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Institut für Osteuropäische Geschichte der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät
In memoriam Walter Leitsch (1926-2010)
Nachrufe
Institut für Osteuropäische Geschichte am  1. März 2010

Das Institut für Osteuropäische Geschichte und die Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät der Universität Wien trauern um Walter Leitsch, der am Montag, den 22. Februar 2010, nach schwerer Krankheit verstorben ist.

Walter Leitsch, langjähriger Ordinarius für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien, wurde am 26. März 1926 in Wien geboren. Sein Leben und sein Schaffen spiegeln beispielhaft die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Vater jüdischer Herkunft musste Österreich 1938 mit seiner Familie verlassen und fand in Estland, der Heimat seiner Frau, Zuflucht. Dem Nationalsozialismus entronnen, wurde die Familie Opfer des Stalinismus. Sie wurde nach Kasachstan deportiert, wo der junge Leitsch mehr als fünf Jahre in Lagern verbrachte. Erst im Jahr 1947 kehrte er mit seiner Mutter - der Vater war im Lager verstorben - nach Wien zurück, wo er die Matura nachholte, Geschichte und Slawische Philologie studierte (1949–1954) und von 1953 bis 1956 den Ausbildungslehrgang am Institut für Österreichische Geschichtsforschung absolvierte.

Bereits davor, 1955, hatte seine Universitätskarriere begonnen; 1965 wurde Leitsch auf den Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte berufen, den er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1996 innehatte. Seit 1989 war er wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, seit 2001 Mitglied der Polnischen Akademie der schönen Künste in Krakau. 2004 wurde Leitsch das Goldene Doktordiplom der Universität Wien verliehen.

Das wissenschaftliche Oeuvre des bewundernswert polyglotten und bibliophilen Osteuropahistorikers war thematisch wie chronologisch gleichermaßen vielfältig und stets quellenorientiert: Russland zwischen Ost und West, Polen-Litauen und alle seine Nachbarn sowie die Geschichte der Wiener Osteuropahistoriographie. Seine ersten Arbeiten waren den Beziehungen des Moskauer Staates mit dem Kaiserhof im 17. und frühen 18. Jahrhundert gewidmet. Viele Jahre beschäftigte er sich mit Sigismund von Herberstein, dem österreichischen Diplomaten des frühen 16. Jahrhunderts, der mit seiner berühmten Moscovia das westliche Russlandbild für Jahrhunderte prägte. Den Großteil seines wissenschaftlichen Lebens widmete Leitsch dem Hofleben des Königs von Polen, Sigismund III. Vasa. Das erschienene vierbändige Opus Magnum durfte er noch kurz vor seinem Tod in den Händen halten.
 
Walter Leitsch war ein mitreißender Vortragender. Seine Vorlesungen verbanden wissenschaftliche Erkenntnisse mit einem Feuerwerk geistreicher Einfälle und erhellender Anekdoten. Er wirkte wie kaum ein anderer Österreicher seiner Generation als Vermittler zu Russland und Polen, als Lehrer an der Universität und über seine persönlichen Verbindungen. Nachdem er in seiner Jugend am eigenen Leib die Schrecken beider totalitären Systeme erleiden musste, durfte Leitsch im reiferen Alter den Zusammenbruch des Sowjetsystems und die Öffnung der Grenzen zum östlichen Europa erleben.

Das Institut für Osteuropäische Geschichte, das ihm als eines der wenigen Institute der Universität Wien eine monographische Institutsgeschichte verdankt, verliert einen großen Wissenschafter und Lehrer, seine Familie einen liebenden Vater, Großvater und Urgroßvater.


Die Trauerfeier findet am Freitag, den 5. März 2010, um 9.30 Uhr in der Feuerhalle Simmering statt (Wien 1100, Simmeringer Hauptstraße 337).


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