyse und Exilliteratur


Die Beschäftigung mit Elias Canetti vereint Michael Rohrwassers beide hauptsächlichen Forschungsschwerpunkte: Einerseits die Wechselwirkungen von Psychoanalyse, Literatur und Film, denn Canetti war, wie Rohrwasser untersucht hat, stark von Freud geprägt. Und andererseits die Auseinandersetzung mit Exilliteratur - sah sich Canetti doch gezwungen, 1938 Österreich zu verlassen, um über Paris nach London zu emigrieren.

Exil im Faschismus und im Stalinismus


Doch wenn Michael Rohrwasser Exilliteratur sagt, beschreibt er diese nicht allein im Kontext des Nationalsozialismus. 1989 hat er sich an der Freien Universität Berlin zu dem Thema "Der Stalinismus und die Renegaten. Die Literatur der Exkommunisten" habilitiert. "In meiner Habilitation habe ich das klassische Bild der Exilliteraturforschung, das auf Nationalsozialismus und Faschismus ausgerichtet ist, gesprengt, indem ich auch das totalitäre System das Stalinismus behandelt habe", schildert der Germanist: "Seit der Studentenbewegung 1968 hat man sich in Rezeption und Forschung auf so genannte 'antifaschistische Autoren' konzentriert, was gewiss verdienstvoll war. Aber dabei wurden Schriftsteller wie Manès Sperber oder Arthur Koestler - zwei große alte liberale Denker, die gegen Hitler und Stalin gekämpft haben - ausgelassen. Die ganze antitotalitäre Literatur von Franz Jung bis Georg K. Glaser passte der frühen Exilforschung nicht ins Konzept. Und spätestens wenn man die Kulturgeschichte des Kalten Krieges in den Blick nimmt, sind vordergründige Links-Rechts-Gleichungen oder Etikette wie 'Antikommunismus' und 'Antifaschismus' selbst zu historischen Formeln geworden und für Analysen kaum tauglich."

Schwerpunktsetzung in der Lehre


Um die Lücken zu füllen, beschäftigt sich Michael Rohrwasser bis heute mit diesem Arbeitsgebiet; sowohl in der Forschung - derzeit arbeitet er an einer Edition des Exilautors und "antitotalitären Querdenkers" Georg K. Glaser - als auch in der Lehre. "Letztes Semester habe ich eine Vorlesung zur Exilliteratur gehalten, derzeit biete ich ein Seminar zu Klaus Mann und als Gegenpol eines zur Literatur der 'inneren Emigration' an", so Rohrwasser. Themen von Vorlesungen im darauffolgenden Semester in Seminaren fortzusetzen, gehört zu seinem Lehrkonzept. Die Studierenden sollen auf diese Weise die Gelegenheit bekommen, ein Thema zu vertiefen. Hierbei ist laut Rohrwasser auch eine stärkere Koordinierung mit den KollegInnen geplant.

Problembewusstsein entwickeln


Seine Studierenden sollen sich nicht nur in ein Gebiet vertiefen, sondern auch Problembewusstsein entwickeln: "Es besteht die Gefahr, dass man mit zu viel Selbstbewusstsein in das Germanistikstudium hineingeht", meint Rohrwasser. "Oft gibt es zu Beginn das Selbstverständnis in der Art von: 'Ich kenne Literatur, ich kann schreiben, ich kann lesen, gute Literatur muss man nicht kommentieren.' Das Bewusstsein für ein Problem entwickelt sich erst im Laufe des Studiums." Diesen Prozess zu begleiten und zu fördern, sieht Rohrwasser als seine Aufgabe an - und gerne gibt er "freundliche Unterstützung bei der bitteren Erkenntnis, dass es schwieriger ist, als man bei der Studienwahl gedacht hat".

Lust am Lesen


Und mit Freude beobachtet der Germanist, wie sich bei Studierenden nach dem Grundstudium Motivation, Neugierde und Mut zur Eigenständigkeit entwickeln. "Ich will die Leselust nicht zerstören, sondern Lust an der Literatur vermitteln", sagt Rohrwasser. Diese hat er sich selbst ebenfalls bewahrt - wenn sich auch der Literaturwissenschafter beim Lesen nicht "wegschalten" lasse. "Man liest immer mit dem Notizbuch in der Hand", berichtet Rohrwasser, "doch auch der Literaturwissenschafter kann Lust empfinden." Und wobei? "Unter den älteren Schriftstellern zählen E.T.A. Hoffmann und Ludwig Tieck zu meinen Lieblingsautoren, unter den österreichischen Schriftstellern Ernst Jandl und Thomas Bernhard." Und natürlich Canetti. (sk)


Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dr. Michael Rohrwasser mit dem Titel "Der Prophet Elias. Canettis Selbstinszenierung als Autor der 'Blendung'" findet am Mittwoch, 29. November 2006, um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt.


Buchtipp
:
Michael Rohrwasser: Freuds Lektüren. Von Arthur Conan Doyle bis zu Arthur Schnitzler. Gießen: Psychosozial-Verlag 2005

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