| Richard G. Plaschka wurde am 8. Juli 1925 als Sohn des Zentraldirektors Josef und seiner Gattin Magdalena auf Burg Vöttau (Bítov) an der Thaya in Südmähren geboren. Nach Besuch der tschechischen Volksschule in Bítov und des deutschen Gymnasiums in Znaim (Znojmo) rückte er im Sommer 1943 zur Deutschen Wehrmacht ein und geriet Anfang Mai 1945 im Böhmerwald zuerst in amerikanische, dann in russische Kriegsgefangenschaft, aus der er krankheitshalber rasch entlassen wurde. | So folgte er seinen mittlerweile heimatvertriebenen Eltern nach Niederösterreich, wo die Familie - entgegen der damaligen staatlichen Politik - von einem Bauern freundlich aufgenommen wurde.
Ab dem Studienjahr 1946/47 inskribierte Plaschka die Studienrichtung Geschichte an der Universität Wien, wobei er sich den Unterhalt für das Studium als Honorarmitarbeiter, später als Redakteur im Österreichischen Wirtschaftsverlag verdiente. Geistigen Rückhalt in den schwierigen Nachkriegsjahren boten die Klemensgemeinde und die CV-Verbindung "Nordgau". Bei den Professoren Hugo Hantsch und Heinrich Felix Schmid verfasste er seine Dissertation "Von Palacký bis Pekar. Geschichtswissenschaft und Nationalbewusstsein bei den Tschechen" (veröffentlicht 1955) und wurde 1954 zum Dr.phil. promoviert.
Im Jänner 1958 erhielt Richard G. Plaschka vom damaligen Unterrichtsminister Heinrich Drimmel den Auftrag, als Generalsekretär eine "Arbeitsgemeinschaft Ost" aufzubauen, die er als Obmann ab Jänner 1962 zum "Österreichischen Ost- und Südosteuropa-Institut" (OSI) ausbaute. In 30-jähriger Leitung bis September 1988 führte er das Institut am Wiener Josefsplatz 6 zu hoher nationaler und internationaler Reputation. Er tat dies nicht nur im engen Kontakt und mit Unterstützung Minister Drimmels, sondern ebenso auch unter Drimmels NachfolgerInnen Theodor Piffl-Percevic, Alois Mock, Herta Firnberg, Heinz Fischer und Hans Tuppy. Aus Niederösterreich erhielt er besondere Unterstützung von Landeshauptmann Siegfried Ludwig, einem Schulfreund aus dem südmährischen Znaim. Die Grundidee blieb im Wesentlichen bis zur Wende 1989 bestehen: Die Anknüpfung und Intensivierung institutioneller und persönlicher wissenschaftlicher Kontakte sollte den "Eisernen Vorhang" abbauen helfen.
Richard G. Plaschkas führende Tätigkeit im Österreichischen Ost- und Südosteuropa-Institut zeichnete sich in zweifacher Weise aus:- Es gelang ihm, in wissenschaftlicher Kooperation mit den Akademien und Universitäten in Prag (Praha), Brünn (Brno), Pressburg (Bratislava), Budapest, Krakau (Kraków), Laibach (Ljubljana), Agram (Zagreb), Belgrad (Beograd), Sarajevo, Sofia (Sofija), Bukarest (Bucuresti) und Moskau (Moskva) tragfähige Brücken zur Überwindung der Teilung Europas zu errichten. In vielen wissenschaftlichen Kongressen seit 1964 führte er gemeinsam mit Karlheinz Mack die WissenschafterInnen aus Ost und West zusammen und schuf ein "Wegenetz europäischen Geistes", das für das heute zusammenwachsende Europa von unschätzbarer Bedeutung ist.
- Richard G. Plaschka legte großen Wert auf die Sicherung langfristiger internationaler Forschungsprojekte - etwa mit dem Historischen Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften - sowie auf die präzise Umsetzung der Projekte in mustergültigen Publikationen. In den Buchreihen des OSI fanden sowohl hauseigene als auch Arbeiten anderer inländischer und ausländischer KollegInnen Aufnahme, wobei ein hoher Qualitätsstandard wesentliches Auswahlkriterium blieb. Eine Reihe von Monographien (etwa die von Robert A. Kann, Richard G. Plaschka - Horst Haselsteiner - Arnold Suppan, Helmut Slapnicka, Péter Hanák, Jirí Koralka) und Sammelbänden (Richard G. Plaschka - Karlheinz Mack, Helmut Rumpler - Arnold Suppan) zählen daher bereits heute zu Klassikern der Historiographie Ostmitteleuropas.
Nach seiner Habilitation 1962 mit dem Buch "Cattaro - Prag. Revolte und Revolution" machte Richard G. Plaschka an der Universität Wien rasche akademische Karriere: 1965 Außerordentlicher Professor, 1967 Ordentlicher Professor für Osteuropäische Geschichte, 1975-1977 Dekan der neugebildeten Geisteswissenschaftlichen Fakultät, 1980 Prärektor, 1981-1983 Rektor der Universität Wien und Vorsitzender der Österreichischen Rektorenkonferenz, 1984 Prorektor.
1977 zum Korrespondierenden, 1982 zum Wirklichen Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gewählt, führte Richard G. Plaschka von 1988 bis 1997 die Historische Kommission, die unter seiner Ägide eine Reihe international herausragender Veranstaltungen und Publikationen realisierte. 1985 wurde er Auswärtiges Mitglied der Serbischen Akademie der Wissenschaften, 1988 Ehrenmitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, im selben Jahr Mitglied der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste und des Collegium Carolinum in München, schließlich 1992 Auswärtiges Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Die Universitäten Sofia und Prag verliehen ihm 1991 bzw. 1998 Ehrendoktorate, die Slowakische Akademie der Wissenschaften die Große Goldene Ehrenmedaille. Parallel erfolgten viele inländische Ehrungen: 1976 Ehrenkreuz für Kunst und Wissenschaft I. Klasse, 1979 Anton-Gindely-Preis, 1984 Goldenes Kompturkreuz des Ehrenzeichens für Verdienste um das Land Niederösterreich, 1985 Großes Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, 1989 Wilhelm Hartel-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1992 Großer Kardinal-Innitzer-Preis.
Trotz intensiver wissenschaftsorganisatorischer Belastung blieb er ein vorbildlicher akademischer Lehrer, der zu seinen "Alt-Dissertanten" bis zuletzt engen Kontakt hielt. Richard G. Plaschka legte zudem 1984 und 2000 jeweils zweibändige Werke vor, die seine große Schaffenskraft und seinen weiten Horizont als Forscher unter Beweis stellten: "Matrosen, Offiziere, Rebellen. Krisenkonfrontationen zur See 1900-1918" und "Avantgarde des Widerstands. Modellfälle militärischer Auflehnung im 19. und 20. Jahrhundert."
Viele mündliche und schriftliche Beileidsbezeigungen beweisen den hohen Respekt, den sich Richard G. Plaschka als Wissenschafter und beliebter akademischer Lehrer in der nationalen und internationalen Fachwelt erworben hat. Hiebei ist nicht zuletzt sein besonderes Gespür für umsichtige Beurteilungen kritischer Situationen im Geschichtsverlauf hervorzuheben. Schließlich galt ihm die akademische Lehr- und Lernfreiheit als wesentlichste Richtschnur. Als Richard G. Plaschka als Vorsitzender der Österreichischen Rektorenkonferenz im Jahre 1983 Papst Johannes Paul II. zum Gespräch mit hunderten österreichischen WissenschafterInnen in der Hofburg begrüßte, sprach er auch sein wissenschaftliches Credo aus: "Verkünde - ob gelegen oder ungelegen..."
Das Österreichische Ost- und Südosteuropa-Institut und seine aktiven wie ehemaligen MitarbeiterInnen werden ihren langjährigen "Chef" und Ehrenpräsidenten stets in dankbarer Erinnerung behalten.
Der Autor ist Universitätsprofessor am Institut für Osteuropäische Geschichte. |