Die vergangenen beiden Jahrzehnte haben gezeigt, dass Kulturgüter im Kontext der sogenannten "neuen Kriege" zu wichtigen Instrumenten der Kriegsführung geworden sind - trotz wachsender Sensibilität von Medien, Öffentlichkeit und Politik und diversen Regelwerken des humanitären Völkerrechts, etwa der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten.
"Im Kontext von ethnischen Konflikten kommt es oft zu 'kulturellen Säuberungen' ganzer Landstriche, die darauf zielen, eine Wiederbesiedlung durch potenzielle RückkehrerInnen unattraktiver zu machen", erklärt Friedrich Schipper, Archäologe an der Evangelisch-Theologischen Fakultät: "Gleichzeitig sollen dadurch die Räume zu eigenen Siedlungszwecken historisch und kulturell umgedeutet werden." Zwei bekannte Beispiele solcher Konflikte sind die Kriege in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo in den 1990er Jahren.
Illegaler Handel mit geraubtem Kulturgut
Überall auf der Welt bilden bewaffnete Konflikte und politisch instabile Postkonfliktszenarien (z. B. im Irak und in Afghanistan) sowie lang anhaltende Besatzungen (etwa jene des Westjordanlands) den Kontext für Zerstörung und Plünderung von archäologischen oder kulturellen Stätten - wie Museen, Archiven oder Bibliotheken. Dieser Umstand gefährdet die wissenschaftliche Erschließung, den Erhalt und die allgemeine, öffentliche Zugänglichkeit von kulturellem Erbe in grundlegender Weise.
Der Handel mit geplündertem oder gestohlenem Kulturgut ist überdies ein profitabler Zweig der internationalen organisierten Kriminalität und wurde mittlerweile auch als eine nicht zu unterschätzende Einkommensgrundlage für Terrororganisationen identifiziert. "Gestohlene Kultur- und Kunstgegenstände stellen Schätzungen zufolge etwa 90 Prozent der Güter auf dem internationalen Kunstmarkt dar", sagt Schipper, der schwerpunktmäßig zur Entwicklung neuer Ansätze im Bereich Kulturgüterschutz bei bewaffneten Konflikten forscht.
Ehrung für Leistungen auf dem Gebiet des Kulturgüterschutzes
Bei der internationalen Konferenz "Archaology in Conflict" Anfang April in Wien versammelte der Archäologe unter der Schirmherrschaft der UNESCO und im Auftrag des World Archaeological Congress sowie der Kulturgüterschutzorganisation Blue Shield die wichtigsten ExpertÍnnen auf diesem Gebiet, um den Status Quo zu erheben und Perspektiven zu entwerfen. In diesem Rahmen wurde er für seine Leistungen auf dem Gebiet des Kulturgüterschutzes mit der Ehrenmedaille der Historical/Cultural Advisory Group des Central Command (CENTCOM) ausgezeichnet.
Zivile KulturexpertInnen beraten US-Militär
Das CENTCOM ist eines von sechs Regionalkommandozentren der US-Streitkräfte unter der Führung des US-Verteidigungsministeriums, zuständig für den Nahen Osten, Ostafrika und Zentralasien. Die Plünderung des irakischen Nationalmuseums in Bagdad im April 2003 sowie die seitdem anhaltenden Plünderungen archäologischer Stätten überall im Irak, aber auch in anderen Einsatzräumen des CENTCOM, sind für das kulturelle Erbe der Regionen katastrophal. Sie erwiesen sich aber auch als PR-Desaster für die US-Streitkräfte sowie die US-Regierung unter George W. Bush Jr.
Eine der Konsequenzen dieser Ereignisse war die Gründung der Historical/Cultural Advisory Group, einer Gruppe von zivilen KulturexpertInnen wie z. B. ArchäologInnen, die das CENTCOM bei allen Fragen des Kulturgüterschutzes in Einsatzgebieten unterstützt und berät. "Im September 2008 haben die USA schließlich auch die Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten - quasi mit 55 Jahren Verspätung - ratifiziert, sodass diese völkerrechtlichen Normen nun auch für das US-Militär bindend sind," sagt Schipper.
Österreichisches Know-how gefragt
Bei der Arbeit der Historical/Cultural Advisory Group geht es vorrangig um Bewusstseinsbildung bei den Soldaten, Sensibilisierung der Kommandanten sowie die Entwicklung von Ausbildungsmodulen in allen Belangen des Kulturgüterschutzes. Weiters sollen Richtlinien zur Implementierung von Kulturgüterschutzagenden in der militärischen Planung und Operation sowie für das Zusammenwirken von Militär und NGOs in den Einsatzbereichen entwickelt werden. "Dabei ist auch österreichisches Know-how immer wieder gefragt, da unsere ExpertInnen bei vielen dieser Themen führend sind", so der Wissenschafter.
Ehrenmünze in der Hosentasche
Friedrich Schipper ist der erst fünfte Leistungsträger, den das CENTCOM mit dieser speziellen, münzförmigen Ehrenmedaille ausgezeichnet hat. Diese Art der Ehrung spielt in der Tradition der US-Streitkräfte eine große Rolle und wird als Zeichen der besonderen Wertschätzung für hervorragende Leistungen vergeben.
Aber es wäre kein militärischer Brauch, wenn nicht ein Haken an der Sache wäre: "Als Münze ist sie nämlich ständig in der Hosentasche mitzuführen und bei einem Zusammentreffen mit dem Übergeber vorzuzeigen", so Schipper. Hat der oder die Geehrte die Münze nicht dabei, kann das als Zeichen der Geringschätzung der Ehrung durchaus übelgenommen werden und so wäre bei nächster Gelegenheit eine Kompensationsleistung fällig. Allerdings keine von wissenschaftlicher Natur: "Üblicherweise ist eine Runde Drinks fällig", schmunzelt der Archäologe. (Friedrich Schipper/red)
Mag. Dr. Friedrich Schipper lehrt und forscht am Institut für Alttestamentliche Wissenschaft und Biblische Archäologie der Evangelisch-Theologischen Fakultät. |