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Ulrich Körtner. Foto: privat


Institut für Ethik und Recht in der Medizin Institut für Systematische Theologie der Evangelisch-Theologischen Fakultät World Commission on the Ethics of Scientific Knowledge and Technology (COMEST) UNESCO Österreich
"Es braucht Geduld und einen langen Atem ..."
Wissenschaft, Köpfe & Karriere, Forschungsplattformen
Anna Kim (Redaktion) am 14. März 2006

Wissenschaftsethik, ein wichtiger und schwieriger Bereich - speziell, wenn es um Umsetzungen von Richtlinien auf internationaler Ebene geht. Damit wird sich Ulrich Körtner, Vorstand der Interfakultären Forschungsplattform "Ethik und Recht in der Medizin", als Österreich-Repräsentant in der "World Commission on the Ethics of Scientific Knowledge and Technology" (COMEST) für die Funktionsperiode 2006 bis 2009 beschäftigen.

Welche Missbrauchsgefahren ergeben sich aus den Patentierungen wissenschaftlicher Entwicklungen? Welche Kriterien kennzeichnet "richtiges" Handeln auf Seiten der WissenschafterInnen? Diesen und ähnlichen Fragen widmet sich die 1998 von der UNESCO gegründete "World Commission on the Ethics of Scientific Knowledge and Technology" (COMEST). Ihr Ziel ist es, einerseits ethische Kriterien für eine sicherere, gesundere, humanere und lebenswertere Welt auszuarbeiten, und andererseits die internationale Gemeinschaft für ethische Fragen in Sachen Wissenschaft, Technologie oder Telekommunikation zu sensibilisieren.

COMEST setzt sich aus 18 namhaften Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Politik der UNESCO-Mitgliedsstaaten zusammen. Die Mitglieder werden direkt durch den Generaldirektor Koichiro Matsuura für eine Periode von vier Jahren ernannt. Für 2006 bis 2009 vertritt O. Univ.-Prof. Dr. Ulrich Körtner vom Institut für Ethik und Recht in der Medizin Österreich in der Kommission.

Redaktion: Wie funktioniert die COMEST? Kann man sich das so vorstellen, dass diese 18 ExpertInnen zusammenkommen, diskutieren, Empfehlungen erstellen, um diese letztlich an EntscheidungsträgerInnen aus Politik und Wissenschaft weiterzuleiten?
Ulrich Körtner: Die COMEST ist ein "think tank" der UNESCO, dessen Aufgaben Sie ganz richtig beschreiben. Die Themen werden von den Mitgliedern selbst oder auch von außen an die Kommission herangetragen. Allerdings arbeitet das Gremium nicht frei schwebend, sondern ist der Abteilung für Wissenschafts- und Technikethik der UNESCO in Paris unter der Leitung von Henk ten Have, einem renommierten Medizinethiker aus den Niederlanden, zugeordnet.

Redaktion:
Was sind die Ziele der COMEST, lang- und kurzfristig?
Körtner: Die UNESCO hat für die Arbeit der COMEST drei grundlegende Ziele formuliert: 1. Die globalen Ethikdebatten sollen besser als bisher mit denen auf regionaler Ebene vernetzt werden. 2. Die COMEST soll sich bemühen, durch qualitätsvolle Studien Standards für die Mitgliedstaaten der UNESCO zu setzen, zum Beispiel im Bereich der Umweltethik. 3. Förderung und Verbesserung der Ethikausbildung in den Wissenschaften. Wer das alles erreichen will, braucht Geduld und einen langen Atem. 

Redaktion: Wie durchsetzungskräftig ist die COMEST? Oder, um die Frage etwas provokanter zu formulieren: Wurde sie von den UNESCO-Mitgliedstaaten nur als Alibi-Ethikkommission geschaffen oder kann sie tatsächlich - innerhalb der Wissenschaft und im realen Leben - Dinge bewegen?
Körtner: Als bloße Alibi-Veranstaltung sehe ich die COMEST nicht, sonst wäre ich nicht zur Mitarbeit bereit. Auf Grund meiner mehrjährigen Erfahrungen in der österreichischen Bioethikkommission gehe ich an die neue Aufgabe aber mit einer Portion gesunder Skepsis heran. Politikberatung ist auf nationaler wie internationaler Ebene ein mühsames Geschäft. Auch Ethik braucht Lobbying. Die 1998 ins Leben gerufene COMEST ist allerdings nicht die einzige Ethikkommission der UNESCO. Ein Jahr zuvor wurde das "International Bioethics Committee" (IBC) gegründet. Wie effektiv beide Kommissionen sind, hängt von unterschiedlichen politischen Faktoren ab, auch davon, wie gut die verschiedenen Aktivitäten auf dem Gebiet der Wissenschaftsethik vernetzt werden. Die UNESCO bemüht sich aber offenkundig um eine "nachhaltigere" Etablierung ethischer Fragestellungen. Ein Programmschwerpunkt der COMEST ist die Ethikausbildung im Rahmen der wissenschaftlichen Aus-, Fort- und Weiterbildung. Das halte ich für ganz wichtig. Ethik muss in Studienplänen, zum Beispiel in der Medizin, den Naturwissenschaften, aber auch der Ökonomie, einen festen Platz bekommen. Da lässt sich auch in Österreich noch eine Menge verbessern.

Redaktion: Eines der Vorhaben der COMEST in näherer Zukunft ist die Erstellung eines Ethik-Codex für WissenschafterInnen, was, wenn man den Skandal um den Klonforscher Hwang bedenkt, sehr sinnvoll erscheint. Welche Richtlinien sollte ein solcher Codex enthalten und welche auf gar keinen Fall?
Körtner: Für die medizinische Forschung gibt es bereits internationale Ethik-Codices wie die Helsinki-Tokyo-Deklaration. Es ist sinnvoll, einen Ethik-Codex auch für andere Wissenschaften zu erarbeiten. Die sich häufenden Fälle von geistigem Diebstahl und Fälschungen wissenschaftlicher Ergebnisse zeigen, dass auf dem Gebiet des Forschungsethos' einiges im Argen liegt. Forschende sollten zum Beispiel genötigt werden, ihre unternehmerischen Verflechtungen oder Interessen offenzulegen. Man nennt das auch den "conflict of interest". Außerdem sollte es bei Auftragsforschung zur Pflicht gemacht werden, dass nicht nur erwünschte, sondern auch unerwünschte Ergebnisse veröffentlicht werden. Richtlinien zur Forschungsethik dürfen aber nicht einer partikularen Moral verpflichtet sein, sondern müssen sich darauf beschränken, die allgemeinen Grundsätze der Menschenrechte auf dem Gebiet von Wissenschaft und Forschung anzuwenden.

Redaktion: Von der Kunst wird gefordert, dass sie frei zu sein habe (auch mit einem Seitenblick auf die Politik). Wie frei darf Wissenschaft sein? Wo sind ihre ethischen Grenzen? Sind diese eindeutig identifizierbar?
Körtner: Die Grenzen lassen sich nicht immer eindeutig bestimmen. Generell gilt aber, dass jede Forschung unethisch ist, welche die Würde des Menschen und die grundlegenden Menschenrechte verletzt. Unzureichend ist allerdings eine Wissenschaftsethik, die ausschließlich die Interessen der menschlichen Gattung im Blick hat. Tierethik und Umweltethik bzw. das Prinzip der Nachhaltigkeit müssen hinzugenommen werden. Letzteres lässt sich aber schwer operationalisieren. Die Freiheit der Wissenschaft kann nicht nur durch eine einseitige "Heuristik der Furcht", die der Philosoph Hans Jonas gefordert hat, gefährdet werden, sondern auch durch ökonomische Abhängigkeiten. Es genügt nicht, dass der Staat oder eine politische Gemeinschaft wie die EU Forschung zulässt. Die Aufgabe nationaler und internationaler Forschungspolitik besteht auch in aktiver Forschungsförderung, die sich aber nicht ausschließlich am Kriterium der wirtschaftlichen Verwertbarkeit von Forschungsergebnissen orientieren darf. Die zunehmende Ökonomisierung der Forschung und der Forschungspolitik gefährdet die Freiheit der Wissenschaft.

Redaktion: Welche Themen werden Sie in den Sitzungen von COMEST ansprechen?
Körtner: Neben der Frage, wie sich Forschungsethik in Bildungsprogrammen und Studiengängen besser verankern lässt, möchte ich die Entwicklung auf dem Gebiet der "Convering Technologies" zur Sprache bringen. Darunter versteht man die Vernetzung von Nano-, Bio-, Informations- und Kognitionswissenschaften (NBIC). Wir brauchen auf diesem Feld sicher keine neue Ethik, etwa eine "Nano-Ethik", wohl aber eine verbesserte interdisziplinäre Vernetzung. Converging Technologies ermöglichen völlig neuartige Kombinationen von biologischem und nichtbiologischem Material. Man erwartet sich von ihnen neue medizinische Anwendungen, zum Beispiel völlig neuartige Diagnosemethoden und synthetische Implantate, die Verwendung von Nanopartikeln bei der Behandlung von Tumorzellen oder den Einsatz von Chiptechnologie in der Neurochirurgie. Die Übertragung von organischen Molekülen in synthetische Stoffe  wird möglicherweise die Materialwissenschaft revolutionieren, so dass die Grenzen zwischen belebter und unbelebter Materie, zwischen Gehirn und Computer, zwischen organischen Kohlestoff- und anorganischen Siliziumverbindungen fließend werden. Converging Technologies eröffnen ganz neue Möglichkeiten, in das Leben von Mensch und Tier einzugreifen. Sie betreffen nicht nur Lebensanfang und Lebensende, sondern den gesamten Lebensverlauf. Die Grenzen zwischen Heilung und Optimierung der menschlichen Natur, zwischen Krankheit und Gesundheit beginnen noch stärker als bisher schon zu fließen. Converging Technologies sind zivil wie militärisch nutzbar. Forschungen auf diesem Gebiet sind immer "dual research". Außerdem entsteht eine Reihe neuer Sicherheitsprobleme, die vom Datenschutz bis zu möglichen Formen der "Nanopollution", das heißt der unerwünschten Kontamination von Individuen und Umwelt mit Nanopartikeln reicht. Eine umfangreiche Technikfolgenabschätzung und Begleitforschung werden also vonnöten sein. Die Converging Technologies zeigen, wie fließend inzwischen die Grenzen zwischen Bioethik und sonstiger Wissenschaftsethik sind. Die USA haben ihr finanzielles Engagement auf diesem Feld bereits dramatisch erhöht. In Europa, leider auch in der österreichischen Politik, ist das Thema aber bislang kaum in die Öffentlichkeit vorgedrungen. (ak)
 

Ulrich Körtner
ist Vorstand der Forschungsplattform für Ethik und Recht in der Medizin und des Instituts für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Er studierte Evangelische Theologie in Bethel, Münster und Göttingen, promovierte 1982 und habilitierte sich 1987 an der Kirchlichen Hochschule Bethel. Er ist seit 1992 Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. 2001 wurde er zum Wissenschafter des Jahres gekürt. Seine Forschungsschwerpunkte beinhalten: Fundamentaltheologie und Hermeneutik, Ethik, Medizinische Ethik, ökumenische Theologie, Eschatologie und Apokalyptik.

  

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