Die Fakultät für Sozialwissenschaften besetzte im September 2007 die Professur für "Allgemeine Soziologie und Analyse der Gegenwartsgesellschaft" mit Univ.-Prof. Dr. Sighard Neckel. Gesucht war ein/e "Spezialist/in fürs Allgemeine", der/die für die Grundlagen des Faches und die Weiterentwicklung der Theorie zuständig ist und wichtige soziale Prozesse der Gegenwart identifiziert und erklärt. "Über das Profil der Stelle bin ich sehr glücklich, weil es gut mit meiner eigenen soziologischen Orientierung übereinstimmt", sagt Sighard Neckel, der in seinem neuen Büro am Rooseveltplatz den Blick auf die Votivkirche genießt.
Prof. Neckel beschäftigt sich in seinen Forschungen mit der Kulturbedeutung des modernen Kapitalismus: "Mich interessiert, wie auf der einen Seite der moderne Kapitalismus der Gegenwart die Sinnstrukturen unseres Alltagslebens durchtränkt, und wie auf der anderen Seite die Wirtschaft kulturelle Veränderungen dieser Sinnstrukturen in sich aufnimmt."
"CyberCash"
In zwei eben ausgelaufenen Forschungsprojekten beschäftigte sich Sighard Neckel zum Beispiel mit dem Entscheidungsverhalten von Führungskräften aus den Bereichen Energietechnik und Energiewirtschaft sowie mit Konsumpraktiken in der virtuellen Alltagsökonomie. "CyberCash" lautete der Titel des letzteren. "Das Projekt 'CyberCash' behandelte die Veränderungen der privaten Lebens- und Haushaltsführung, wenn ein Gutteil davon über das Internet läuft", erzählt Prof. Neckel. Forschungsfragen waren unter anderem, ob sich die Bedeutung von Geld und unser Umgang mit Geld ändern, wenn Geld im Internet zu einer virtuellen Größe wird.
Entkopplung von Leistung und Erfolg
"In den letzten Jahren beschäftigte ich mich außerdem stark mit den Veränderungen von Leistung und Erfolg in der modernen Gegenwartsgesellschaft", sagt Sighard Neckel. Seine Diagnose ist, dass sich Leistung und Erfolg immer mehr voneinander entkoppeln. "In der Gesellschaft erfolgreich zu sein, basiert nicht unbedingt auf hervorragenden Leistungen, sondern durchaus auf willkürlichen, zufälligen Prozessen wie beispielsweise im Aktiengeschäft", erklärt der Soziologe und ergänzt: "Umgekehrt bedeuten hervorragende Leistungen noch lange nicht, Erfolg in der gesellschaftlichen Statuszuweisung zu haben."
Stichwort Leistung, Kollege Wettbewerb
Ein Forschungsvorhaben, das Neckel an der Universität Wien vorbereitet, ist die Soziologie von Wettbewerben - wie also Wettbewerbe das private und berufliche Leben prägen. "Wettbewerbe beeinflussen auch das Private bis hin zur Konkurrenz bei der Partnersuche im Internet", sagt Sighard Neckel. Ein damit verbundener Aspekt ist das Verhältnis von Geld und Gefühl - von Kapitalismus und Emotion. "Im Gegensatz zu alten soziologischen Auffassungen, die den Kapitalismus mit einer versachlichten, kalten Gesellschaft verbunden sahen, glaube ich, dass der Kapitalismus der Gegenwart unserer Gefühle bedarf", hält Neckel fest.
Permanente Emotionalisierung
Von Führungsprogrammen, in denen Manager lernen sollen, ihr Team zu begeistern, bis hin zu Konsumprodukten, die Freiheits- und Glücksgefühle wecken wollen - Neckel spricht von einer "Inflation der Gefühle": "Allein schon über den Konsum emotionalisiert der moderne Kapitalismus andauernd unsere Lebenswelt. Daraus entsteht unter anderem das Problem, dass wir immer unsicherer gegenüber unseren eigenen Gefühlen werden."
Ästhetik und Ökonomie
"Ein letzter Aspekt dieser Wechselwirkungen von Kultur und Ökonomie, die mich interessieren, ist das Verhältnis von Ästhetik und Ökonomie", sagt Sighard Neckel. Während das künstlerische Selbstverständnis früher der Welt des Geldes eher abgewandt war, vermutet Neckel, dass sich das ästhetische Urteil von Kunstwerken nun nicht mehr nur anti-ökonomisch bildet. "Der Preis, den bestimmte KünstlerInnen für ihre Werke auf internationalen Kunstmärkten erhalten, ist heute für die künstlerische Einschätzung ihrer Arbeit von überragender Bedeutung", so Neckel. Er will untersuchen, wie sich die Kriterien von Anlagekapital und Kunstwerken wechselseitig durchdringen.
Wien der richtige Ort
"Ich bin überzeugt, in Wien am richtigen Ort zu sein, um meine Forschung zu betreiben", so der neue Professor. Nach Jahren in der "deutschen Provinz" - er war zuletzt Universitätsprofessor in Gießen - freut sich Neckel, der seine wissenschaftliche Karriere in Berlin begann, wieder in einer Metropole zu sein. "Die Universität Wien hat so viele Facetten, so viele Fächer und damit so viele Anregungspunkte und Kooperationsmöglichkeiten", lobt er seine neue Alma Mater und zeigt auch an den Wiener Studierenden Gefallen: "Hier gibt es eine für Hauptstädte typische Gruppe Studierender, die weltoffener, interessierter, politischer ist - das fällt mir auf und das gefällt mir." (hh)
Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dr. Sighard Neckel mit dem Titel "Die gefühlte Unterschicht. Vom Wandel der sozialen Selbsteinschätzung" findet am Mittwoch, 16. Jänner 2008 um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. |